Reinhold Beckmann/Helmar Büchel: Unser Krieg? Deutsche Kämpfer gegen IS-Terror. Reihe „#Beckmann“ (ARD/NDR)

Mogelpackung

Eine Auslandsreportage im Ersten zur besten Sendezeit, unmittelbar nach der 20.00-Uhr-„Tagesschau“? Wow! So etwas hat es lange nicht gegeben. Ein solches Privileg würde jeder Korrespondent fraglos als Ritterschlag empfinden, denn um diese Uhrzeit darf ein Auslandsberichterstatter sonst allenfalls auf den Schirm, wenn in seinem Berichtsgebiet eine (Natur-)Katastrophe oder ein Attentat mit zahlreichen Toten stattgefunden hat, das den ARD-Programmplanern einen „Brennpunkt“ als angemessen erscheinen lässt. Aber besondere Krisen erfordern nun mal besondere Maßnahmen. Und das Treiben der skrupellosen IS-Krieger in Syrien und im Nordirak ist allemal Grund genug für eine Reportage zur besten Sendezeit.

Doch die außergewöhnliche Ehre der Primetime wurde nicht etwa Volker Schwenck, Leiter des ARD-Studios in Kairo und auch für den Nahen und Mittleren Osten zuständig, zuteil, sondern Reinhold Beckmann. Der ist bekanntlich Moderator der „Sportschau“ und hat bis September 2014 fünfzehn Jahre lang die Talkreihe „Beckmann“ moderiert. Als Reporter und Filmemacher oder gar Nahostexperte ist Beckmann bislang kaum in Erscheinung getreten. Und immerhin mag man dem 59-Jährigen zugute halten, dass er hier in der ersten Ausgabe seiner neuen Informationsreihe „#Beckmann“ auch gar nicht versuchte, sich als solcher auszugeben. Vielmehr begab er sich als neugieriger und vor allem betroffener Bürger in den Norden des Irak, um das Leiden der Jesiden persönlich in Augenschein zu nehmen und nun unter dem Titel „Unser Krieg? Deutsche Kämpfer gegen IS-Terror“ darüber zu berichten.

Auf das Thema der von den IS-Terroristen verfolgten religiösen Minderheit war er, wie er zu Beginn des Films wissen ließ, bei einer der letzten Ausgaben seiner Talkshow gestoßen. Doch vermutlich hätte sich Beckmann für die Lage der Jesiden kaum sonderlich interessiert, wäre er nicht auf Seleman Shesho gestoßen, einen Studenten und deutschen Staatsbürger aus dem ostwestfälischen Bad Oeynhausen, der sich auf den Weg in den Irak machen wollte, um seinen Glaubensbrüdern zu helfen. Nach einem Action-Vorspann mit Gewehrfeuer und Wackelbildern sieht man den Reporter zu Besuch bei den Sheshos. Beckmann öffnet die Tür, die Kamera nimmt ihn vom Flur aus ins Bild und der Besucher sagt: „Ich bin richtig hier bei Familie Shesho?“ Wer hätte es gedacht, Beckmann war richtig. Mit Verlaub, derartig absurd inszenierte, scheinbare Spontanbesuche findet man heute allenfalls noch in Formaten wie „Frauentausch“ (RTL 2).

Nächste Station des Reporters ist die niedersächsische Stadt Oldenburg, wo eine jesidische Gemeinde gerade einen Hilfskonvoi für den Nordirak zusammenstellt. Kommentar: „Ein rollendes Zeichen der Hoffnung“. Beckmann geht vorbildlich in die Hocke und plaudert mit Kindern, die Spielzeug gespendet haben. „Die brauchen Hilfe“, sagt eines. Der Reporter ist gerührt. Zur Verstärkung gibt’s obendrein gefühlige Klaviermusik. Schon hier wird deutlich, dass es dem Forschenden weniger um (politische) Informationen als um Emotionen geht.

Einigermaßen überraschend stellt er dann noch eine Studentin aus der jesidischen Gemeinde als seine Reisebegleitung in den Irak vor und in den nächsten Bildern ist Reinhold Beckmann dann auch schon im Geländewagen an der Front. „Rauch markiert den Einschlag der Mörsergranaten“, raunt er dramatisch im Off. Wer die Granaten abgefeuert hat, die da in ganz weiter Ferne für Rauchzeichen sorgen? Egal. Bald sitzt Beckmann wieder im – von mehreren Fahrzeugen gesicherten – Geländewagen und schaut angespannt drein. Damit ja keiner auf die Idee kommt, es könnte sich hier um eine harmlose Landpartie handeln, stellt er klar: „Hier kann der IS jederzeit einen Überraschungsangriff starten.“

Kurz darauf demonstriert er seine Kompetenz in Sachen Kunstpause: „Es scheint ein wenig Ruhe eingekehrt zu sein.“ (Pause) „Eine trügerische Ruhe.“ Später packt er den dramaturgischen Taschenspielertrick noch einmal aus: „Die Temperaturen sinken hier nachts bis auf zehn Grad“. (Pause) „Zehn Grad minus“. So salbadert sich der erfahrene Talker im Betroffenheitsduktus durch seine Reportage, während die Kamera gern traurige Kinderaugen ins Bild nimmt. Und als seiner deutschen Begleiterin irgendwann angesichts des Elends die Tränen kommen, ist Beckmann zur Stelle, nimmt die Frau demonstrativ in den Arm und tätschelt ihr den Kopf. Solche Fälle mögen hinter der Kamera bei vielen Reportagen aus Kriegsgebieten vorkommen, aber sie erscheinen aus guten Gründen nicht im Bild. Hier hingegen hatte man den Eindruck, als handle es sich um eine zentrale Sequenz des Films. Fast müßig zu sagen, dass Beckmann in dieser Presenter-Reportage seine eigene Person, selbst für dieses Genre, über Gebühr in Szene setzte.

Unterm Strich konnte man diesem 45-minütigen Film, bei dem die Aufgabenverteilung zwischen Beckmann und seinem Koautor Helmar Büchel unklar blieb, in puncto Information kaum mehr entnehmen, als dass es den Jesiden schlechtgeht. Doch davon hatte man auch zuvor durchaus schon gehört und gelesen. Man weiß nicht, wie Korrespondent Volker Schwenck den Film fand, aber vermutlich wird sich die ARD nun auf Jahre rühmen, einmal eine Auslandsreportage zur besten Sendezeit im Ersten ausgestrahlt zu haben. Indes, es war unter diesem Etikett schlicht eine belanglose, bisweilen sogar ärgerliche Mogelpackung. Da hatte es in diesem Fall fast schon etwas Tröstliches, dass der Auftakt zu dieser neuen, in loser Folge ausgestrahlten Reihe mit dem neumodischen Sendetitel trotz immensen Werbeaufwands (Beckmann als Gast in vielen Talkshows, ganzseitige Anzeige im „Spiegel“) beim Publikum nicht landen konnte: 1,91 Mio. Zuschauer reichten gerade einmal für einen Marktanteil von 5,6 Prozent.

06.03.2015 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 6/2017

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren