Ralf Bücheler: Mission Control Texas (3sat)

Der Gottesleugner aus dem Bürgerkanal

Am Tag der Ausstrahlung dieses Dokumentarfilms wird im texanischen Austin, wie jeden Sonntag, mutmaßlich wieder eine Ausgabe der Sendereihe „The Atheist Experience“ zu sehen sein. Es handelt sich dabei um eine Talkshow der einfachsten Ausführung, gesendet über das Kabelnetz im dortigen Bürgerkanal Channel Austin. Dessen Motto lautet: „Create community through media“ („Durch Medien Gemeinschaft stiften“). Zwei Gastgeber an einem Pult, die Gesprächspartner am Telefon, das ist alles, was bei „The Atheist Experience“ formal geboten wird. Es gibt keine Einspieler, keine Studiogäste, keine Showeinlagen. Nur eine Handvoll Besucher jenseits der Kameras sind dabei. Nicht mit aufwendigen Inszenierungen, sondern mit ihren Themen hat die Sendung einen erheblichen Bekanntheitsgrad erlangt. Über das Internet ist sie weltweit zu sehen; die Anrufe kommen nicht nur von texanischen Zuschauern, sondern aus den gesamten USA.

Es gibt mehrere Moderatoren, dominante Figur ist Matt Dillahunty, Jahrgang 1969, zur Zeit der Dreharbeiten arbeitslos, ein gefragter Vortragsredner und Diskussionsteilnehmer. In seinem 85-minütigen Dokumentarfilm „Mission Control Texas“ (Produktion: If…Productions zusammen mit 3sat/ZDF und der Hochschule für Fernsehen und Film München/HFF) verzichtet Autor und Regisseur Ralf Bücheler auf nähere Angaben zu Dillahuntys Biografie und überhaupt auf jeglichen Kommentar; er lässt die Protagonisten und nicht zuletzt die Bilder für sich sprechen. Die Aufnahmen zeigen die Produktion der Gesprächssendung und die Auseinandersetzungen der Gastgeber mit ihren Anrufern über theologische und philosophische Themen, aber auch politische Fragen wie den Streit um das Verbot oder die Zulassung von Abtreibungen.

Dillahunty und seine Kollegen fungieren nicht als Moderatoren, sind keine Mittler zwischen den Positionen, sondern beziehen eindeutig Stellung. Russell Glasser, ein anderer „Host“ der Sendereihe, erläutert einem Fragesteller: „Wir stehen für positiven Atheismus und die Trennung von Kirche und Staat.“ Matt Dillahunty ist ein charismatischer Wortführer, oft konfrontativ, belehrend. Angesichts demonstrativer Ignoranz verliert er schon mal die Geduld, die Relativierung der Sklavenhaltung unter Berufung auf die Bibel weckt seinen Zorn. Durch seine rigorose Art – manchmal wirft er einen Anrufer kurzerhand aus der Leitung – macht er sich angreifbar. Doch es gibt auch eine andere Seite, wenn er vom Verhältnis zu seinem gläubigen Vater spricht und über das Bekenntnis zum Atheismus, das in der Sendung mit dem Outing von Homosexuellen verglichen wird. Nicht nur in streng religiösen Familien eine konfliktträchtige Angelegenheit.

Dieser Punkt wie überhaupt die Emphase der atheistischen Fernsehmacher aus Texas, die der Film anhand ihrer Sendereihe porträtiert, ist nur zu verstehen, wenn man das gesellschaftliche Umfeld kennt, das sie geprägt hat. Um dies zu vermitteln, findet Ralf Bücheler eine brillante Lösung: Er zeigt, wiederum kommentarlos, Szenen aus dem religiösen Leben der Südstaaten, blendet Bilder ein von kleinen freikirchlichen Gebetshäusern, die Namen haben wie „Church of Christ“, „Christ’s Church“ oder „River of Life“, und er zeigt dazu deren Werbetafeln. Manche dieser Kirchen sind regelrecht zielgruppenorientiert, so die „Llano Cowboy Church“, deren Podium im Ranch-Stil gehalten ist, mit einem aus Hufeisen geschmiedeten Kreuz am Rednerpult, verwittertem Holz, Strohballen und Cowboyhüten als Dekoration – purer Westernkitsch in einer ansonsten schmucklosen Fertigbauhalle.

In einer anderen Kirche betet der Prediger zu Jesus und klagt: „Die Regierung kämpft gegen Jesus. Und sie kämpft gegen die Heilige Schrift. […] Wir bannen den bösen Geist im Weißen Haus, den Geist des Antichristen. Wir bannen ihn im Namen Jesu.“ In gleicher Gesinnung eröffnen die „Tea Party Patriots“ ihre Versammlungen mit einem Gebet. Sie erflehen Gottes Hilfe, er möge der Nation einen „neuen Geist“ schenken; danach werden die Teilnehmer auf die US-amerikanische und die texanische Flagge eingeschworen.

Erschütternd die Szene aus einer anderen Freikirche, in der der Prediger ein Mädchen im Alter von ungefähr zehn Jahren namentlich nach vorn ruft und ihm vor der Gemeinde das Bekenntnis abverlangt, dass es gerettet werden wolle. Die Kleine steht in einem Kreis von Gläubigen, weint und birgt den Kopf an der Brust der Mutter. Kleinlaut und mit tränenerstickter Stimme spricht sie die Worte des Predigers nach, erhält dafür Beifall. Anschließend wird die Gemeinde aufgerufen, für das Kind zu beten, das diese Anprangerung verstört und verständnislos über sich ergehen lässt.

Daneben gibt es die erfolgreichen Fernsehprediger wie Joel Osteen, der in Houston über ein millionenschweres Medienimperium gebietet, mit einem Saal für 16.800 Personen nebst Bildungs- und Beratungseinrichtungen, und dessen Predigten, begleitet von schmissigen Musikeinlagen mit großem Orchester, in über hundert Länder übertragen werden. Das christliche Kreuz sucht man auf Osteens Showbühne vergeblich; in den Predigten des strahlenden Sonnyboys verbinden sich Elemente der Frohen Botschaft meist mit religiös verbrämtem Motivationstraining und Slogans wie: „Du hast der Welt etwas zu bieten. Du bist einzigartig.“

Der Alltag dieser freikirchlichen Gemeinden wird umfassend von einer Art Pop-Religion bestimmt. Vor Rodeos wird gemeinschaftlich gebetet, das Führungsfahrzeug beim NASCAR-Autorennen trägt die Aufschrift „One Way Jesus“. Im Radio freut sich ein Moderator darüber, dass der Bundesstaat Georgia die Geldstrafe für das Führen von Waffen in einer Kirche drastisch gesenkt hat. Und berichtet begeistert, dass manche Prediger selbst Waffen tragen.

Es sind teils bizarre Phänomene, auch Auswüchse der US-amerikanischen Religionsauffassung, die hier als nüchterne Beobachtungen beiläufig einfließen; mitunter ist man geneigt, vom Missbrauch christlicher Werte und Symbole zu sprechen. Vor dem Hintergrund dieser lebensweltlichen Erfahrung wird das leidenschaftliche Wirken engagierter Atheisten wie Matt Dillahunty für den Betrachter verständlich – und damit auch der um die Ecke gedachte Wortspiel-Titel des Dokumentarfilms: Das kleine TV-Studio des Bürgerkanals wird interpretiert als Beobachtungsraum, die Sendung „The Atheist Experience“ als kleines Korrektiv gegen Kommerzialisierung und Instrumentalisierung des christlichen Glaubens.

Matt Dillahunty übrigens, das verschweigt der Film, wollte einst selbst Prediger werden. Erst die intensive Beschäftigung mit den kirchlichen Lehren machte ihn zum Gottesleugner.

15.06.2015 – Harald Keller/MK