Peter Greste: Datenkrake Facebook. Das Milliarden-Geschäft mit der Privatsphäre (ZDFneo)

Die geistlose Mechanik des Netzwerks

30.09.2017 • Im Dezember 2013 wurde der australisch-lettische Journalist Peter Greste, damals für den in Katar ansässigen TV-Nachrichtensender Al Jazeera als Korrespondent tätig, in Ägypten verhaftet und bald darauf zu einer siebenjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Der Vorwurf: Er unterstütze die als Terrororganisation erachtete Muslimbruderschaft, wofür die Staatsanwaltschaft allerdings keine Beweise vorlegte. Nach gut einem Jahr kam Greste überraschend frei und wurde nach Australien abgeschoben. Das, so der Reporter und Dokumentarist, habe er allein Facebook zu verdanken gehabt. Mit Hilfe der Plattform konnte seine Familie seinem Fall zu enormer Publizität verhelfen. Laut Greste hätten es die Algorithmen des sozialen Netzwerks ermöglicht, zahlreiche Gleichgesinnte zu mobilisieren, die sich für sein Freikommen eingesetzt haben: Eine große Anzahl von Unterstützern, die ohne das soziale Netzwerk niemals so rasch zusammengefunden hätten. Doch nur wenig später sorgten dieselben, im Hintergrund arbeitenden Automatismen dafür, dass sein Facebook-Konto gelöscht wurde. Vermutlich wurde Greste als Terrorist eingeschätzt.

Mit seinem jetzt von ZDFinfo als deutsche Erstausstrahlung gezeigten und ursprünglich für das australische Fernsehen entstandenen Film „Datenkrake Facebook. Das Milliarden-Geschäft mit der Privatsphäre“ (der Originaltitel lautete ziemlich anders: „Facebook: Cracking the Code“; Produktion: Four Corners) versucht Peter Greste transparent zu machen, wie solche widersprüchlichen Reaktionen des sozialen Netzwerks einzuschätzen sind. Als einen von mehreren Kronzeugen ruft er hierfür Adam Schrader auf, der bis vor kurzem für ein großes im Auftrag von Facebook arbeitendes Redaktionsbüro tätig war, das sich ausschließlich mit dem Prüfen und Recherchieren auf Facebook geposteter Nachrichten beschäftigte. Die Faktenchecker gerieten in die Kritik: Sie würden vorwiegend konservative Meldungen herausfiltern und depublizieren. Facebook-Chef Mark Zuckerberg ließ daraufhin das Büro schließen und durch Algorithmen ersetzen. Ob tatsächlich alle menschlichen Kräfte durch computerisierte Prozesse ersetzt wurden, wird im Film nicht deutlich. Das ist problematisch, denn nachdem die Arbeit erfahrener Journalisten digitalisierten Schaltkreisen anvertraut worden war, so eine der Hauptthesen des Films, sei es überhaupt erst zur gegenwärtig beklagten Flut von Fake News gekommen – die sogar den US-Wahlkampf beeinflusst hätten.

Diese These versucht der Film zu belegen. Vor der Kamera erklärt Patrick Ruffini, Wahlkampfmanager der Republikaner, dass er durch „zielgerichtete Facebook-Nutzung“ Social-Media-Maps erstellt habe, um mittels „datengesteuerter Werbeanzeigen“ die politische Stimmung in den USA zu beeinflussen. „Wir können den einzelnen Wähler in den einzelnen Bezirken genau berechnen“, behauptet Ruffini. Hat Facebook durch die technische Ermöglichung solcher Manipulationen und der gleichzeitigen Verbreitung von Falschmeldungen zum Wahlsieg des jetzigen US-Präsidenten Donald Trump beigetragen?

Solche Mutmaßungen sind nicht neu. Im Detail kann auch Peter Greste sie nicht wirklich belegen. Deshalb geht seine zuweilen etwas spekulative Dokumentation mit solchen Behauptungen vorsichtig um. Sehenswert ist sein knapp 45-minütiger Film insbesondere aus einem anderen Grund. Er sensibilisiert für die Problematik der automatisierten Analyse des Nutzungsverhaltens von Facebook-Mitgliedern. In Gesprächen mit Journalisten, Marketing- und Werbeexperten, IT-Spezialisten und Psychologen wird deutlich, dass die minutiöse Auswertung der Browserdaten aller Facebook-Nutzer dazu dient, den Usern eine jeweils passgenaue Werbung zuzuspielen. Reklame sei nämlich nur dann nervig, wenn sie uns mit Spots für Produkte bombardiere, die uns nicht interessierten. Laut einer Studie würden „die geheimen Verführer“ jedoch toleriert und gar als angenehm empfunden, wenn sie persönliche Interessen möglichst passgenau widerspiegeln. Auch das erscheint nicht vollkommen neu. Der Film zeigt jedoch, mit welch erschreckender Konsequenz Facebook diese Datensammlung betreibt, die, so der ehemalige Hacker Nik Cubrilovic, selbst das Browserverhalten solcher PC-Benutzer erfasst und auswertet, die sich niemals bei Facebook selbst eingeloggt haben.

Nun könnte man einwenden, dass die elektronische Zusendung ungewollter Werbung nicht gleich den Untergang des Abendlandes bedeutet. Werden aber beispielsweise einem 14-Jährigen, der sich nicht geoutet hat, ungewollt Gay-Commercials zugespielt, dann könnten dessen Eltern so erfahren, dass ihr Junge schwul ist. Facebook überschreitet hier eine rote Linie, und der Film führt vor Augen, warum dies nicht nur ausnahmsweise geschieht. Als Ende 2015 die Konten zahlreicher Frauen namens Isis gesperrt wurden, weil Facebook sie automatisch der Terrororganisation ISIS (= „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“) zuordnete, schlug dies keine allzu hohen Wellen. Größer war die Empörung, als im September 2016 Nick Uts berühmtes Foto aus dem Vietnamkrieg auf Facebook gelöscht wurde. Das Bild aus dem Jahr 1972 zeigt die damals neunjährige Kim Phuc, die schreiend und splitternackt vor den Napalmbomben davonläuft. Für Facebook fällt diese ikonische Kriegsfotografie unter die Kategorie „unerlaubt veröffentlichte Nacktheit“ und wird deshalb automatisch gelöscht.

Solche grotesken Zensuraktionen wurden in der Presse als „dämlich“ verurteilt. Grestes Film verdeutlicht jedoch, dass man einen Kategorienfehler begeht, wenn man jenen Algorithmen, die all dies bewerkstelligen, nur einen Mangel an Intelligenz unterstellt. In der Dokumentation kann zwar nicht im Detail erklärt werden, wie die Algorithmen funktionieren – „wie sie genau arbeiten, ist ein streng gehütetes Geheimnis“ –, der Film lässt aber erahnen, dass ihre geistlose Mechanik dazu gemacht ist, um bei der Überprüfung von 100 Mio Einträgen pro Monat das Kreative, Spontane und Individuelle menschlicher Kommunikation systematisch zu nivellieren. Auf diese Weise werden gegenwärtig die insgesamt knapp zwei Milliarden Facebook-Mitglieder – also fast ein Viertel der Weltbevölkerung –, digital über einen Kamm geschoren. Vielfalt und Widersprüchlichkeit subjektiver Ausdrucksformen werden so mit einer mechanischen Zwangsläufigkeit ausgefiltert.

So lässt sich vielleicht auch die vorübergehende Sperrung von Peter Grestes eigenem Facebook-Account im Jahr 2014 erklären. Möglicherweise tauchte sein Name zusammen mit Suchbegriffen wie „Terrorist“ in einer bestimmbaren Häufigkeit auf. Das System löscht den Benutzer dann mit derselben Zwangsläufigkeit, mit der ein Thermostat die Heizung abschaltet, sobald eine gewisse Temperatur erreicht ist. Fazit: In seiner visuell flott gemachten Dokumentation tritt Greste selbst als Conférencier auf und verwebt seine persönliche Geschichte überzeugend mit der Facebook-Problematik. Über wichtige Themen, die in diesem Zusammenhang ebenfalls eine Rolle spielen, wie etwa das Zeitungssterben, geht der Filmautor hier und da etwas schnell hinweg, er vermittelt dafür aber differenzierte Einblicke in die Funktionsweise der vielzitierten Algorithmen und die Folgen davon.

30.09.2017 – Manfred Riepe/MK