Peter Gerhardt/Ilyas Mec/Ahmet Senyurt: Sterben für Allah? Deutsche Gotteskrieger auf dem Weg nach Syrien (ARD/HR/BR/SWR)

Hören und gehorchen

Die Hauptfigur dieser ARD-Dokumentation ist seit Dezember 2013 nicht mehr am Leben: Der deutsche Staatsbürger Enis Ü. aus Frankfurt-Bockenheim starb im Alter von 16 Jahren in Syrien – drei Monate nachdem er dort eingetroffen war, um sich als djihadistischer Kämpfer am mittlerweile seit drei Jahren tobenden Bürgerkrieg zu beteiligen. Streng genommen war Enis Ü. ein Kindersoldat.

Der von vier Redakteuren – Julia Klüssendorf, Meinhard Schmidt-Degenhard (jeweils HR), Stefan Meining (BR) und Mechthild Rüther (SWR) – betreute Film „Sterben für Allah? Deutsche Gotteskrieger auf dem Weg nach Syrien“ versteht sich als „Spurensuche“, er zeichnet die Entwicklung des Verstorbenen von einem „lebenslustigen Teenager“ zu einem islamischen Fundamentalisten nach. Die drei Autoren versuchen zudem nachzuzeichnen, wie andere junge Menschen aus Deutschland Anhänger der Gruppe Islamischer Staat (IS) werden konnten. IS, eine der brutalsten Terrororganisationen, die derzeit weltweit aktiv sind, ist nicht nur eine von drei Bürgerkriegsparteien in Syrien, aktuell ist die Gruppe zum Beispiel auch im Nordirak auf dem Vormarsch. Aufgrund dieser Entwicklung hat diese Dokumentation eine Relevanz gewonnen, die bei den Dreharbeiten vermutlich noch nicht absehbar war.

Kurze Passagen von „Sterben für Allah?“ waren bereits am 29. Juli im ARD-Magazin „Report“ (BR) zu sehen gewesen. An den Recherchen für diesen Beitrag des Münchner Fernsehmagazins hatte auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) mitgewirkt, die an dem Langfilm allerdings nicht beteiligt war. Die Überschneidungen zwischen Magazinbeitrag und 45-Minuten-Doku betreffen die niederrheinische Stadt Dinslaken, eine Hochburg in einem sehr zweifelhaften Sinne. „Rund 25 junge Muslime aus Dinslaken und Umgebung“ kämpften derzeit für IS in Syrien, heißt es in „Sterben für Allah?“. Insgesamt seien mehr als 300 Deutsche am Bürgerkrieg in Syrien beteiligt.

Wie konnte es eigentlich passieren, dass diese Gotteskrieger aus Deutschland, einem Land „mit einer gut funktionierenden Verwaltung“, ausreisen konnten, fragt ein Kommandant der ‘Freien Syrischen Armee’, dessen Gesicht der Zuschauer nicht sieht. Er möchte ebensowenig erkannt werden wie die Mutter des getöteten Enis, die „nicht mal weiß, wo sein Grab ist“. Die Autoren haben beim Gespräch mit ihr nur den Ton aufgezeichnet. Die Bilder dazu haben sie nachgestellt.

Einen Weggefährten von Enis haben die Filmemacher vor die Kamera bekommen: einen jungen Bockenheimer Gemüseverkäufer. Er sagt zwar nichts über den Toten, nutzt die Gelegenheit aber zum Dekretieren. „Islam heißt: Hören und gehorchen.“ Für den an der Universität Münster lehrenden Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide haben solche Äußerungen deutscher IS-Sympathisanten mit dem Islam recht wenig zu tun: „Ich erkenne meine Religion nicht wieder“, sagt er. In gewisser Hinsicht lässt sich die Ideologie des IS durchaus mit dem Schlagwort „Mission unter falscher Flagge“ beschreiben – um den Titel des Films über evangelikale Christen aufzugreifen, den das Erste direkt zuvor gezeigt hatte. „Mission unter falscher Flagge“ war der erste Teil gleichsam eines Religionsschwerpunkts, den die ARD-Programmmacher freilich nicht als solchen annonciert hatten.

„Sterben für Allah?“ (1,01 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,9 Prozent) beschreibt eine Bedrohung, deren Ausmaß sich noch nicht erahnen lässt. Die Autoren werfen etwa die Frage auf, wie die hiesige Gesellschaft damit umgehen soll, wenn die radikalen Syrien-Kämpfer eines Tages nach Deutschland zurückkehren. Alarmistisch ist der Tonfall der Dokumentation jedoch nicht. Dabei geht das Problem noch darüber hinaus, dass junge Männer aus Deutschland in Syrien als Terrorkämpfer unterwegs sind. Am Rand einer Kundgebung des salafistischen deutschen Predigers Pierre Vogel, der vom evangelischen Christentum zum Islam konvertiert ist, äußert sich ein weiblicher Teenager gegenüber dem ARD-Team zum Reiz der Veranstaltung: „Es ist, wie wenn andere zum Konzert gehen“, zum Beispiel, so sagt sie, zu Miley Cyrus. Islamistische Fundamentalisten als Pop-Idole hiesiger Jugendlicher – eine beunruhigende Perspektive.

• Text aus Heft Nr. 32/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

08.08.2014 – René Martens/FK

Print-Ausgabe 19/2017

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