Paula Milne/Oliver Hirschbiegel: Der gleiche Himmel. 3-teiliger Fernsehfilm (ZDF)

Merkwürdiges Mixtum

Ein merkwürdiges Gesamtprodukt war dieser Dreiteiler „Der gleiche Himmel“, dessen Folgen das ZDF am Montag, Mittwoch und Donnerstag zur besten Sendezeit ausstrahlte. Da ist zum einen die Erzählkonstruktion, die deutlich auf eine fortzusetzende Serie schielt, so also auch beim dritten Teil offen endet und nur mit einigen eingeblendeten Schriftsätzen über den Stand der Dinge informiert. Dieses Serielle zeigte sich auch darin, dass ungefähr alle 25 Minuten sich Spannung aufbaute, die sich erst nach einem kurzen Moment des Zögerns entladen durfte. Dass diese Erzählmechanik durch das Erzählte oft durchschimmerte, minimierte die Neugier auf das Erzählte, weil vieles erwartbar war und nur weniges überraschte.

Da ist zum zweiten die von Drehbuchautorin Paula Milne erdachte Geschichte, die als Agententhriller angelegt ist, aber zugleich und am Ende immer stärker nach vorne drängend ein Familiendrama sein soll. Schon die Agentengeschichte setzte auf Altbekanntes, denn die von der Stasi der DDR angewandte Methode der Westaufklärung, männliche Agenten – sogenannte Romeos – auf Frauen in der Bundesrepublik anzusetzen, um von diesen Informationen aus deren sensiblen Arbeits- und Dienstbereichen abzuschöpfen, wurde schon zu oft im Fernsehen erzählt, als dass es einen hier wirklich noch einmal für sich einnehmen konnte. Auch die familiären Dramen um gescheiterte und scheiternde Ehen, mit kleinen und großen Geheimnissen, mit den Projektionen der Eltern auf ihre Kinder und mit der Eifersüchtelei zwischen Geschwistern kamen einem so bekannt vor, dass ihre jeweilige Entwicklung absolut vorhersehbar war.

Schön hingegen die Doppelperspektive, dass der DDR-Agent Lars Weber (Tom Schilling) ausgerechnet auf eine junge Frau angesetzt wird, Sabine Cutter (Friederike Becht), deren (Stief-)Vater als hoher Agent des US-amerikanischen Geheimdienstes NSA in West-Berlin arbeitet. Wie sich die beiden belauern, das hatte schon einen gewissen Reiz. Absurd hingegen die angedeutete Geschichte einer rechten Verschwörung in der Bundesrepublik, die möglicherweise von US-Präsident Richard Nixon oder seinem Außenminister Henry Kissinger finanziert worden sei.

Da ist zum dritten das Ausstattungsstück, das mit großer Liebe bis ins kleinste Detail Frisuren, Kleidung, Autos, Möbel und Medienapparaturen jenes Jahres 1974 vor Augen führte, in dem der Dreiteiler spielte. Mitunter gewann die Lust an der Ausstattung eine so große Dominanz, dass sich die Kamera (Judith Kaufmann) anscheinend mehr für die Ex- und Interieurs zu interessieren hatte als für die Figuren, welche die Handlung trugen und voran­trieben. Es hatte somit den Anschein, als sollte das in die Ausstattung und in die digitalen Tricks investierte Kapital jederzeit sichtbar sein. Schön hingegen wiederum die Idee, die Geschichte parallel zu der in der Bundesrepublik stattfindenden Fußball-Weltmeisterschaft ablaufen zu lassen – mit dem Höhepunkt des Spiels zwischen der bundesdeutschen Elf und der Mannschaft der DDR, die bekanntlich durch das Tor von Jürgen Sparwasser mit 1:0 gewann. Dass ausgerechnet die NSA-Agenten derart beim Fußball mitfieberten, konnte man dabei nicht ganz glauben; galt doch damals in den USA Fußball, dort Soccer genannt, als im Vergleich zum American Football verweichlichter Sport.

Da sind zum vierten die Figuren, von denen manche recht holzschnittartig angelegt waren, wie zum Beispiel der Agentenführer, der über keinerlei Geheimnis verfügte und vom Schauspieler Ben Becker ohne Tiefe verkörpert wurde. Andere wiederum wie der von Godehard Giese gespielte Onkel des Stasi-Romeos überraschten einen mit einer Mischung aus Anpassung und Opposition, aus hilflosen Gesten und einem leisen Zorn. Grandios die Rolle und die Darstellung von dessen jüngerer Tochter Klara (Stephanie Amarell), die als Mitglied des nationalen Schwimmkaders der DDR mit hormonellem Doping behandelt wird, was auf ihrem Körper zu einem ungewöhnlichen Haarwuchs führt und sie mächtig irritiert. Verblüffend auch die Wendung, mit der die Gruppe, die an einem Stollen arbeitet, durch den die Beteiligten von Ost- nach West-Berlin fliehen wollen, auf einen Verrat reagiert. Die Mitglieder dieser Gruppe, die ja gerade als positives Gegenbild zu den zahlreichen Stasi-Funktionären und als Teil einer homosexuellen Subkultur angelegt worden war, werden in ihrer Wut zu einer Bande brutaler Schläger. Solche starken Momente von Ambivalenz wurden aber sofort wieder von platten Drehbuchsätzen oder überstarken Metaphern abgelöst (Billard als sexuelles Vorspiel, der kleine Vogel als Sinnbild für den Überlebens- und Freiheitswillen), was einem den Film durchaus verleiden konnte.

Auch wurde man das Gefühl nicht los, als wäre Regisseur Oliver Hirschbiegel in manchen Drehphasen gar nicht am Set gewesen. Da inszenierten sich manche Schauspieler wie Ben Becker oder Jörg Schüttauf geradezu selbst, da nahm man Friederike Becht zwar die Liebe zum Stasi-Romeo ab, nicht aber, dass sie in der NSA als hochprofessionelle Analytikerin arbeitete, und da gab es für Claudia Michelsen wohl nur den Hinweis, dass sie in ihrer Rolle als Dagmar Cutter stets ein wenig dräuend blicken solle, verkörperte sie doch das zentrale Geheimnis des gesamten Films, das dann am Ende kurz vor dem Abspann durch einen Schriftzug auf dem Schlussbild auch offiziell enthüllt wurde: Die Liebenden Lars und Sabine sind Geschwister und Dagmar Cutter ist deren Mutter.

Seltsam war dann schließlich auch noch der Titel dieses Dreiteilers. Warum hieß es „Der gleiche Himmel“ und nicht „Derselbe Himmel“? Weil Letzteres ein Pleonasmus wäre? Oder weil „Der geteilte Himmel“ als Titel dummerweise blockiert ist – durch den Roman von Christa Wolf aus dem Jahr 1963 und die Verfilmung von Konrad Wolf aus dem darauf folgenden Jahr? Oder weil niemandem der Produzenten ein starkes Adjektiv einfiel, es aber irgendwie dennoch etwas mit „Himmel“ sein sollte?

In der Summe also war das Ganze ein merkwürdiges Mixtum aus Gelungenem und Missratenem, das nicht so schlecht war, wie es manche darstellten, das aber nicht so recht zu wissen schien, was es nun sein sollte. Ein Dreiteiler, der vielleicht eher die erste Staffel einer großen Serie sein sollte? Ein Politthriller, der die DDR jetzt mal als erogene Zone darstellen wollte? Ein Familiendrama, das als Gesellschaftsgeschichte Bedeutung erheischen wollte? (Die Einschaltquoten für „Der gleiche Himmel“: Folge 1: 4,64 Mio Zuschauer, Marktanteil: 14,8 Prozent, Folge 2: 4,17 Mio, 13,6 Prozent, Folge 3: 4,16 Mio, 13,3 Prozent.)

15.04.2017 – Dietrich Leder/MK