Nurith Aviv: Poetik des Gehirns (Arte)

Ein filmisches Gedicht

Bekannt ist Nurith Aviv eigentlich als Kamerafrau für die französischen Filmlegenden Agnès Varda und Jacques Doillon. Die in Israel geborene Filmemacherin ist aber auch Autorin und Regisseurin dokumentarischer Filme. Ein rätselhaftes Symptom, das sie eines Tages an sich selbst beobachtete, bildet den Ausgangspunkt für ihre 70-minütige Produktion „Poetik des Gehirns“. Jedes Mal, wenn ihr ein stechender Geruch in die Nase strömt, wird diese olfaktorische Wahrnehmung begleitet von einem „Prickeln auf der Zungenspitze“. Um diese seltsamen, als Störung empfundenen Effekt zu ergründen, befragt Nurith Aviv für ihren Film namhafte Hirnphysiologen. Jeder der Experten erforscht den Zusammenhang zwischen der Funktionsweise des menschlichen Gehirns und der Art und Weise, wie mentale Prozesse entstehen.

Das klingt zunächst einmal nicht unbedingt originell. Dokumentationen, in denen Wissenschaftler aus der Modedisziplin Neurophysiologie über die „letzten Rätsel des Geistes“ fabulieren, gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Fügt man noch hinzu, dass Nurith Aviv jeden der Forscher auch noch einen längeren Monolog in seiner Fachsprache halten lässt, dann scheint dieser Film, so könnte man denken, bestenfalls als Einschlafhilfe zu taugen. Interessant ist die filmische Entdeckungsreise Avivs jedoch aus einem ganz anderen Grund. Tatsächlich stellt die Regisseurin die konventionelle Verfahrensweise auf den Kopf; es geht ihr nicht einfach nur darum, bei den Hirnforschern Antworten über sich selbst zu finden. Zwar legt sie sich in einer Szene tatsächlich in die Röhre, um ihr Gehirn mittels funktioneller Magnetresonanztomographie untersuchen zu lassen. Doch das ist nicht der Punkt.

Parallel zu dieser virtuellen High-Tech-Vivisektion greift die Regisseurin auf eine vermeintlich überkommene Uraltmethode zurück, die aber in Frankreich, wo sie die meiste Zeit über lebt, zum guten Ton gehört: Sie assoziiert frei im Stil der Freudschen Psychoanalyse. Nurith Aviv benutzt dieses Verfahren, um mittels alter Schwarzweiß-Fotos Erinnerungen an ihre Kindheit aufleben zu lassen, die in Zusammenhang mit ihrer Wahrnehmungsstörung stehen. Sehenswert ist der Film genau deshalb, weil diese beiden Diskurse – die psychoanalytische Reise in die Kindheit und die positivistische Sezierung des Gehirns – nicht auf eine klassische, ergebnisorientierte Weise aufeinander bezogen sind. Die beiden Themenfelder stehen aber auch nicht bezugslos nebeneinander. Zwischen harter Naturwissenschaft und freier Assoziation findet vielmehr eine interessante wechselseitige Befruchtung statt.

Bemerkbar wird dies, wenn Hirnforscher beispielsweise die Funktionsweise sogenannter „Spiegelneuronen“ erläutern. Oder wenn erklärt wird, dass bei Blinden, die einen Gegenstand ertasten, die gleichen Hirnfunktionen nachweisbar sind wie bei einem Sehenden, der denselben Gegenstand visuell wahrnimmt. Diese Sehweise ist faszinierend, gipfelt aber streng genommen in der Phantasie, dass ein Gehirn sich während des Denkprozesses selbst bei der Arbeit zusieht und dabei seine Funktionsweise enträtselt. Gemäß ihrer positivistisch orientierten Methode geht es Hirnwissenschaftlern stets darum, ein mentales Phänomen wie eine sinnliche Wahrnehmung mit einem wahrgenommenen Gegen­stand der physikalischen Welt so miteinander in Bezug zu setzen wie in der Mathematik die linke und die rechte Seite einer Gleichung.

Diese Phantasie wird von Nurith Aviv konterkariert. Schon im ersten Gespräch mit Yadin Dudai, angesehener Professor am Weizmann-Institut im israelischen Rehovot, wird deutlich, dass Hirnforscher in diesem Film nicht – wie in Wissenschaftsdokumentationen sonst – in die Rolle moderner Schamanen gedrängt werden, die dem Zuschauer das naturwissenschaftliche Äquivalent des Steins der Weisen präsentieren.

Zwar sitzt auch Dudai hinter einem respektablen Schreibtisch in einem dieser schmucklosen, funktionalen Labors, im Hintergrund sind Steckdosenleisten zu sehen und gut möglich, dass er im Schrank auch noch jene brodelnden Reagenzgläser aufbewahrt, wie man sie aus den Verfilmungen „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ kennt. Doch wenn der Wissenschaftler über seinen Forschungsgegenstand spricht, das menschliche Gedächtnis, dann hat man nicht das Gefühl, dass dieser Professor nur mit dem Rechenschieber arbeitet.

Laut Dudai ist es eine physikalische Tatsache, dass unsere Erinnerung an ein vergangenes Ereignis sich nie mit diesem Ereignis völlig deckt. Erinnerung sei nicht zu vergleichen mit einem einmal belichteten Film. Es sei vielmehr so, dass das Gedächtnis im Zuge des Erinnerungsvorgangs das vergangene Ereignis immer neu belichtet. Für den Wissenschaftler Dudai bedeutet diese Unschärfe des menschlichen Gedächtnisses interessanterweise kein Manko, im Gegenteil: „Es kann sein“, sagt er, „dass eine gewisse Ungenauigkeit unserer Erinnerung der Preis ist, den wir dafür bezahlen, was meiner Meinung nach das Höchste der menschlichen Fähigkeiten ist: die Phantasie.“

Diskurse dieser Art bebildert Nurith Aviv nicht nur mit schematisch dargestellten neuronalen Netzwerken, sondern auch mit schattenhaften Schwarzweiß-Bildern. Auf eine subtile Weise erklärt der Film so: Jeder Mensch hat ein Gehirn, doch wenn dieses Hirn sich selbst erforscht, dann ist nicht notwendigerweise eine naturwissenschaftliche Transparenz zu erwarten. Es entsteht auch eine „Poetik des Gehirns“. Ihr eigenes Symptom kann Nurith Aviv damit zwar nicht aufklären. Doch als Nebeneffekt dieses Scheiterns ist eine faszinierende essayistische Dokumentation entstanden. Genau genommen trägt die Regisseurin ein filmisches Gedicht vor.

24.06.2016 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 2-3/2017

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