Nikolaus Leytner: Die Stille danach (ARD/MDR/ORF)

Sieben Minuten Amoklauf

Die Geschichte spielt in der österreichischen Provinz. Sehr konventionell, in streng chronologischer Reihenfolge erzählt sie von den Nachwirkungen eines Amoklaufs auf die Familienangehörigen des Täters. An seiner Schule hat er fünf Schüler erschossen, weitere vier schwer verletzt und sich schließlich selbst getötet.

Dem Amoklauf des Schülers ging, so erfährt der Zuschauer, ein mehrjähriges Mobbing im Umfeld der Schule voraus – eine Vorgeschichte, die bis zum Zeitpunkt der Tat niemand unter den Erwachsenen ernst bzw. zur Kenntnis genommen hat. Dass der Junge, der sich als klassisches Mobbing-Opfer entpuppt, mit Namen Felix heißt, also: der Glückliche, ist so unpassend, wie sein familiäres Umfeld ahnungslos über seine wahre Befindlichkeit war. Obwohl die Ursache für den Amoklauf eindeutig im Schulmilieu verortet wird, spielt dies für die Filmerzählung nur eine untergeordnete Rolle.

Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Eltern Paula und Michael sowie Felix’ ältere Schwester Flora, die sich alle drei zunächst keiner Schuld bewusst sind, dann aber im Lauf des Geschehens immer mehr Schuldgefühle entwickeln, indem ihnen klar wird, dass sie Felix zu wenig beachtet haben. Sie haben, auch das zeigt der Film ausführlich, die öffentliche Meinung gegen sich; jedoch erscheinen sie dem Zuschauer eher als ausdrucksstarke Sympathieträger, die sein Mitgefühl verdienen, zumal der Film nachvollziehbar macht, wie sehr ihr bisheriges Leben durch diese Tat zerstört wurde.

Im Zentrum des Filmgeschehens steht somit der Zusammenbruch einer scheinbar heilen Familienwelt durch die starke Emotionen freisetzende Katastrophe. Das geschieht – ebenfalls ziemlich konventionell – in ganz ‘klassischer’ Rollenverteilung: Zunächst gerät Mutter Paula an den Rand eines Nervenzusammenbruchs, wohingegen Vater Michael seine Gefühle noch verdrängen kann und Haltung bewahrt. Auch Tochter Flora beginnt erst zu einem viel späteren Zeitpunkt über die Situation zu reden, als dann auch der Vater auf einmal Gefühle zeigt. So ist es vor allem Paulas Perspektive, aus der heraus die Geschichte erzählt wird. Paula wird als die weitaus Aktivere gezeigt, die aus eigener Initiative herausbekommen will, warum ihr Sohn so etwas getan hat. Dabei steht dann die Schuldfrage besonders in Bezug auf die Mutter im Blickpunkt, deren beruflicher Erfolg, dass sie gerade zur leitenden OP-Schwester ernannt wurde, der Tat unmittelbar vorausgeht.

Auch die Polizei begegnet der Familie mit Misstrauen. Der ermittelnde Beamte, dem es vor allem wichtig ist, den genauen Tathergang zu rekonstruieren, berichtet der Mutter, dass der Amoklauf ihres Sohnes genau sieben Minuten gedauert habe. Es sind diese sieben Minuten, die das bisherige Leben der Familie unwiederbringlich zerstört haben.

Die Chronologie der Filmerzählung wird unterbrochen von sehr kurzen, optisch verfremdeten Szenen, die einen Amoklauf zeigen, aber nicht den, der tatsächlich stattgefunden hat, sondern einen inszenierten: Wie man im Verlauf des Films erfährt, hat Felix etwa einen Monat vor der Tat einen Amoklauf simuliert und ist dabei von seiner Schwester heimlich mit dem Handy gefilmt worden. Doch Flora hatte diesen Vorgang als bloßes Spiel nicht ernst genommen, denn sie hielt ihren kleinen Bruder für einen „Looser“, dem sie so etwas real nie zugetraut hätte. So werden die Gründe für die Tat immer weiter in den innerfamiliären Bereich verlagert.

Er verwundert allerdings, dass der Täter, den der Film zeigt, noch so jung ist, fast noch ein Kind. Die Täter der beiden bekannten Schulamokläufe in Deutschland, die hier in Erinnerung gerufen werden, waren 19 Jahre alt (am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt, 2002) und 17 (an der Albertville-Realschule in Winnenden, 2009). Felix ist eigentlich noch viel zu jung für eine solche Tat und wer sich fragt, warum Drehbuchautor und Regisseur Nikolaus Leytner sich dennoch dazu entschieden hat, die Rolle so zu besetzen, dem fällt auf, dass die Eltern Paula und Michael ein Filmalter von etwa Anfang 40 verkörpern. So musste dann ihr zweites Kind Felix als Amokläufer altersgemäß zu ihnen passend gemacht werden.

Auch das belegt, dass nicht so sehr der Täter Felix im Mittelpunkt des Films steht, sondern seine Eltern. Die beide Rollen sind mit guten und bekannten Fernsehschauspielern besetzt: Ursula Strauss als Mutter Paula ist eine vor allem in Österreich beliebte TV-Darstellerin, Peter Schneider als Vater Michael sieht man häufig im deutschen Fernsehen (am eindrucksvollsten bisher wohl als Kapo im ARD-Film „Nackt unter Wölfen“; vgl. MK-Kritik).

Die Kombination Strauss/Schneider erinnert an den hervorragenden Film „Die Auslöschung“, ebenfalls eine deutsch-österreichische Koproduktion (ARD/SWR/ORF; vgl. FK-Heft Nr. 21/13), bei der der Österreicher Nikolaus Leytner für Drehbuch und Regie verantwortlich war. Hier wurden die Hauptrollen auch jeweils mit einem prominenten österreichischen Schauspieler (Klaus Maria Brandauer) und einer im deutschen Fernsehen beliebten Schauspielerin (Martina Gedeck) besetzt. In „Die Stille danach“ (2,96 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,4 Prozent) steht mit Strauss und Schneider ebenfalls ein prominentes österreichisch-deutsches Schauspielerduo vor der Kamera (wenn auch nicht solche Stars wie Brandauer und Gedeck). Anders allerdings als im Alzheimer-Drama „Die Auslöschung“ führt diese Fokussierung hier jedoch zu inhaltlichen Unstimmigkeiten. (Direkt im Anschluss an den Spielfilm „Die Stille danach“ folgte von 21.45 bis 22.45 Uhr die Talkshow „Maischberger“, in der dann über das Thema Amoklauf diskutiert wurde.)

13.10.2016 – Brigitte Knott-Wolf/MK