Neues Reportage-Format bei Arte: „Journalistisches Re gegen populistisches Kontra“

Mit zwei neuen Formaten geht der in Straßburg ansässige deutsch-französische Fernsehsender Arte, der im Mai sein 25-jähriges Sendejubiläum feiert, in das Programmjahr 2017. Auf seiner Jahrespressekonferenz am 23. Januar in Hamburg stellte Arte die beiden Sendungen erstmals vor. Neu im Tagesprogramm ist ab dem 13. März das 35-minütige Magazin „Stadt, Land, Kunst“, das werktäglich ab 13.00 Uhr laufen wird. Es handelt sich dabei um eine Mischung aus Kultur- und Reiseformat. In den Einzelbeiträgen der Sendung werden jeweils Orte vorgestellt, die auf das Werk bedeutender Künstler einen großen Einfluss ausgeübt haben. „Kleine Fluchten aus dem Alltag“ will dieses von Arte France produzierte Magazin dem Sender zufolge ermöglichen.

Als eines der ambitioniertesten Arte-Projekte seit langem darf das werktägliche Reportage-Format „Re:“ gelten, das ebenfalls am 13. März startet (Sendezeit: 19.45 bis 20.15 Uhr). „In das Leben der Europäer eintauchen“ wolle man mit den „Re:“-Reportagen, sagte Arte-Präsident Peter Boudgoust, der auch Intendant des Südwestrundfunks (SWR) ist, auf der Pressekonferenz in Hamburg. „Re:“ stehe unter anderem für „Relevanz“ und „Reaktionsfähigkeit“.

Relevante Themen aus allen Ecken Europas

Die Grundidee von „Re:“ hat Wolfgang Bergmann entwickelt, Arte-Koordinator des ZDF und Geschäftsführer von Arte Deutschland. Er bediente sich zur Beschreibung des Charakters dieses Formats eines Skatbegriffs: Es sei an der Zeit, „dem populistischen Kontra ein journalistisches Re entgegenzusetzen“. Im Presseheft zum Arte-Programm 2017 heißt es, „Re:“ stehe für „eine wiederbelebte Kultur des Hinsehens und Zuhörens“. Erzählungen signifikanter Protagonisten sollten hier dazu dienen, „die relevanten Themen aus allen Ecken Europas auf anschauliche Weise erlebbar“ zu machen. Über „Re:“ habe man sich „mehr als zwei Jahre“ Gedanken gemacht, sagte Wolfgang Bergmann auf der Pressekonferenz. „Geschichten, die pars pro toto stehen“, wolle man erzählen, und zwar auf klassische Weise. In den „Re:“-Reportagen gebe es keinen Presenter oder „Reporter im On“, erläuterte Bergmann.

160 „Re:“-Neuproduktionen hätten ZDF und ARD zur Zulieferung für Arte für dieses Jahr geplant. Zwei Drittel steuere die Arte-Redaktion des ZDF bei, das andere Drittel lieferten die entsprechenden Abteilungen der ARD-Anstalten WDR, SWR, NDR, MDR, BR und HR. Die Arte-Redaktion des ZDF greift bei „Re:“ auf ein von Bergmann sogenanntes „Produzentenkonsortium“ zurück, bestehend aus Eco Media, Spiegel TV und Kobalt Productions. „Vor allem, wenn wir aktuell reagieren müssen“, sollen die drei Firmen in einer Reportage gemeinsam zum Einsatz kommen, ergänzte Bergmann auf MK-Nachfrage. Teams dieser Produktionsunternehmen hatten bereits bei dem aufwändigen, innerhalb von kürzester Zeit in mehreren Ländern gedrehten Arte-Zweiteiler „Flucht nach Europa“ und bei der ähnlich personalintensiven Dokumentation „Rechts, zwo, drei – driftet Europa ab?“ (vgl. MK-Kritik) zusammengearbeitet. Die ARD dagegen werde zu „Re:“ sowohl In-House- als auch Auftragsproduktionen beisteuern.

Neuer Infoblock am frühen Abend

Das Themenspektrum der Filme reicht von den diesjährigen Wahlen in den Niederlanden über die Bekämpfung der Korruption in Bulgarien bis hin zu Hausbesetzern in Barcelona. Möglich wird „Re:“ durch Einsparungen in anderen Bereichen. Das bisher täglich zu sehende Arte-Format „Wunderwelten“ etwa läuft künftig nur noch einmal pro Woche. Bereits zum Ende des Jahres 2016 eingestellt wurde das Europamagazin „Yourope“ (vgl. hierzu FK-Heft Nr. 3/10) – weil die dort abgehandelten Themen in „Re:“ nunmehr ausführlicher präsentiert werden könnten, so hieß es dazu. Man habe aber auch „über alle Genres hinweg kleine Teile weggenommen“, um „Re:“ möglich zu machen, so Bergmann gegenüber der MK.

Das Reportage-Format ist Teil eines neugeschaffenen Infoblocks im Arte-Programm am frühen Abend. Vor „Re:“ läuft künftig ab 19.20 Uhr die derzeit noch zehn Minuten früher startende Nachrichtensendung „Arte Journal“. Die Natur- und Reisedokus, die bisher um 19.30 Uhr ausgestrahlt werden, sind künftig vor den Nachrichten zu sehen. Für die Nachrichtensendung sei der neue Sendeplatz „ideal“, weil er zwischen dem Ende der „Heute“-Sendung des ZDF und dem Beginn Hauptausgabe der ARD-„Tagesschau“ liege, sagte Caroline Olivier, die Redaktionsleiterin des „Arte Journals“. Andererseits verstehe man sich ohnehin nicht als Konkurrenz zu den Hauptnachrichtensendungen von ARD und ZDF, sondern als Ergänzung. „Wir betrachten ganz Europa aus einer Vogelperspektive, aus einer gewissen Distanz, die ganz gesund ist, vor allem für Journalisten“, ergänzte Olivier. Den neuen Informationsblock versteht man beim deutsch-französischen Sender Arte zudem auch als eine angemessene Reaktion auf die 2017 bevorstehenden nationalen Parlamentswahlen in Deutschland und Frankreich.

27.01.2017 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 10/2017

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