Miguel Alexandre/Harald Göckeritz: In Wahrheit – Mord am Engelsgraben (Arte)

Eigens für das Saarland

In diesem im Saarland spielenden Krimi gehört die Region zu den Hauptdarstellern. Szenen, in denen die ermittelnden Beamten im Auto unterwegs sind, gibt es ungewöhnlich häufig, was der Kamera die gern genutzte Gelegenheit zu ausgiebigen Landschaftsaufnahmen gibt. Die Autos der Kriminalbeamten tragen das Kennzeichen „SLS“ des Landkreises Saarlouis, was ein offensichtliches Unterscheidungskriterium zum langjährigen ARD-„Tatort“ aus Saarbrücken („SB“) ist. In Auftrag gegeben wurde der Krimi „In Wahrheit – Mord am Engelsgraben“ (Produktion: Network Movie) vom ZDF. Der Film, der am 9. Juni zuerst vom deutsch-französischen Kulturkanal Arte ausgestrahlt wurde, soll den Auftakt zu einer neuen ZDF-Krimireihe bilden.

Im Mittelpunkt steht die Kriminalkommissarin Judith Mohn (Christina Hecke). Sie ist die Chefin eines Ermittlerduos, zu dem noch ihr jüngerer Kollege Freddy Breyer (Robin Sondermann) gehört. Beide sind dem Polizeipräsidium zugeordnet, das sich in diesem bewusst im ländlichen Raum angesiedelten Kriminalfilm aber nicht in Saarlouis befindet, sondern im Saarbrücker Schloss, einem imposanten Barockbau der saarländischen Landeshauptstadt. Judith Mohn, eine eher zielstrebig agierende und unprätentiös erscheinende Frau, ist mit Niklas (Juergen Maurer) verheiratet. Sie scheint aber auch mit ihrem Kollegen Freddy emotional verbunden und mit beiden Männern in Beziehungsprobleme verstrickt zu sein. Hier deutet sich eine mögliche Dreiecksgeschichte an, die im Lauf der angedachten weiteren Folgen ein ausbaufähiges Thema sein dürfte.

In „Mord am Engelsgraben“ wird die Leiche einer getöteten Prostituierten bei einer Autobahnraststätte in der Nähe der Saarschleife entdeckt. Letztere ist ein filmisch beeindruckendes Landschaftsmotiv, das auch schon im Saarbrücker ARD-„Tatort“ zu sehen war. Im Zuge der Ermittlungen wendet sich Mohn an Markus Zerner, Kommissar im Ruhestand. Zerner (Rudolf Kowalski) hatte früher mit einem ähnlichen Fall zu tun, den er aber nicht aufklären konnte. Dieser Fall wird nun wieder aufgerollt und Zerner übernimmt in der Folge einen durchaus aktiven Part – so wird aus dem Ermittlerduo ein Ermittlertrio, doch Kommissarin Mohn bleibt dominant.

Die an der Autobahnraststätte pausierenden Fernfahrer gehören in diesem Krimi, der in vielerlei Hinsicht sehr erwartbar abläuft, sogleich zu den Hauptverdächtigen. Damit es mit der Spannung dennoch nicht sofort vorbei ist, werden noch einige Nebenspuren gelegt und Zerners alter Fall über ein verschwundenes Mädchen wird mit einbezogen. Wie in so vielen deutschen Fernsehkrimis öffentlich-rechtlicher Machart erscheint auch hier der Hauptverdächtige, der Fernfahrer Erich Kupka (Christian Berkel), eher als Unglücksrabe und tragische Figur denn als ein ausgemachter Bösewicht. Zwar ist ein Mord Ausgangspunkt der Handlung, aber sie entwickelt sich nicht zum abgründigen Thriller. Bedrohlich wird es für die Kommissare nur einmal; doch schnell wird klar, hier handelt es sich um eine ermittlungstechnische Sackgasse: Der vermeintliche Täter entpuppt sich als ein an der Tat unbeteiligter psychisch Kranker. Im Verlauf der Ermittlungen zeigen sich als Ursachen des Geschehens eher unglückliche Umstände und individueller emotionaler Stress.

Die Grundstimmung in diesem Film – bei dem Miguel Alexandre Regie führte und auch für die Kamera sowie gemeinsam mit Harald Göckeritz für das Drehbuch verantwortlich war – ist nicht hoffnungslos düster, denn die vorübergehend gestörte heile Welt wird wieder in Ordnung gebracht. Der Countdown zur Aufklärung der beiden Fälle beginnt etwa 15 Minuten vor dem Filmschluss. Es wird nicht nur der für beide Verbrechen verantwortliche Täter überführt, sondern auch in zwei Rückblenden der eigentliche Hergang der beiden Taten erzählt. Mit ein bisschen Sozialkritik und viel Schönem über Land und Leute – inklusive eines sehr telegenen Ausflugs auf ein Weingut – erweist sich der Krimi als nette, maßvoll spannende Abendunterhaltung.

Wie die „Saarbrücker Zeitung“ in ihrer Ausgabe vom 30. Mai 2017 berichtete, sollen bereits im September die Dreharbeiten zu einer weiteren Folge von „In Wahrheit“ beginnen. Außerdem ist zu erfahren, dass die Entscheidung des ZDF, die neue im Saarland spielende Krimireihe zu etablieren, gefallen sein soll, nachdem saarländische Politiker und auch die Medienanstalt des Bundeslandes sich beim ZDF darüber beschwert hätten, dass das Saarland beim ZDF in Bezug auf fiktionale Produktionen zu wenig berücksichtigt werde. Entsprechende Kritik hatte der saarländische Landtag bereits im Jahr 2014 geäußert (vgl. FK-Meldung).

30.06.2017 – Brigitte Knott-Wolf/MK