Michael Gärtner: Der Austauschcop – Ein US-Polizist in Hamburg. Reihe „ZDF-Reportage“ (ZDF)

Fruchtbarer Vergleich der Verhältnisse

Reportagen haben keinen geringen Anteil im Angebot der deutschen Fernsehsender, es gibt etliche Sendeplätze mit wöchentlichem Ausstrahlungsturnus. Jedoch finden diese Sendungen im tagesaktuellen Rezensionswesen der Web- und Printmedien nicht annähernd die gleiche Berücksichtigung wie beispielsweise Talkshows oder Krimis. Das ZDF zum Beispiel hat sonntags von 18.00 bis 18.30 Uhr einen Regelprogrammplatz für Reportagen.

Entgegen einer früheren Programmankündigung begann der März-Zyklus der Reihe „ZDF-Reportage“ am 5. März mit dem Beitrag „Der Austauschcop – Ein US-Polizist in Hamburg“ (Produktion: Rachals Film mit Cutflow GmbH), ein Beitrag, der ursprünglich für den 19. März vorgesehen war. Dazu teilte das ZDF auf MK-Anfrage mit: „Aus aktuellem Anlass wurde für den Sendetermin 5. März die ‘ZDF.reportage: Der Austauschcop’ vorgezogen – weil sie vor der Debatte um Übergriffe auf Polizisten einen Einblick in die Alltagswirklichkeit der Polizeiarbeit gibt und damit an die ‘ZDF.reportage’ aus dem Februar anknüpfte: ‘Stress auf Streife – Wenn Polizisten zur Zielscheibe werden’.“

Filmautor Michael Gärtner begleitete für den Beitrag „Der Austauschcop“ den texanischen Streifenpolizisten Ryan Herring, der im Zuge eines Austauschprogramms die Arbeitsabläufe seiner Hamburger Kollegen Sajoscha Boss und Malte Hoffmann kennenlernt. Bei den Einsätzen ist die Kamera nah dran, so wenn ein Fall häuslicher Gewalt gemeldet wird, als ein drogenkranker Verdächtiger tobt und mit Selbstverletzung droht.

Die Hintergründe des Dramas bleiben ausgespart, sind auch nicht Thema. Der texanische Sheriff beobachtet das Geschehen, er vermisst Elektroschocker, die in den USA zur Standardausrüstung gehören. Die deutschen Kollegen kommentieren, sie hätten gern so einen Taser, als Alternative zur Schusswaffe. Doch Elektroschocker können unter Umständen tödlich wirken und sind deshalb in Deutschland im normalen Streifendienst nicht erlaubt. Bemerkenswert: In den USA gehört es zur Ausbildung, sich selbst der Wirkung eines Tasers auszusetzen. Der deutsche Polizeihauptmeister Malte Hoffmann hatte sich, als er im Rahmen des Austauschprogramms in den USA hospitierte, dieser schmerzhaften Erfahrung gestellt.

Durch solche Vergleiche erhält diese ZDF-Reportage einen Tiefgang, der sie von voyeuristischen Berichten über den polizeilichen Alltag, wie sie insbesondere in den Programmen kommerzieller Anbieter zu finden sind, doch deutlich unterscheidet. So erfährt der Zuschauer, dass in den USA die Streifenbeamten alle relevanten Informationen ins Auto auf einen dort installierten Laptop geschickt bekommen, während in Deutschland der Austausch noch per Funkverkehr abgewickelt wird. Auch beim Blick auf die Bewaffnung werden die deutschen Polizisten ein wenig neidisch. Sie nutzen teils Gewehre älterer Bauart, manche sind schon dreißig Jahre alt.

Krasse Unterschiede gibt es im Habitus der Schutzpolizisten. In den USA, dem Land der Waffenfreiheit, müssen die Polizisten stets damit rechnen, dass ihre Gegenspieler über schwere Kaliber verfügen. Entsprechend treffen sie ihre Schutzmaßnahmen. Ein Großeinsatz gegen einen Dealer gleicht einer Militäraktion. „Die Intensität, das ist schon ein Unterschied gewesen. Das habe ich so noch nicht erlebt“, sagt leicht konsterniert der Hamburger Polizeihauptmeister Malte Hoffmann, der bei seinem Aufenthalt in Amerika Zeuge eines solchen Vorgangs wurde. Aus alldem wird erklärlich, warum in den USA so viele Unschuldige durch voreilige Polizeischüsse ums Leben kommen. Da wirkt die Angst, der andere könnte zuerst schießen.

Von solchen Zuständen – die Rede ist von einem Wettrüsten zwischen Straftätern und Polizei – ist man in Deutschland zum Glück weit entfernt. Bei diesem Thema äußern sich die deutschen Uniformierten denn auch erleichtert. Ihr Umgang mit Verdächtigen ist ein anderer. In den USA wird jeder potenzielle Täter sofort in Haft genommen. In Deutschland bleibt es bei kleineren Vergehen bei einer Aufnahme der Personalien, festgenommene Personen müssen spätestens nach 24 Stunden einem Haftrichter vorgeführt werden. Populisten mögen dieses Verfahren als zu lasch brandmarken. Doch es schützt die Unschuldigen, im Sinne der in Deutschland rechtsverbindlichen Unschuldsvermutung.

„Der Austausch-Cop“ (1,72 Mio Zuschauer, Marktanteil:7,4 Prozent) bot trotz der Kürze der Sendung mehr als nur flüchtige Einblicke in den Polizeialltag in Hamburg-Harburg. Über den Vergleich der Verhältnisse wurde sichtbar, wo in Deutschland Verbesserungsbedarf besteht – bei der Ausrüstung –, aber auch, dass es hierzulande zwischen Polizei und Bürgern ungleich friedlicher zugeht als in den USA. Ein im Blick auf die Qualität öffentlicher Debatten fruchtbares Wissen. (Im vorigen Jahr gab es bei ZDFinfo die Reportage „Der Austauschcop – Ein deutscher Polizist in Texas“, in dem die umgekehrte Konstellation gezeigt worden war.)

30.03.2017 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 14/2017

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