Anja Reschke/Lutz Ackermann/Christian von Brockhausen/Malika Friedrichs: Lügenfernsehen. Wie kommerzielle Sender ihre Zuschauer in die Irre führen. Reportage der Redaktion des Magazins „Panorama“ (ARD/NDR)

Auf Abrechnung getrimmt

15.07.2011 • Sechs Tage vor der Ausstrahlung der von ihr präsentierten „Panorama“-Reportage mit dem Titel „Lügenfernsehen“ im Ersten Programm musste sich die Journalistin Anja Reschke, die seit 2001 das ARD-Magazin „Panorama“ des Norddeutschen Rundfunks (NDR) moderiert, am 1. Juli auf einer Podiumsdiskussion in Hamburg im Rahmen der Jahrestagung vom Netzwerk Recherche einiger Vorwürfe erwehren. Die politischen Fernsehmagazine, also auch „Panorama“, seien heute zu bunt, enthielten zu viele Beiträge und wirkten daher wenig politisch. Diese Kritikpunkte wehrte Reschke mit dem Hinweis auf die veränderten Sehgewohnheiten der Zuschauer ab. Ein Blick in das Archiv ihrer Sendung hätte sie ein besseres Verteidigungsargument finden lassen: „Panorama“ eröffnete vor 50 Jahren seine erste Ausgabe mit einem bunten Stück (über die Filmfestspiele in Cannes) und enthielt zudem in 45 Minuten Sendezeit insgesamt 13 (!) Beiträge inklusive eines Studiointerviews.

In der halbstündigen Reportage „Lügenfernsehen“ – die auf dem „Panorama“-Sendeplatz im Ersten (alle drei Wochen, donnerstags, 21.45 bis 22.15 Uhr) als Spezial-Ausgabe ausgestrahlt wurde – agierte Anja Reschke nun ihrerseits als Anklägerin. Angeklagt wurde das deutsche Privatfernsehen. Es würde in Sendungen wie „Mitten im Leben“, „Die Schulermittler“, „Die Ausreißer“ (alle RTL), „Mieten, kaufen, wohnen“ (Vox) und vielen anderen mehr die Grenzen zwischen dokumentarischen und fiktionalen Fernsehformen verwischen. In der Tat gerieren sich diese seriellen Formate der kommerziellen Anbieter durch den Gestus der Berichterstattung, durch die Kameraführung und den Schnitt so, als würden sie Szenen aus der Wirklichkeit dokumentarisch wiedergeben.

Tatsächlich handelt es sich aber um unterschiedliche Formen von Inszenierung; mal werden mit Laien Szenen aus deren Leben extrem übertrieben nachinszeniert, mal spielen Laien fremde Figuren, denen sie durch ihr unbeholfenes Spiel eine gewisse Authentizität verleihen, mal agieren Schauspieler in einem dokumentarisch anmutenden Bericht. In allen drei Fällen basieren die Dreharbeiten auf ausgeschriebenen Drehbüchern, die auf Emotion und Eskalation getrimmt sind.

Anja Reschke rekonstruierte in ihrer Reportage (zusammen mit den Autorenteam Lutz Ackermann, Christian von Brockhausen und Malika Friedrichs) an Einzelbeispielen, wie die Produktionsfirmen die vorgefundene Wirklichkeit extrem verzerren: Da wird die Versteigerung eines Hauses erfunden, um dem Beitrag einen emotionalen Höhepunkt zu spendieren; da werden die Lebensumstände von Familien scharf dramatisiert, um die notwendige Menge an Streit zu gewinnen; da werden Wohnungen zusätzlich stark verdreckt, um den sozialen Zustand der thematisierten Personen zu radikalisieren. Die Darsteller ihrer selbst sind im Nachhinein über die Mitwirkung, für die sie honoriert werden (einmal ist in dem Film die Rede von 1000 Euro), eher unglücklich. Sie finden sich in der Inszenierung durch die Produzenten falsch dargestellt, haben aber an dieser falschen Darstellung bis hin zu Nacktszenen wacker mitgewirkt. Diese freiwillige Mitwirkung an der extremisierten Re-Inszenierung der eigenen Malaise dokumentiert die sozialen Misslage deutlicher als deren filmische Darstellung.

Anstatt sich mit der Frage zu beschäftigen, was ein großes Publikum reizt, sich solche klischierten wie reißerisch zugespitzten Sozialdramen anzuschauen, kaprizierte sich Anja Reschke auf den Vorwurf der Lüge. (In einer ersten Version des Films, der im Dritten Programm NDR Fernsehen bereits am 4. Mai zu sehen war, hatte sie sogar den Fälscher Michael Born interviewt, der einst „Stern TV“ und anderen gefälschte Berichte angedreht hatte.) Wie zu erwarten, mochte der Sprecher von RTL auf diese Vorwürfe nicht antworten. Auch die Einlassungen von Christian Schwarz-Schilling (CDU), der in den 1980er Jahren als Bundespostminister die Zulassung von Privatfernsehen forciert hatte, und des medienpolitischen Sprechers der Bundestagsfraktion von CDU/CSU, Wolfgang Börnsen, halfen wenig. Beide Politiker kannten sich mit dem täglichen Angebot der Privatsender nicht aus und reagierten auf die gezeigten Beispiele nur hilflos.

Allein die in dem Film geübte Kritik, dass diese fiktionalisierten Doku-Formate der kommerziellen Veranstalter als Informationsprogramme verbucht werden, traf ins Schwarze. Denn mit dieser großherzigen Auslegung des Informationsbegriffs rechnet sich das Privatfernsehen sein Programm schön. Umgekehrt spielte auch der „Panorama“-Sender NDR im vergangenen Jahr mit dem Gedanken, eine inszenierte Doku-Reihe ins Programm zu nehmen, was er aber nach Protesten unterließ. In der ersten Version des Films im NDR Fernsehen wurde das noch anonymisiert („auch öffentlich-rechtliche Sender zeigten Interesse“) erwähnt, in der ARD-Fassung unterblieb der Hinweis ganz. Was den Eindruck verstärkte, dass es hier nicht um eine Auseinandersetzung in der Sache, sondern um eine Abrechnung mit dem Privatfernsehen ging.

In der Grundsatzfrage, was denn dokumentarisch sei und wo die Inszenierung beginne, kam die Reportage (3,25 Mio Zuschauer, Marktanteil: 12,4 Prozent) nicht weiter. Kein Wunder, enthält der Vorspann der Reportage-Reihe nichts als inszenierte Szenen, in denen die Mitarbeiter des Magazins vor einer Kamera gewichtig so tun, als arbeiteten sie gerade an ganz heißen Themen. Und auch in der Reportage selbst gab es Bilder von Reschke als Reisende, denen der Kommentar eine dokumentarische Bedeutung unterlegte, die sie real nicht hatten. Dokumentarische und fiktionale Bilder trennen keine scharf gezogene Grenze. Der Übergang ist fließend. Nicht jede Fiktion lügt, so wie nicht jedes dokumentarische Bild die Wahrheit spricht.

Eine solche Differenzierung entschuldigt den Schwachsinn der erwähnten Formate mit ihrem Enthüllungswahn eines sozialen Elends ebenso wenig wie die Sender, die mit ihnen ihr Geld verdienen. Aber bedient ein öffentlich-rechtliches Magazin wie „Brisant“ (ARD/MDR) mit seinen zugespitzten Reportagen von Unfällen und Verbrechen nicht dieselbe Erwartungshaltung, welche die kritisierten Formate des Privatfernsehens bedienen?

• Text aus Heft 27-28/2011 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

15.07.2011 – Dietrich Leder/FK

Print-Ausgabe 19/2017

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