Kilian Riedhof/Marco Wiersch: Der Fall Barschel. Spielfilm (ARD) // Stephan Lamby/Patrik Raab: Uwe Barschel – Das Rätsel. Dokumentation (ARD)

Im Labyrinth der Fakten und Vermutungen

Das Foto ist unvergesslich. Am 11. Oktober 1987 lag die Leiche des deutschen Spitzenpolitikers Uwe Barschel (CDU) in der Badewanne eines Genfer Luxushotels. Barschels Name stand damals für eine unappetitliche Intrige gegen seinen direkten politischen Konkurrenten Björn Engholm (SPD) im Landtagswahlkampf in Schleswig-Holstein. Die bis heute ungeklärte Todesursache zählt zu den großen ungelösten Rätseln der deutschen Nachkriegsgeschichte. Nach einem gemeinsam mit Marco Wiersch verfassten Drehbuch hat Kilian Riedhof diesen Skandal, vom Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ seinerzeit als „Watergate an der Waterkant“ bezeichnet, zu einem rund dreistündigen Fernsehfilm verarbeitet, der sich vor dem großen Vorbild, dem Hollywood-Politthriller „Die Unbestech­lichen“ über die Watergate-Affäre, verbeugt.

Im ARD-Film wird die Geschichte, wie im US-Vorbild, aus der Perspektive zweier (in diesem Fall aber fiktiver) Journalisten erzählt: David Burger und Olaf Nissen, gespielt von Alexander Fehling und Fabian Hinrichs. Die beiden recherchieren über den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Barschel, dessen Figur rasant eingeführt wird. Auf einem Nachtflug durch ein Unwetter schluckt der verängstigte Politiker Beruhigungs­pillen. Die Maschine stürzt ab. Als einziger Über­lebender geht Uwe Barschel aus dieser Nahtod-Erfahrung zunächst gestärkt hervor, schon bald debattiert er im Fernsehen mit seinem politischen Gegner.

Gelungen ist nicht nur diese Szene, in der der authentische Björn Engholm im TV-Studio neben dem von Matthias Matschke gespielten Uwe Barschel sitzt. Kleidung, Telefone, Autos und Musik versetzen den Zuschauer zurück in die 1980er Jahre, ohne dass man, wie es in Fernsehfilmen häufig der Fall ist, das Gefühl eines penetranten Ausstattungsstücks bekommt. Auch die Montage (Schnitt: Andreas Radtke) treibt die packende Geschichte flott voran. Im Gegensatz zu seinem großen Kino­erfolg „Sein letztes Rennen“, dem gemütlichen Marathon­lauf mit Didi Hallervorden, wählt Grimme-Preisträger Kilian Riedhof („Homevideo“) hier einen geradezu mörderischen Dauersprint als Tempo.

Burger und Nissen finden gemeinsam heraus, dass Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer, herrlich ölig gespielt von Martin Brambach, im Auftrag des amtierenden Ministerpräsidenten eine höchst unmoralische Schlammschlacht gegen Björn Engholm führt. Die beiden Instinktjournalisten freuen sich schon über ihren Knüller, doch ihr Chef, väterlich verkörpert von Edgar Selge, will zunächst mehr Fakten sehen. Die bekommt er und schon bald lassen die Reporter Sektkorken knallen. Barschel, der zunächst vor den Fernsehkameras sein „Ehren­wort“ gab, dass er von Pfeiffers Machenschaften nichts gewusst habe, muss zurücktreten. Wenige Tage später wird Uwe Barschel tot in der Bade­wanne gefunden.

Die Geschichte konzentriert sich nun zusehends auf die Perspektive David Burgers. Während er sich immer mehr in eine heikle Mordtheorie verbeißt, glaubt sein Freund und Kollege Olaf Nissen an einen Suizid des tablettenabhängigen Politikers. Komischerweise ist Nissen stets besser informiert. Der sich zuspitzende Zwist zwischen den beiden Journalisten ist ein dramaturgisches Mittel, um mit emotional aufgeladenen Dialoggefechten die immer komplexer werdende Sachlage zu vermitteln. „Ein guter Journalist“, so heißt es mehrfach, „hat seine Quellen. Und ein sehr guter Journalist verrät sie nicht.“ Dumm nur, dass solche Sätze so papieren klingen, dass ein authentischer Journalist sie nicht in den Mund nehmen würde.

Spannend erzählt ist die Geschichte dennoch, zumindest anfangs. So zeichnet sich dank Burgers hartnäckigen Recherchen allmählich ab, dass Barschel offenbar auch eine Schlüsselfigur bei dubiosen internationalen Waffengeschäften zwischen der Bundesregierung, der DDR, Südafrika und Israel war. Doch irgendwann verliert man als Zuschauer angesichts all dessen den Faden. Das mag auch an der unscharfen Zeichnung wichtiger Figuren liegen. Alexander Fehling glaubte man die gefühlvollen Gedichte, die er als Goethe im gleichnamigen Kinofilm rezitierte. Doch für einen Vollblutjournalisten, der in den späten 1980er Jahren noch mit klappernder Schreibmaschine zugange war und sich für Tagespolitik interessiert, fehlt es dem jungen Darsteller an Charisma. Dass er einen dann auch noch drogenabhängigen Reporter geben muss, der sich durch seine obsessive Haltung selbst im Weg steht, hilft der komplexen Geschichte auch nur bedingt weiter.

Problematisch sind zudem klischeehafte Frauenfiguren. Als Burgers leidgeprüfte Gattin Simone darf Luise Heyer ihren Mann entweder nur anhimmeln oder hysterisch anschreien. Antje Traue spielt eine als Reporterin getarnte Agentin, die Burger ausspionieren soll, doch diese Verschlagenheit nimmt man der rehäugigen Darstellerin nicht wirklich ab. Zuguterletzt hakt es im Film auch aufgrund dramaturgischer Defizite. So hat Burger spätestens in der zweiten Hälfte mehr als nur eine Ahnung, dass sein vermeintlicher Freund und Kollege Olaf ein doppeltes Spiel spielt. Warum also bindet er ihm dann lauthals auf die Nase, er habe wichtige Tonbänder, von denen er dann noch nicht einmal Sicherungskopien anfertigt und die er auch noch unverborgen auf seinem Esstisch liegen lässt?

Aufgrund solcher Schwächen erlahmt allmählich auf der Strecke das Interesse an dieser wahnwitzigen Geschichte, die inspiriert ist von dem Buch „Ein Mord, der keiner sein durfte“, das der seinerzeit im Fall Barschel ermittelnde Oberstaatsanwalt Heinrich Wille erst nach seiner Pensionierung 2011 veröffentlichen durfte. Dass dieser Abschwung des Interesses sich einstellt, ist schade, denn dieser Drei-Stunden-Film (Produktion: Zeitsprung Pictures) ist ein an sich überaus ambitioniertes und lobenswertes Projekt. Doch leider verliert der Zuschauer sich in einem zusehends unüberschaubarer werdenden Labyrinth aus nicht immer überzeugend vermittelten Fakten und Vermutungen. So ist später zum Beispiel auch noch von der Iran-Contra-Affäre die Rede, deren Schlüsselfigur, der US-Offizier Oliver North, nur beiläufig erwähnt wird, wie das im Film bei so vielen Figuren der Fall ist. Wenn dann noch die These vorgebracht wird, dass Barschel habe sterben müssen, weil er mit seinen Aussagen zu dieser Affäre den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan zu Fall hätte bringen können, vermag selbst der Zuschauer nicht mehr ganz zu folgen, der vielleicht ein offenes Ohr für abenteuerliche Verschwörungstheorien hat.

Überzeugender erscheint die im Anschluss ausgestrahlte halbstündige Dokumentation „Uwe Barschel – Das Rätsel“. Hier konzentrieren sich die Autoren Stephan Lamby (Eco Media) und Patrik Baab (NDR-Redakteur), die sich schon früher einmal ausführlich mit dem Thema beschäftigt haben, auf die drei Grundthesen im Todesfall des ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten: Mord, Selbstmord oder Sterbehilfe? Außerdem zeichnen die beiden Filmemacher plausibel nach, dass Barschel schon vor seiner Karriere als Politiker tatsächlich mit Waffengeschäften zu tun hatte und Kontakte zum Agentenmilieu pflegte. Die dokumentarische Form scheint dem schwierigen Stoff, zumindest in mancher Hinsicht, angemessener zu sein. (Die Dokumentation „Uwe Barschel – Das Rätsel“ hatte 3,32 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 14,9 Prozent; den Spielfilm vorher sahen 3,70 Mio Zuschauer bei einem Marktanteil von 12,3 Prozent.)

07.02.2016 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 13/2016

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