Katharina Waisburd/Denise Neustadt: Im biblischen Zoo von Jerusalem. Reihe „Junger Dokumentarfilm“ (SWR Fernsehen)

Das Allgemeine im Besonderen

Tiere im Zoo? Pfleger, die Elefanten mit dem Hochdruckreiniger waschen und dem widerspenstigen Nashorn eine Spritze verpassen müssen? So etwas kennt man eigentlich zur Genüge. Seit 2003 produziert der MDR für sein Drittes Fernsehprogramm die inzwischen fast 700 Folgen zählende Doku-Soap-Reihe „Elefant, Tiger & Co.“, die mit einem regionalen Fokus auf das Publikum im Sendegebiet angepasst wurde, inzwischen auch im Ersten Programm der ARD zu sehen ist und als Vorreiter des Genres der Zoo-Doku-Soap gilt. Und man stellt dazu dann schon gewisse Überschneidungen fest, wenn man den 60-minütigen Dokumentarfilm „Im biblischen Zoo von Jerusalem“ sieht, der von der Regisseurin und Autorin Katharina Waisburd erstellt wurde (Koautorin: Denise Neustadt). Dennoch ist der jungen Berliner Regisseurin Waisburd mit ihrem Diplomfilm etwas ganz eigenes gelungen.

Das hängt mit der besonderen Lage des Zoos von Jerusalem zusammen. Menschen unterschiedlicher ethnischer und religiöser Zugehörigkeit, zwischen denen die Beziehungen traditionell spannungsgeladen sind, arbeiten hier zusammen. Da gibt es zum Beispiel Shachar, einen Israeli jüdischen Glaubens, und Ammar, einen muslimischen Israeli aus dem stark kontrollierten Viertel Ostjerusalem. Theoretisch können beide sich nicht riechen, praktisch arbeiten sie aber zusammen im Elefantengehege. Während sie einem Rüsseltier mit der Raspelfeile eine Maniküre verpassen, kultivieren und unterwandern sie die eingefleischte Feindschaft zwischen Juden und Arabern mit liebenswürdigen Frotzeleien.

Dass Shachar und Ammar ihr harmonisches Miteinander augenzwinkernd mit der Präsenz der Filmkamera in Zusammenhang bringen, gibt dem Szenario noch eine besondere Pointe. Die beiden Pfleger sind die heimlichen Hauptprotagonisten. Ihr steter Wechsel zwischen komischen Disputen und einer philosophisch anmutenden Instant-Debatte über die Unterschiede zwischen Mensch und Tier gibt dem Film eine eigene Qualität. Schade nur, dass dabei nicht durchgängig Untertitel verwendet werden. Die Voice-over-Synchronisierung der Dialoge dämpft die Intensität der Atmosphäre etwas ab.

Zu einem kleinen Ereignis wird dieser Film aber erst durch den schon im Titel anklingenden religiösen Kontext. Erst nach und nach wird dem Zuschauer bewusst, dass die Regisseurin tatsächlich zu Gast in einem „biblischen Zoo“ ist. Was das bedeutet, wird deutlich bei einem Rundgang, der neben dem chronologischen Tagesablauf den dramaturgischen Rahmen des Films bildet. Der Zooführer geleitet eine krakeelende junge Schulklasse an den Gehegen vorbei und erklärt den Kindern die einzelnen Tiere, den Geparden, die Gazelle und all die anderen. Dabei greift er nicht nur auf zoologisch gesicherte Fakten, sondern auch auf die Thora und alttestamentarische Geschichten zurück. „Das ist das Krokodil“, sagt der Zooführer und fügt hinzu, es sei nicht irgendeines, sondern „dasselbe Krokodil“, das im alten Ägypten jene Kinder fressen sollte, die laut Anordnung des Pharaos in den Nil geworfen wurden.

Man könnte diesen fundamentalistisch anmutenden Rückgriff auf religiöse Überlieferungen als Spielart jenes ‘Kreationismus’ auffassen, der besonders in den USA eine problematische Form naiver Frömmigkeit hervorgebracht hat. Doch hier geht es keineswegs um die Leugnung moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse zugunsten des genauen Wortlauts der Bibel. Während der Zuschauer die Tiere beobachtet, die auf den ersten Blick nicht sehr viel anders wirken als beispielsweise in den Doku-Soaps à la „Elefant, Tiger & Co.“ vollzieht sich beim Betrachter gemeinsam mit den staunenden Augen der Kinder ein Wechsel der Perspektive – eine Veränderung der Sehweise, die nicht ganz leicht beschreibbar ist.

„Alle Tiere hier sind aus der Bibel“, sagte der Zoodirektor zu Beginn. Man glaubt zunächst, das sei ein Scherz. Doch allmählich hat der Betrachter nicht mehr das Gefühl, bloß dieses oder jenes Exemplar einer Tiergattung anzusehen. Wir sehen also zum Beispiel nicht mehr diese oder jene Taube, sondern – wie im Bilderbuch – die Taube. Durch die angenehm ruhige, zuweilen meditativ anmutende Form der Betrachtung verdichtet sich der Eindruck, als ob man im biblischen Zoo von Jerusalem tatsächlich jene archaischen Tiere besichtigte, die Noah seinerzeit mit der Arche rettete – und von denen jedes stellvertretend die gesamte Spezies repräsentiert. Das Allgemeine wird im Besonderen sichtbar. Mehr kann man von einem Dokumentarfilm eigentlich nicht verlangen.

Der Film „Im biblischen Zoo von Jerusalem“ ist eine Gemeinschaftsproduktion von TM Film mit der Filmakademie Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk (SWR) und wurde im Rahmen der diesjährigen Staffel der im Dritten Programm SWR Fernsehen laufenden Reihe „Junger Dokumentarfilm ausgestrahlt (vgl. auch diese MK-Kritik). Die Staffel umfasste diesmal insgesamt vier Beiträge und endete am 7. Dezember 2016 mit „Erstaufnahme II“, einem Film über eine Flüchtlingsunterkunft in Meßstetten auf der Schwäbischen Alb.

27.12.2016 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 6/2017

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