Kasper Barfoed/Astrid Øye/Adam Price/Søren Sveistrup: Countdown Copenhagen. 8‑teilige Thrillerserie (ZDFneo)

Unter der Oberfläche

10.10.2017 • Der Auftakt wirkt, als werde hier eine Nebenlinie der US-amerikanischen Thrillerserie „24“ eröffnet. Schon der Soundtrack weckt Erinnerungen an das US-Pendant. Kein ganz abwegiger Gedanke, denn in der finalen Staffel von „24“ wurde der von Kiefer Sutherland verkörperte Agent Jack Bauer in London tätig. Von da wäre es nach Kopenhagen nur noch ein Katzensprung. „Countdown Copenhagen“ beginnt mit einer Folterszene, wie man sie auch in „24“ häufig sah. Opfer des Martyriums ist der dänische Soldat Philip Nørgaard (Johannes Lassen). Er und seine Kameraden sind im Einsatz in Afghanistan, um dort Soldaten der Regierungsarmee auszubilden – von denen sich einige aber gegen die europäischen Unterstützer gewandt haben.

Was er tun werde, wenn er heimkehren dürfe, wird Nørgaard von seinem Peiniger gefragt. „Ein ganz normales Leben führen“, lautet die Antwort. Die Szene im Folterraum ist nur das Vorspiel, eine Erinnerung, auf die das folgende Geschehen noch mehrfach zurückgeführt werden wird. Nørgaard kommt frei, wird im Heimatland als Held gefeiert und Leiter einer Anti-Terror-Einheit des dänischen Verfassungsschutzes. Ihm obliegt die Verantwortung, als drei Terroristen in Kopenhagen einen U-Bahn-Zug auf freier Strecke stoppen und 15 Passagiere in eine noch im Bau befindliche Station treiben, um sie dort festzusetzen. Die Terroristen verlangen ein hohes Lösegeld. Bei Nichtzahlung sollen ihre Gefangenen sterben.

Aus dieser Ausgangssituation strickte das vierköpfige Filmemacherteam um Autor und Regisseur Kasper Barfoed, der das Konzept nach einer Idee von Adam Price („Borgen – Gefährliche Seilschaften“) und Søren Sveistrup („Kommissarin Lund“) entwickelte, eine packende Serie, die auch in der dramaturgischen Gestaltung an die Echtzeitserie „24“ erinnert, ohne sich zu der US-Kultserie inhaltlich epigonal zu verhalten. Jede der acht Folgen von „Countdown Copenhagen“ (Koautorin: Astrid Øye) fasst das Geschehen eines Tages zusammen. Die Autoren blenden zwischen den verschiedenen beteiligten Gruppen hin und her: den Geiseln, die mehrmals den Ausbruch planen, den bestens gerüsteten, auf alle Eventualitäten eingestellten Terroristen, dem Krisenstab mit Unterhändlern, Anti-Terror-Experten und Vertretern der Politik.

Eine wichtige Rolle spielt zudem die Fernseh- und Internet-Journalistin Naja Toft (Paprika Steen), die von den Entführern als Sprachrohr auserkoren wird und dies zum Wohle der Geiseln zu nutzen versucht, indem sie in Absprache mit deren Angehörigen zu Spenden aufruft, um das geforderte Lösegeld aufzubringen. Denn der dänische Staat folgt der üblichen Politik, solchen Erpressungen nicht nachzugeben.

International wird die Serie unter dem mehrdeutigeren Titel „Below the Surface“ vermarktet, also „Unter der Oberfläche“ – das trifft den Inhalt sehr gut. Denn natürlich geht es um mehr als um die Millionenforderung der Entführer. Teamleiter Philip Nørgaard ahnt es früh, denn einmal grüßt der maskierte Anführer, der sich „Alpha“ nennen lässt, bei einer Skype-Übertragung in auffälliger Betonung mit den Worten „Howdy, Partner“, einem Zitat aus dem Film „Der Partyschreck“. Die Peter-Sellers-Komödie war der Lieblingsfilm von Nørgaards afghanischem Entführer Ahmed (Hadi Ka-Koush). Der aber soll mittlerweile bei einem Drohnenangriff ums Leben gekommen sein.

Im Hinblick auf die Spannung funktioniert es hervorragend, wie die Autoren der Serie peu à peu das Rätsel hinter dem spektakulären Verbrechen enthüllen, womit aus dem Terrorismusthriller ein veritabler Politthriller wird. Dieser Aspekt erinnert dann eher an politisch brisante TV-Mehrteiler britischer Tradition wie „Edge of Darkness“ (in Deutschland unter dem Titel „Am Rande der Finsternis“ im Ersten Programm der ARD ausgestrahlt), „State of Play“ (in Deutschland bei Arte zu sehen), „Babylon“ (im Dritten Programm WDR Fernsehen gesendet) oder auch die im gleichen Zeitraum wie „24“ entstandene und damals ebenfalls neuartige BBC-Serie „Spooks“ (bei ZDFneo ausgestrahlt).

Wertigkeit erhält die Handlung von „Countdown Copenhagen“, indem in knappen, aber aussagestarken Rückblenden auf die Biografien einzelner Beteiligter eingegangen wird. Diese Momentaufnahmen geben Aufschluss über Erfahrungen, die das gegenwärtige Handeln der jeweiligen Figuren bestimmen. Das ist psychologisch schlüssig und bündig eingeflochten, ufert nie aus, stärkt die Erzählung und trägt zu deren Nuancierung bei, ohne überkonstruierte, unglaubwürdige Herleitungen. Hier offenbart sich eine erzählerische Ökonomie, aus der großes dramaturgisches Können spricht.

Auffällig auch, dass in dieser Serie ein differenziertes Bild der Anti-Terror-Einheit gezeichnet wird. Eher kritisch und sehr klug zeichnen die Autoren das Selbstbild dieser Elitepolizisten, eine Mischung aus Korpsgeist, Omnipotenzgebaren, Technikvertrauen und Draufgängertum, die im Krisenfall zur Hybris führen und Katastrophen auslösen kann. Wiederum ein Ausweis der sorgfältigen Machart – diese Serie kann sich ohne weiteres mit den vielgepriesenen, manchmal auch übertrieben gelobten ausländischen Serien-Produktionen der jüngeren Zeit messen.

„Countdown Copenhagen“ ist eine Produktion der dänischen Firma Sam Productions. Søren Sveistrup und Adam Price, die Ideengeber für diese Serie, sind Miteigentümer des Unternehmens. Auftraggeber waren Discovery Networks Dänemark, der dänische Privatsender Kanal 5 und von deutscher Seite ZDFneo, beteiligt ferner Studiocanal (Frankreich) sowie norwegische und schwedische Partner. Seitens ZDFneo wurde das Projekt von Frank Seyberth betreut. ZDFneo war demnach ein „Minderheitspartner“ der Produktion, aber vollumfänglich in die Drehbuchentwicklung, die Besetzungsentscheidungen und die Postproduktion eingebunden. Gegenüber der MK lobt Seyberth das hochkarätige Team der Herstellungsfirma, einer, wie er sagt, „Boutiqueproduktion“, die einen schnellen, konfliktfreien Produktionsprozess ermöglicht habe.

Die Erzählstruktur der Serie übernehmend – acht Folgen entsprechen dem Geschehen von acht Tagen –, zeigt ZDFneo die Serie in ungewöhnlicher Programmierung seit dem 6. Oktober 2017 in täglicher Abfolge jeweils um 23.15 Uhr. In der ZDF-Mediathek ist die Serie, die auch schon in der Sektion „Special Series“ bei der Berlinale 2017 zur Aufführung gelangt war, laut Senderangaben bis zum 6. Januar 2018 komplett zu sehen. Im dänischen Original hat die Serie übrigens den Titel „Gidseltagningen“ („Geiselnahme“).

10.10.2017 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 24/2017

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