Jutta Neupert: Das Kreuz mit dem Frieden – Die Kirchen und die Kriegseinsätze. Reihe „stationen.Dokumentation“ (Bayerisches Fernsehen)

Grenzen öffnen, Grenzen schließen

Es ist ziemlich einfach, in Resolutionen oder Sonntagspredigten ein Ende der Kriege zu fordern. Oder Waffenlieferungen abzulehnen. Oder zu verlangen, dass Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet werden. Und wer wollte widersprechen, wenn der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf verkündet: „Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein.“ Die tägliche Wirklichkeit, wie sie nicht zuletzt in den Medien präsentiert wird, sieht allerdings anders aus. Jutta Neupert (Buch und Regie) illustrierte in ihrem Film „Das Kreuz mit dem Frieden“ vielfältige Aspekte der Thematik, wie sich die Kirchen zu Kriegseinsätzen verhalten, anhand von historischen Aufnahmen und Interviews mit Zeitgenossen.

Das war in der Fülle des Materials durchaus eindrucksvoll. Und erinnert zu werden an die Anfänge der Ostermärsche und die Kundgebungen im Bonner Hofgarten gegen den NATO-Doppelbeschluss oder an Sitzblockaden, Menschen- und Lichterketten für den Frieden ist sicherlich verdienstvoll. Die Fülle des Materials, das nicht unbedingt nachvollziehbar sortiert war – sieht man einmal von einer gewissen Chronologie ab –, war auch das Problem dieser Dokumentation. Denn die rasche Abfolge der historischen Belege im Wechsel mit Gesprächspartnern, die durch Inserts gar nicht oder erst später im Film vorgestellt wurden, erschwerten das Verständnis.

So war dieser Film aus der Reihe „stationen.Dokumentation“ des Dritten Programms Bayerisches Fernsehen ein Kaleidoskop von Fakten, persönlichen Meinungen und Befindlichkeiten, das beim Betrachter schlussendlich eine gewisse Ratlosigkeit hinterließ. Einerseits sind die Kirchen für den Frieden und gegen Waffenlieferungen, andererseits gegen Krieg und im Einzelfall doch für einen Gewalteinsatz als Ultima ratio. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben sich Christen – zuweilen auch im Gegensatz zu den Kirchenleitungen – gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands engagiert, gegen Aufrüstung, gegen konkrete Kriege wie den gegen den Irak. Langfristig zeigte das innerhalb der Institutionen eine gewisse Wirkung: Im Jahr 2000 löste sich die katholische Kirche von der „Lehre vom gerechten Krieg“ und 2007 verlautbarte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD): „Gerecht kann nur der Frieden sein.“

Die 45-minütige Dokumentation (Redaktion: Sabine Rauh/BR) beschränkte sich in ihren Beispielen auf Kriege im Nahen Osten und aktuell die bewaffnete Auseinandersetzung in der Ostukraine. Wahrscheinlich wäre es zu viel verlangt, in einem solchen Beitrag Antworten auf die vielen Fragen zu erwarten. Aber dass der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm von seinem Besuch bei jessidischen Flüchtlingen in Syrien anders – auch in seinen Urteilen – zurückkehrt, dass der frühere Militärpfarrer Jens Hauschild nach zwei Einsätzen bei der Bundeswehr in Afghanistan von den Veränderungen in seiner Persönlichkeit und auch bei den von ihm betreuten Soldaten berichtet, dass der evangelische Pfarrer Friedrich Schorlemmer, der katholische Erzbischof Ludwig Schick aus Bamberg oder der Liedermacher Konstantin Wecker ihre Abneigung gegen Gewalt und Krieg äußern – all dies ist analytisch und politisch nachvollziehbar. Irgendwie jedoch ist, dies aufzeigen, auch unbefriedigend, weil hier Bekanntes oder Erwartbares wiederholt wird, statt eine neue Perspektive zu entfalten.

Die im Film auftauchende Formel „Grenzen für Flüchtlinge öffnen, aber Grenzen für Waffenlieferungen schließen“ hätte beispielsweise eine intensivere Diskussion verlangt. So blieb es bei durchaus beeindruckenden Zeugnissen, wenn etwa Pfarrer Klaus Rettig darüber sprach, wie er in den 1980er Jahren Kriegsdienstverweigerern bei ihren damals noch üblichen Verfahren zur Gewissensprüfung half, oder wenn Harald Hellstern erzählt, wie er als Panzerfahrer bei der Bundeswehr lernte, das Verteidigungssystem der Bundesrepublik in Frage zu stellen und sich bei Pax Christi zu engagieren. Persönliche Zeugnisse, gewiss; aber sind damit, wie es der Pressetext zum Film verheißen wollte, schon neue Denkanstöße geliefert? Wie so häufig wäre etwas mehr Konzentration aufs Wesentliche hilfreich gewesen, weniger Interviewpartner und historische Filmstücke, dafür intensivere Gespräche und eine übersichtlichere Gliederung. Ach ja, Ballerspiele kamen auch vor und zudem ein „Friedensspiel“. Und gelegentlich robbte ein Plastiksoldat mit Gewehr im Anschlag durchs Bild. Das sollte wohl irgendwie peppig wirken, war aber eher eine überflüssige Spielerei.

11.05.2015 – Martin Thull/MK