It takes 2. 5-teilige Gesangsshow (RTL)

Sonst nur unter der Dusche

Mon dieu, nach „Wetten, dass..?“ (ZDF) ist dem Privatfernsehen jetzt nicht mal mehr der ARD-„Tatort“ heilig! Jahrelang galt das ungeschriebene Fernsehgesetz: ‘Du sollst keine Show senden, wenn Gottschalk im ZDF die Bagger rollen lässt.’ RTL preschte dann aber Anfang der 2000er Jahre als Gesetzesbrecher mit dem Casting-Bulldozer „Deutschland sucht den Superstar“ auf den Samstagabend vor – und schon war die Quotenarithmetik gestört. Ein ähnliches Gesetz betrifft das Heiligtum der ARD. Gegen den sonntags schier unbezwingbaren „Tatort“ (20.15 bis 21.45 Uhr) werden seit jeher mit Mühe, aber ohne nennenswerten Lohn Blockbuster und Serien aufgeboten, nur bloß keine Show, lässt man einmal das zaghaft Showige mit Shoppen und Kochen bei Vox außen vor.

Doch das mit dem Tabu für Shows zum „Tatort“-Termin, auch das ist nun perdu. Spätestens seit Pro Sieben und Sat 1 im Herbst 2016 die gemeinsame Gesangsreihe „The Voice of Germany“ vom Freitag auf den Sonntag verlegten und nicht schlechter damit fuhren als zuvor, gibt es keine Zurückhaltung mehr. Zu Beginn dieses noch jungen Jahres platzierten RTL und Sat 1 am siebten Tag der Woche zur besten Sendezeit je eine Show zur „Tatort“-Zeit: „It takes 2“ (was mit Singen, RTL, seit 15. Januar) und „Duell der Stars“ (was zum Raten und Spielen, Sat 1, seit 8. Januar). Und sagen wir mal so über die Resonanz beim Publikum: Die Zahlenfetischisten bei der ARD können sich entspannt zurücklehnen, denn nach wie vor gilt, dass keine andere Sendung sonntags mehr Zuschauer hat als der „Tatort“. 8,80 Mio schauten zum Beispiel am vorigen Sonntag im Ersten Krimi, nur 2,47 Mio (RTL) bzw. 1,27 Mio (Sat 1) Show. Die Tendenz bei diesen beiden Formaten nach der jeweiligen Premiere: stark abfallend.

Es grenzt allerdings auch an Hybris, mit solch uninspirierten Unterhaltungskonzepten dem „Tatort“ was zu wollen. Die zunächst auf fünf Folgen angelegte Musiksendereihe „It takes 2“ zum Beispiel ist – und die Spielshow „Duell der Stars“ drastisch ausgeprägter – eine dieser austauschbaren Shows, wo mehr oder weniger bekannte Fernsehnasen sich einem Wettbewerb aussetzen müssen. Es machen unter anderen mit: eine (sieh an!) „Tatort“-Schauspielerin (Mimi Fiedler, die im Stuttgarter „Tatort“ eine Kriminaltechnikerin gibt), ein Soap-Darsteller (André Dietz), ein Fernsehkoch (Kolja Kleeberg), eine RTL-Nachrichtenmoderatorin (Annett Möller), ein früherer Gewichtheber (Matthias Steiner) und ein ehemaliges Heidi-Klum-Model, das nicht mehr nur Model sein will (Hana Nitsche). Sie alle sollen in „It takes 2“ tun, was sie sonst nie tun oder vielleicht höchstens heimlich unter der Dusche: singen.

Die Singerei wird von einer dreiköpfigen Jury bewertet und bepunktet. So weit, so wenig schrill. Sieht man einmal von diesem bärtigen Kunstwesen Conchita ab, das im Unterschied zu seinen beiden Jury-Kollegen Angelo Kelly und Álvaro Soler den Job von der Stiefel- bis zur Perückenhaarspitze zu genießen scheint. Bei der Premiere von „It takes 2“ bekam das Trio Konkurrenz durch eine Art zweite Jury, was durchaus irritierte: Im „Lounge“ genannten Backstage-Bereich lauschten die „Profis“ Tom Gaebel, Christina Stürmer und Gil Ofarim den Darbietungen der „Promis“ auf der Bühne, ohne sie sehen zu können, und rätselten, welche bekannte Persönlichkeit hinter welcher Stimme stecken könnte. Allein anhand der Stimme wählten sie schließlich aus, wer ins eigene Team kommen durfte, um dann, ab Showausgabe Nummer 2, in den gemeinsamen Duetten aufzutreten, die ja der Grund für den Titel dieses Formats sind.

Nur die Stimme zählt, das gab’s natürlich schon einmal. Erinnert sei an die „Blind Auditions“ aus den „Voice-of-Germany“-Sendungen. Überhaupt wurde bei „It takes 2“ hemmungslos zusammengerührt und geschüttelt, was derzeit auf dem Fernsehshowmarkt „State of the art“ ist. Was diesem Cocktail allerdings abgeht, ist das prickelnd Neue, Überraschende. Extrem brave, glattgebügelte, solide, aber spannungsfreie Unterhaltung präsentiert RTL hier für seine Verhältnisse. Selbst Daniel Hartwich, der momentan im australischen Dschungel für die einschlägige RTL-Show jeden Abend live sein Bestes an Schlagfertigkeit und Witz gibt, kommt in den Aufzeichnungen von „It takes 2“ als Moderator nie richtig zum Zug. Ihm zur Seite gestellt wurde ein junges Moderationsding, das auf den Namen Julia Krüger hört, sich aber kaum Gehör verschafft resp. verschaffen kann, weil es nach der Publikumsbegrüßung sogleich in die „Lounge“ zu Promis und Profis abgeschoben wird und dort zuständig ist für Fragen der Kategorie „Wie war’s für dich?“.

Hinter „It takes 2“ steckt als Produzent Unterhaltungsguru John de Mol. In den Niederlanden, seiner Heimat, lief der Singer-Contest im vorigen Frühjahr an; eine zweite Staffel ist bereits in Arbeit. De Mols Tochterfirma Talpa Germany produzierte die deutsche Version von „It takes 2“ in Köln. Sieht man einmal von Conchitas beängstigend kreativer Perückenorgie ab, scheint nicht allzu viel Produktionsaufwand betrieben worden zu sein. Das Set mutet wie das Überbleibsel aus der letzten „Let’s-Dance“-Staffel an. Kein Kulissenzauber, keine Pyrotechnik, keine Begleittänzer. Eine Musikshow runtergestrippt auf das Wesentliche, die Musik. Man gönnt sich lediglich eine Big Band mit Background-Sängerinnen, die aber von hervorragender Qualität.

Welch Luxus – nur zum Vergleich – lässt RTL dagegen „Deutschland sucht den Superstar“ zukommen: Für die sogenannten Recalls, also die zweite Casting-Phase vor den Mottoshows im Studio Coloneum, wird Dieter Bohlens Truppe seit der sechsten Staffel zu exotischen Plätzen ausgeflogen, nach Teneriffa, in die Dominikanische Republik, auf die Malediven, Kuba und nach Thailand. In der aktuellen 14. Staffel brennt Dubais Sonne auf Bohlens Pelle, und zwar, wie man aus Produktionskreisen hört, mit finanziell freundlicher Unterstützung der Tourismusbehörde aus dem Golf-Emirat. Aber das ist eine andere Geschichte.

03.02.2017 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 10/2017

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