Ingo Helm/Andreas Sawall/Harald Lesch: Der große Anfang – 500 Jahre Reformation. 3-teilige Dokumentation im Rahmen der Reihe „Terra X“ (ZDF)

Glück und Geschick

Sagen wir es einmal so: Es ist ein ungeheuer ambitioniertes Unternehmen, das komplexe Geschehen rund um die Veröffentlichung der Thesen Martin Luthers vor 500 Jahren so darzustellen, dass auch der zuvor nicht informierte Zuschauer versteht, was die Protagonisten damals bewegte. Im Rahmen des bekannten Formats „Terra X“ und mit dem populären Presenter Harald Lesch haben die verantwortlichen ZDF-Redaktionen bei ihrem Projekt „Der große Anfang“ auf eine verlässliche Erfolgsspur beim Publikum gesetzt. Ingo Helm (Buch) und Andreas Sawall (Regie) gelingt es in Verbindung mit Lesch, nicht nur Ursachen und Wirkung von Luthers Reformation nachvollziehbar nahezubringen, sondern auch Linien in die Gegenwart zu ziehen.

Die drei Folgen der rund um Ostern ausgestrahlten Dokumentation (Produktion: Eikon) verzichten weitgehend auf die sonst so beliebten sachkundigen Professoren – und bringen stattdessen Spielszenen ein, meist als Illustration, nicht als zusätzliches Zitat. Von Vorteil ist auch, dass sich die Filmemacher ganz auf die Person Luthers konzentrieren; Erasmus von Rotterdam oder Katharina von Bora etwa spielen höchstens Nebenrollen, ebenso Kaiser Karl V. und Papst Leo X. Immer wieder erläutert Harald Lesch in Bibliotheken und Kirchen, in der Natur und bei einem Hirnforscher oder in bewusst als Kulisse aufgebauten Szenarien die Geschehnisse von damals. Dies führt zu einem Rhythmus, der geschickt die Aufmerksamkeit des Publikums fordert, ohne zu überfordern.

So wird in der ersten Folge, die den Untertitel „Der Funke“ hat, deutlich, wie sehr Martin Luther in eine ohnehin bereits umwälzende Zeit geboren wurde: Johannes Gutenberg hatte den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden, Christoph Columbus hatte Amerika entdeckt, Nikolaus Kopernikus das bisherige Wissen um die Gestirne auf den Kopf gestellt, der erste Globus entstand. In Italien arbeiteten Leonardo da Vinci, Botticelli und Michelangelo. Wobei der Film offenlässt – weil es nicht zu beweisen ist –, ob Luther auf seiner Reise nach Rom im Jahr 1511 etwa eine der Kulturgrößen in Florenz oder Rom persönlich erlebt hat. Wahrscheinlich eher nicht, da der damals noch beflissene Mönch anderes im Kopf hatte, als sich um den Wandel in Kultur und Wissenschaft zu sorgen.

Diese Entwicklungen jener Zeit führten allerdings auch zu großer Verunsicherung in der Bevölkerung, weil überkommene und gelernte Gewissheiten in Frage gestellt wurden. Und bei Martin Luther kann man den Eindruck gewinnen, dass ihn – jedenfalls zunächst – lediglich seine theologischen Studien einnahmen, bei denen ihn anfangs in erster Linie seine persönliche Beziehung zu seinem Gott beschäftigte: „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“ Erst als er durch seine Thesen in Konflikt nicht nur mit dem Papst, sondern auch mit der weltlichen Macht geriet, musste er sich mit auch jenen Themen beschäftigen, die jenseits seiner bisherigen Studien lagen.

Besonders konkret wird dieses Dilemma in der zweiten Folge („Die Explosion“) beleuchtet, als sich Bauern im Süddeutschen zusammenfinden, um die „Freiheit eines Christenmenschen“ für die eigene Existenz zu reklamieren. Dabei berufen sie sich auf Luthers Schrift. Der aber sah die Freiheit auf die Seele beschränkt, mit Politik wollte er nichts zu tun haben. Und er war durchaus dem Mittelalter verhaftet, wenn er es als selbstverständlich voraussetzte, dass die Herrschaft der Fürsten von Gott gegeben sei – und damit unanfechtbar war. Ohne es zu ahnen, schaffte er sich so Verbündete, die seinen Reformgedanken zum Durchbruch verhalfen.

Denn manche Fürsten, an erster Stelle Friedrich „der Weise“ von Sachsen, sahen in Luther einen wichtigen Bündnispartner, eigene Interessen gegenüber dem Papst und zugleich auch gegenüber dem deutschen Kaiser durchzusetzen. Luther hatte das Glück, nicht nur diese fürstlichen „Schutzpatrone“ für sich zu gewinnen, sondern auch den noch neuen Buchdruck zur Verbreitung seiner Gedanken nutzen zu können. Mit dessen Hilfe konnten die aufrührerischen Gedanken nicht verborgen bleiben, sondern erreichten angesichts beeindruckend hoher Auflagen viele Menschen. Seine Gegner im Reich wie in Rom nutzten noch die überkommenen Kommunikationsmittel wie Briefe oder Urkunden, die „Bulle“ genannt wurde. Und diese Dokumente waren auch noch in Latein abgefasst, während Luther geschickt immer öfter die deutsche und damit weithin verständliche Sprache nutzte. So kamen viele glückliche Umstände zusammen, die die Reformation beförderten. Oder besser, wie es in der dritten Folge („Das Feuer“) herausgearbeitet wird: die die Spaltung der katholischen Kirche verursachten, ohne dass Luther dies beabsichtigt hätte.

Harald Lesch fächert das alles auf, erklärt und analysiert, macht neugierig. Nur selten vertieft er eine Problematik im kurzen Gespräch mit einem Historiker. Er sucht Originalschauplätze von damals auf – prächtige Kirchen und bedauernswert verfallene Ruinen. Dabei wählt er (in bekannter Weise) eine verständliche Sprache – Martin Luther hätte seine helle Freude daran gehabt. Der Reformator hätte zwar die Fachdiskussion mit Theologenkollegen vorgezogen, hatte aber auch erkannt, dass die ‘Flucht’ ins Lateinische keine Zukunft mehr haben konnte, weil er den mündigen Christen wollte, „das Priestertum für alle“. Da wäre die akademische lateinische Sprache hinderlich gewesen.

Berechtigt erscheint die Kritik der Filmemacher an den Devotionalien im groß gefeierten Reformationsjubiläumsjahr 2017: „Futtern wie bei Luthern“ mit Bier und Nudeln, Playmobil-Figur und Socken mit dem Schriftzug „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, das alles gibt’s in der Lutherstadt Wittenberg käuflich zu erwerben. Doch gab es solches auch schon früher. Luther-Touristen nahmen vom Fachwerk seines Geburtshauses in Eisleben so viele Holzsplitter mit, dass es einsturzgefährdet wurde und abgerissen werden musste. Reliquien von jemandem, der den Reliquien- und Heiligenkult zu seiner Zeit bekämpft hatte – Ironie der Geschichte, wie Lesch erläutert.

Bei aller Qualität der Themenwahl in ihren vielfältigen Teilaspekten – selbst die dreimal 45 Minuten dieses „Terra-X“-Dokumentationsprojekts lassen nur Mosaiksteine zu, die zwangsläufig ein unvollkommenes Ganzes ergeben. So bleibt etwa die Thematik des Sprachschöpfers Luther nur gestreift; die teilweise unsäglichen, in jedem Fall umstrittenen Positionen des Reformators zu Juden, Türken und Hexen bieten zwar Gelegenheit zu attraktiven Spielszenen, kommen hier aber eindeutig zu kurz. Das geschehen in Zürich und Genf mit den Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin wird gestreift, die Abspaltung der anglikanischen Kirche unter Heinrich VIII. ebenso. Die Doppelehe Philipps von Hessen mit Dispens von Luther – was für eine mögliche separate Geschichte! Alles könnte auch eine je eigene Dokumentation inhaltlich tragen. Immerhin positiv, dass der Besuch von Papst Franziskus in der evangelischen Kirche in Rom und seine Äußerungen dort Anlass zu einem gewissen Optimismus für den Fortschritt in der Ökumene geben.

So endet Harald Lesch mit dem Appell, den dem Weihnachtsevangelium entsprechend die Engel an die Hirten richteten: „Fürchtet euch nicht!“ (Lk 2,10) – ein Aufruf an die katholische und die evangelische Kirche, wieder zusammenzukommen. Es war dies eine geschickte Schlusspointe der insgesamt überzeugenden dreiteiligen Dokumentation. Und vielleicht ist das auch der derzeit geeignetere Weckruf. Ansonsten wird ja gerne das beschaulichere „Auf dass sie alle eins seien“ (Jo 17,21) gewählt.

20.04.2017 – Martin Thull/MK