Ingo Dell: Die Karawane der Pflegerinnen / Ariane Riecker: Der Pflegeaufstand. Themenabend „Pflege in Not“ (Arte)

Profite, Ausbeutung, Müllverträge

11.08.2017 • Sophie Boissard ist Vorstandsvorsitzende eines Konzerns, sie verdient 450.000 Euro pro Jahr. 47 Mio Euro hat ihr Unternehmen allein 2014 an seine Aktionäre ausgeschüttet. Das mögen an sich keine ungewöhnlichen Zahlen sein, überraschend ist auf den ersten Blick aber möglicherweise, in welcher Branche es Boissard zu Reichtum gebracht hat: Die Firmengruppe Korian, der sie vorsteht, verdient ihr Geld mit dem Betreiben von Altenpflegeheimen.

In Europa ist Korian führend in diesem Markt, der, wie viele Kritiker bemängeln, keine nennenswerte Regulierung mehr durch die Politik erfährt. Die Lobbyisten der Branche bestimmten de facto die Rahmenbedingungen, sagen die Pflegesystem-Kritiker Claus Fussek und Armin Rieger – der Letztere ist selbst Betreiber einer Einrichtung für Demenzkranke – in Ariane Rieckers Dokumentation „Der Pflegeaufstand“. Dass der Pflegemarkt eine quasi staatsfreie Zone ist, zeigt sich auch darin, dass nur vier Prozent der Pflegeheime in öffentlicher Hand sind.

An solch aufschlussreichen Informationen herrscht kein Mangel in Rieckers Film, den Arte im Rahmen des erst um 22.50 Uhr beginnenden und deutlich nach Mitternacht endenden Themenabends „Pflege in Not“ ausstrahlte. Der zentrale Begriff in ihrer Dokumentation lautet „Menschenrechtsverletzungen“. Er taucht mehrmals auf in Interviewäußerungen der Juristen Christoph Lindner und Alexander Graser, die gemeinsam eine Verfassungsbeschwerde erarbeiteten, in der sie argumentiert hatten, dass der hiesige Pflegenotstand von systematischen Grundrechtsverletzungen geprägt sei. Graser sagt sogar, die meisten Menschenrechtsverletzungen hierzulande geschähen in der Altenpflege. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe wies ihre Beschwerde allerdings Anfang 2016 ab.

Während Ariane Riecker in ihrem Film vor allem in den Blick nimmt, dass massive Profite auf Kosten der Pflegeheimbewohner erwirtschaftet werden, zeigt „Die Karawane der Pflegerinnen“, der andere Film des Themenabends, einen frappierenden Aspekt des Pflegenotstands jenseits der Heime: die teilweise mit dem Begriff Ausbeutung nicht unzutreffend beschriebene Lage osteuropäischer Frauen, die in deutschen Privathaushalten schwerkranke Menschen betreuen. Viele von ihnen unterzeichnen, wenn sie die Arbeit übernehmen, unter anderem vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) so genannte „Müllverträge“, die keinen sozialversicherungsrechtlichen Schutz beinhalten, oder arbeiten in einem gänzlich vertragslosen Zustand, also schwarz.

Gegen diese Verhältnisse anzugehen versucht Carifair, ein Tochterunternehmen der Caritas Paderborn. Ingo Dell, der Autor von „Die Karawane der Pflegerinnen“, stellt in seinem Film Alicja Dawid vor, eine 57-jährige Polin, die von Carifair an eine Paderborner Familie vermittelt wurde, nachdem sie in ihrem Heimatland fünf Jahre lang arbeitslos gewesen war. Die Passagen, in denen Dell Alicja Dawids Alltag beschreibt, leiden allerdings unter den jovialen Anflügen des Autors. Er nennt die siebenfache Großmutter, die mit einem Nettolohn von 1070 Euro und Anspruch auf Urlaub im Vergleich zu den meisten ihrer in Deutschland tätigen Kolleginnen gut dasteht, oft nur bei ihrem Vornamen. Sogar die demente 74-Jährige, die von Dawid gepflegt wird, heißt hier zweimal bloß „Adelheid“.

Die Dokumentationen „Die Karawane der Pflegerinnen“ und „Der Pflegeaufstand“ liefern wissenswerte, nachdenklich machende Details; gemeinsam haben die beiden dem Arte-Programm vom MDR zugelieferten Filme (Redaktion jeweils: Silke Heinz) allerdings auch, dass sie auf bildlicher Ebene vollständig enttäuschen. Bilder haben in diesen Themenabend-Beiträgen meistens nur illustrativen Charakter. Sie wirken zudem beliebig bis hilflos. Riecker etwa zeigt den Pflegesystem-Kritiker Fussek mal in seinem Büro, mal sitzend auf einem belebten öffentlichen Platz, mal auf einer Brücke, wie er sinnierend auf einen Fluss blickt. Außerdem hat sie einen Hang zu Spielereien und projiziert Bilder auf einen Richtertisch oder eine Stuhllehne. Dell wartet unter anderem mit überflüssigen animierten Grafiken auf.

Schlimmer ist allerdings noch die deplatzierte Musik. Sieht man einmal ab von den Interviewpassagen, gibt es in den beiden Filmen kaum ein Entkommen vor penetrant gefälligem Klanggeplänkel. Bei den Szenen aus dem Pflegealltag hat man aufgrund der Musik manchmal der Eindruck, man sei in einen Werbefilm für die Branche hineingeraten. Ohne Musik wäre dieser Themenabend bei weitem nicht außergewöhnlich, aber ein nennenswertes Stück besser gewesen.

11.08.2017 – René Martens/MK