Heinz Strunk/Lars Jessen: Jürgen – Heute wird gelebt (ARD/WDR)

Scheitern als Kunst

20.09.2017 • Der große amerikanische Erzähler Richard Russo ist ein Spezialist für das Leben der kleinen Leute. Er schafft es, seine Figuren erzählend so zu begleiten, dass wir lesend vergessen, dass doch er sie geschaffen hat. Wie aus eigenem Recht und Antrieb stehen sie vor unseren Augen. Die Empathie des Autors für seine Helden steckt im Herzschlag ihres Lebens, nicht aber in fürsorglichen Gesten des Erzählers. An dieses Erzähler-Figuren-Verhältnis, an die kleinen Leute und den damit einhergehenden Realismusbegriff muss man unweigerlich denken, wenn man Heinz Strunk als Jürgen Dose im ARD-Fernsehfilm „Jürgen – Heute wird gelebt“ sieht, für den Strunk auch des Drehbuch geschrieben hat (Produktion: a.pictures film/Eichholz Film; der Film wurde wegen eines ARD-„Brennpunkts“ zum Erdbebens in Mexiko zehn Minuten später ausgestrahlt als ursprünglich vorgesehen).

Bleiben wir einen Augenblick beim Titel des Films, denn er ist aufschlussreich für dessen Tonlage und die Perspektive des Helden. Da steht „Heute wird gelebt“ und nicht „Ab heute wird gelebt“, wie es viele andere Filme versprechen würden. Dieser Held kennt also keine steigende Glücks- und Happy-End-Fahrt, dieser Held kennt allenfalls gelungene Augenblicke oder besser: den schüchternen Wunsch, dass etwas gelingen möge. Und zweitens: Es fehlt das doch angebrachte Ausrufezeichen. Warum? Weil dieser Held eher ein Mann der taubenfüßigen Worte ist – er schreit nicht, er spricht so vor sich hin, er murmelt, gluckst, gurrt. Dieser Jürgen Dose trat das erste Mal 1994 auf Heinz Strunks zweitem Soloalbum „Der Mettwurstpapst“ auf, eine verschrobene Comedy-Figur, die später noch in einer Radioshow (Radio Fritz, RBB) reüssierte wie auch in einem auf CD veröffentlichten Hörspiel („Trittschall im Kriechkeller“, 2005). Jetzt ist Jürgen Dose alias Heinz Strunk im Film angekommen und das hat viel mit dem langen Freundschaftsdialog zwischen Heinz Strunk und Lars Jessen zu tun, dem Regisseur des Films.

Jürgen, das ist die Geschichte, arbeitet als Parkhauspförtner. Zu Hause quält-quengelt seine ans Bett gefesselte Mutter. Ein Mutter-Drachen, die den Sohn und zahlreiche Pflegekräfte verschleißt. Jürgens bester Freund ist Bernd Würmer (Charly Hübner), ein Trumm von einem Mann, der im Rollstuhl sitzt. Sie leben im grauen Hamburger Plattenbau und träumen von Frauen, die unendlich fern zu sein scheinen.

Die Junggesellen wider Willen faseln und quasseln sich durch die Tage, tagträumend, frauensuchend. Eines Tages brechen sie auf ins Abenteuer. Ein schmieriges Kontaktinstitut namens „Europ Love“ verspricht, polnische Frauen seien noch zu haben, sie warteten nur auf den deutschen Mann. Und so machen sich Jürgen und Bernd schließlich unter der Leitung des zwielichtigen Herrn Schindelmeister (Peter Heinrich Brix) auf den Weg nach Stettin, wo die Damen aus dem Liebeskatalog schon warten. Mit von der Partie sind noch die Dolmetscherin Anja (Friederike Kempter) und vier andere frauenlose, fragwürdige Mannsbilder.

In Stettin ist es kaum weniger trist als in Hamburg. Natürlich findet keine der gebeutelten Gestalten die Frau fürs Leben; die Freundschaft von Jürgen und Bernd wird einer echten Belastungsprobe ausgesetzt und eine vorsichtige Romanze zwischen Jürgen und Anja findet kein glückliches Ende. Schließlich kehren die Helden des Scheiterns zurück in die Tristesse ihres einförmigen Hamburger Alltags.

Man geht, fühlt, leidet mit als Zuschauer dieses Films. Man lächelt, hält inne, schüttelt den Kopf, ist gerührt. Weinen muss man nicht. Lachen manchmal. Es ist kein lautes Comedy-Lärmen. Das ist schön. Insbesondere Heinz Strunk als Jürgen ist ein echter Authentizitätshammer. Kein großer Spieler, aber ein großer Daseinsberechtigter. Er ist, er steht, er geht, er blinzelt, er seufzt. Charly Hübner dagegen spielt, spielt famos, aber an Strunk reicht er nicht ganz heran. Diese unterschiedlichen Existenzweisen vertragen sich und Regisseur Lars Jessen gelingt es auch, die beiden ins Spiel zu bringen. Eine Kluft bleibt dennoch. Die wird umso augenfälliger, weil die anderen Mannsbilder, die anderen Liebessucher stilistisch recht unterschiedlich agieren, mal kalauernd, mal sehr satirisch, mal sehr übertreibend, mal zart suchend. Das scheitert zwar nicht an- und miteinander, findet aber auch nicht vollends stimmig zusammen.

Ausgesprochen stimmig hingegen ist die aufmerksame Kamera von Kristian Leschner, der den Blick für Details hat, der Geschichten am Rand kreiert, der das Grau des Alltags zum Leuchten bringt und tief in die versumpften Lebenswelten Hamburgs und Stettins eintaucht und Beton und Asphalt zum Sprechen bringt. Mit der Kamera auf Augenhöhe sind das Szenenbild von Dorle Bahlburg und die Kostüme von Anette Schröder. Das passt!

Es ist ein gelungener, ein guter Film. Dennoch wird man nicht vollends hingerissen. Wieso? Ist die Trostlosigkeit zu betörend? Sind die Existenzweisen und Spielstile der Schauspieler zu disparat? Oder liegt es am fehlenden Erzählzentrum? Wer ist der Erzähler? Jessen? Strunk? Jürgen Dose? Heinz Strunk hat eine eigene Gravitation, die anderen Figuren haben eine andere. Sein Jürgen ist einerseits stärker an die Erde und ans Leben gefesselt als alle anderen und zugleich schwebt er kunstvoll palavernd und quasselnd stets ein Stückchen über allen anderen.

Und während man das schreibt, denkt man zugleich: Schon deshalb war es richtig und gut, diesen Film zu machen. Er regt zum Nachdenken über Empathie- und Distanzverhältnisse an, er wagt einen lakonischen Lebenszugriff, der im deutschen Fernsehfilm selten zu sehen ist, der Humor ist fein- und nicht grobgesponnen und dieser Jürgen, dieser Strunk, provoziert die seltsamsten Assoziationen: zu Chaplin, Mastroianni, Dittsche, zu Schotty, unserem „Tatortreiniger“, zu Ken Loach und dessen Helden oder zu Valeska Grisebachs neuem Kinofilm „Western“. So oder so, der Film „Jürgen – Heute wird gelebt“ hat das Herz auf dem rechten Fleck, nur ist sein Herz etwas zerrissen, etwas zusammengetackert, ersatzteilbelastet. Spricht das gegen ihn?

20.09.2017 – Torsten Körner/MK
Der Held Jürgen Dose: Er schreit nicht, er spricht so vor sich hin, er murmelt, gluckst, gurrt Foto: Screenshot

Print-Ausgabe 20/2017

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