Hans-Christian Schmid/Bernd Lange: Das Verschwinden. 4‑teilige Fernsehfilm-Produktion (ARD/BR/NDR/SWR)

Ein besonderes Fernsehereignis

17.11.2017 • Am 30. September dieses Jahres zeigte das ZDF im Rahmen der Reportagereihe „Mein Land, Dein Land“ den Beitrag „Crystal Meth – Wie die Droge die Schulhöfe verseucht“. Autor Micha Hawich berichtete darin über verschworene Freundinnen, die seit dem 13. Lebensjahr Meth konsumieren, über Dealer vorm Schulhof, über Drogenlabore gleich hinter der tschechischen Grenze.

Insbesondere in Kenntnis jener Reportage zeigte sich die gesellschaftliche Aktualität von Hans-Christian Schmids Fernsehfilm-Vierteiler „Das Verschwinden“ – manche Passagen dieser rein fiktionalen Erzählung glichen frappant einzelnen dokumentarischen Bildern aus der genannten ZDF-Produktion. Crystal Meth dient im Kriminalgenre nicht selten als dramaturgischer „MacGuffin“, Handel und Konsum des Rauschmittels werden mit einer gewissen Unbefangenheit, wenn nicht sogar verharmlosend geschildert. Hans-Christian Schmid und sein Koautor Bernd Lange hingegen betrachten das Thema mit der gebührenden Ernsthaftigkeit.

Noch in anderer Hinsicht hebt sich „Das Verschwinden“ wohltuend vom Dutzendkrimi ab. Die Exposition und die Etablierung der Hauptfiguren fallen bemerkenswert gründlich aus. Die Altenpflegerin Michelle Grabowski (Julia Jentsch) möchte ihre Tochter Janine zu deren Geburtstag am Arbeitsplatz mit einer Torte überraschen und muss erfahren, dass Janine schon Tage zuvor gekündigt hat. Als sie Janine (Elisa Schlott) in deren Wohnung aufsucht und wegen der Kündigung zur Rede stellt, gibt die Tochter nur eine vage Begründung ab. Noch weiß Michelle Grabowski nichts davon, aber Janine und ihre Freundinnen Laura (Saskia Rosendahl) und Manu (Johanna Ingelfinger) haben sich auf den Drogenhandel eingelassen.

Michelle Grabowski, selbst noch relativ jung an Jahren, ist um ein freundschaftliches Verhältnis zu Janine bemüht. Der aufgrund der beruflichen Kündigung ausgelöste Streit mit ihrer Tochter liegt ihr auf der Seele. Später am Abend hält sie in der Diskothek „Revolution“ Ausschau nach Janine. Ein klärendes Gespräch zwischen Mutter und Tochter endet in Harmonie. Doch in derselben Nacht verschwindet Janine. Ihre Freundin Laura entdeckt Janines Auto verlassen am Rande einer Landstraße.

Der Ortspolizist Gerd Markwart (Stephan Zinner) misst dem Geschehen keine Bedeutung bei, er meint, Janine werde schon wieder auftauchen. Michelle Grabowski aber will nicht warten. Vorerst auf sich allein gestellt, klappert die besorgte Mutter nun die Freunde der Familie ab, darunter Leo Essmann (Stefan Blomberg), der nicht nur der Vater von Janines Freundin Manu ist, sondern auch Janines ehemaliger Arbeitgeber. Und er hatte, wie sehr viel später offenbar wird, eine sexuelle Affäre mit Janine.

Michelle Grabowski entdeckt auf ihrer Suche nach Janine die Verstrickungen in den Drogenhandel, wagt sich sogar nach Tschechien, wo das Crystal Meth hergestellt und auf dem asiatischen Markt veräußert wird. Der Meth-Handel liefert noch Stoff für einen Nebenstrang: Manu Essmann, selbst hochgradig abhängig, versucht verzweifelt, ihre Schulden bei einem brutalen Dealer zu begleichen.

Michelle Grabowski ist alleinerziehend, berufstätig und kämpft gerade um das Sorgerecht für Janines jüngere Schwester, die aus einer anderen Beziehung stammt. Janines Verschwinden zwingt sie, aus diesem Geflecht an Verantwortlichkeiten, Zwängen und Konflikten herauszutreten. Erst jetzt und auch nur nach und nach erkennt sie, dass sie ein falsches Bild hatte vom eigenen Lebensentwurf wie auch von den befreundeten Familien. Janine, Manu und Laura hatten es längst durchschaut – das im kleinstädtischen Milieu der fiktiven ostbayerischen Ortschaft Forstenau angesiedelte bürgerliche Familiengeflecht basiert auf Wunschdenken und Vertuschung. So müssen Leo Essmann und seine Frau Steffi (Nina Kunzendorf) erfahren, dass ihre Tochter Manu trotz Drogentherapie wieder rückfällig geworden ist, geben aber weiterhin vor, Manu gehe in Bayreuth brav ihrem Studium nach. Kerstin Karaman (Teresa Harder), Mutter des Deutschtürken Tarik (Mehmet Ateşçi), beweist kriminelle Energie, um ihren dealenden Sohn vor der Polizei zu schützen. Die Männer aus Forstenau unternehmen Ausflüge nach Tschechien, um ihrer Jagd- und Spiellust oder sexuellen Vergnügungen nachzugehen.

In diesem Klima schwelender Zerrüttungen bedeutet Janines Verschwinden eine Zäsur und wird zum Auslöser einer ganzen Kette tragischer Ereignisse. Manu versucht sich das Leben zu nehmen und kommt gerade noch davon. Laura stirbt durch die eigene Hand. Tarik wird von Lauras Vater (Michael A. Grimm) und dem korrupten Polizisten Markwart in der Haftzelle erschlagen, weil sie ihn für Lauras Tod verantwortlich machen. Denn sie brauchen jemandem, dem sie Schuld zumessen müssen, um das eigene Versagen weiterhin ausblenden zu können.

Laut dem ARD-Presseheft zu „Das Verschwinden“ (hergestellt von der 23/5 Filmproduktion zusammen mit Mia Film/Prag) nahm die Drehbucharbeit zu diesem Projekt drei Jahre in Anspruch. So erklärt sich die Intensität des Geschehens, die bei aller Verdichtung immer Raum lässt für Nuancen und Seitenblicke. Die Autoren nehmen eine Krimihandlung als roten Faden, im Sinn aber haben sie ein Milieuporträt mit Anleihen beim Sittengemälde und sie erkunden in diesem Zusammenhang betont kritisch das Verhältnis der Generationen. Die Eltern gehören einer Altersgruppe an, die sich selbst noch jung fühlt und den (halb)erwachsenen, zumindest mündigen Kindern eher partnerschaftlich denn autoritär gegenübertritt. Und die nicht verstehen kann, warum der Nachwuchs sich in selbstzerstörerischen Fluchtbewegungen verliert.

Bald jeder handelnde Charakter steht hier in irgendeiner Weise in Frage, eingeschlossen die anfangs als Identifikationsfigur eingeführte, von Julia Jentsch grandios verkörperte Michelle Grabowski. Fast wirkt es wie ein Zugeständnis an die Zuschauerschaft, wenn mit dem Polizisten Jens Köhler (Martin Feifel) auch eine verständnisvolle und integre Figur präsentiert wird, die freilich ihrerseits von tragischen Ereignissen in ihrer Vergangenheit geprägt ist. Da streifen die Autoren das Klischee des zerknitterten, desillusionierten, aber gerechtigkeitsversessenen Veteranen. Es gibt, das soll bei aller Wertschätzung dieser Produktion nicht verschwiegen werden, einige solcher Stanzen. Die Affäre des verheirateten Familienvaters mit der Freundin seiner Tochter gehört dazu, auch die Szene, in der Michelle Grabowski in der Diskothek wie entfesselt gegen ihre Verzweiflung antanzt und sich einbildet, in der Menge die vermisste Janine zu sehen.

Der Vierteiler „Das Verschwinden“ erzählt konsekutiv das Geschehen von acht aufeinanderfolgenden Tagen. Nicht nur gemessen an dieser knappen Zeitspanne wurde am Ende doch sehr viel in die Geschichte gepresst. Mit dem Mord an dem inhaftierten Tarik, einem Nebenereignis, sollte gegen Ende noch einmal ein dramatischer Höhepunkt gesetzt werden. Die Absicht wird spürbar und geht, auch wegen der mangelnden Glaubwürdigkeit, auf Kosten der Kerngeschichte, die gegen Ende sehr weit aufgefächert wird und dadurch ein wenig an Kraft verliert. Die Erklärung für Janines Verschwinden und letztlich ihren Tod – sie wurde Opfer einer unterlassenen Hilfeleistung – erfolgt dagegen recht abrupt und setzt einen Fehler der polizeilichen Ermittler, zu denen inzwischen auch eine LKA-Beamtin (Judith Engel) gestoßen ist, voraus. Ein etwas schwächliches Konstrukt. Aber akzeptabel.

In jedem Fall ist „Das Verschwinden“ ein besonderes Fernsehereignis, ablesbar schon an der Programmpolitik der ARD. Der Vierteiler wurde am 22., 29., 30. und 31. Oktober jeweils um 21.45 Uhr im Ersten ausgestrahlt, mit dem Effekt, dass andere Sendungen weichen oder verschoben werden mussten. An einem ‘gewöhnlichen’ Programmtag wie dem Montag (hier: dem 30. Oktober) wanderten deshalb sogar die „Tagesthemen“ auf einen Spättermin um 23.15 Uhr.

Vier Sendetermine also, dennoch spricht ARD-Programmdirektor Volker Herres im Presseheft von einer „achtteiligen Miniserie“. In der dieser Rezension zugrunde liegenden TV-Fassung – uraufgeführt wurde „Das Verschwinden“ im Juni 2017 beim Münchner Filmfest – ist eine achtteilige Struktur nicht erkennbar. Ausgestrahlt wurden vier Filme à 90 Minuten, vier Kapitel quasi, jedes davon mit einer eigenen Überschrift: „Janine“, „Weil wir euch lieben“, „Zwei Mütter“ und „Eine Familie“. Für die internationale Vermarktung unter dem englischsprachigen Titel „The Vanishing“ allerdings wurde gesondert eine Schnittfassung von acht Teilen à 45 Minuten hergestellt.

Aber gleich, ob vier oder acht Teile – „Das Verschwinden“ steht formal eindeutig in der Tradition des bundesdeutschen Mehrteilers, die 1959 mit „So weit die Füße tragen“ ihren Anfang nahm. Regisseur Hans-Christian Schmid nannte in Interviews die britisch-amerikanische Serie „The Missing“ (in Deutschland vom ZDF ausgestrahlt) als Referenz. „Das Verschwinden“ muss sich desgleichen mit der britischen Serie „Five Days“ und insbesondere der irischen Produktion „Amber“ (deutscher Titel „Amber – Ein Mädchen verschwindet“, hierzulande bei eoTV ausgestrahlt) vergleichen lassen – beide inhaltlich verwandt, jedoch formal gewagter.

Dennoch: Erzähltechnisch wie inhaltlich ist „Das Verschwinden“ im besten Sinne regional und gegenwärtig und erheblich bedeutsamer als so mancher Versuch, mit ehrgeizigen, pompösen, dabei im Kern oft inhaltsarmen Produktionen an vermeintlich stilbildende ausländische Vorbilder anzuknüpfen. Von denen viele, das bleibt meist unerwähnt, vom größeren Teil des deutschen Fernsehpublikums verschmäht wurden. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass sie mit der hiesigen Lebenswirklichkeit in der Regel wenig zu tun haben.

17.11.2017 – Harald Keller/MK