Hanno Hackfort/Bob Konrad/Richard Kropf/Bernhard Jasper/Matthias Schweighöfer: You Are Wanted. 6‑teilige Streaming-Serie (Amazon Prime Video)

Gefühlt international

Seit etwa vier Jahren finanziert Amazon eine thematisch erstaunlich breite Palette bemerkenswerter Serien, mit denen der Online-Versandhändler im Videostreaming-Bereich dem Marktführer Netflix Konkurrenz macht (vgl. hierzu diesen MK-Artikel). Neben preisgekrönten Publikumserfolgen wie „Mozart in the Jungle“, „Transparent“ und „The Man in the High Castle“ bietet Amazon Video auch ambitioniert gestaltete Nischenproduktionen an, darunter etwa die rabenschwarze, semi-autobiografische Comedy-Serie „One Mississippi“, in der die lesbische Komikerin Tig Notaro ihre eigene Brustkrebsoperation thematisiert.

„You Are Wanted“, die erste deutsche Produktion von Amazon Video, ist dagegen formal, inhaltlich und auch von der Besetzung her völlig anders. Der Schauspieler Matthias Schweighöfer, der die Hauptrolle spielt, als Regisseur (zusammen mit Bernhard Jasper) und sogar als Produzent beteiligt ist, hat sich hierzulande mit kommerziell erfolgreichen Kinokomödien als Teenieschwarm einen Namen gemacht. Sein Marketingkonzept funktioniert auch im derzeit angesagten Genre der Streaming-Serie. Bereits wenige Tage nach dem Start von „You Are Wanted“ (Produktion: Pantaleon Entertainment und Warner Bros.) kündigte Amazon eine zweite Staffel an. Abrufzahlen für seine Streaming-Angebote gibt das Unternehmen zwar nicht bekannt; dafür wurde aber die Information kommuniziert, der zufolge das erste deutsche Amazon-Original „das stärkste Startwochenende einer Serie in der Geschichte von Amazon Prime Video in Deutschland“ hingelegt habe. Die in rund 200 Ländern und in fünf Sprachen gestartete Serie rangierte den Angaben zufolge in rund 70 Ländern – darunter Frankreich, Italien, Spanien, Kanada, Mexiko und Brasilien – unter den fünf meistgesehenen Serien des Startwochenendes.

Der wirtschaftliche Erfolg hat seinen Preis. Denn in „You Are Wanted“ fehlt so ziemlich alles, was sorgfältig gestaltete Amazon-Produktionen wie „Sneaky Pete“, „Good Girls Revolt“, „Bosch“ oder „Alpha House“ auszeichnet. Unscharf erscheint bereits der regionale Fokus: „You Are Wanted“ ist zwar in Berlin angesiedelt, doch die Stadt ist so unspezifisch fotografiert, dass man auch den Eindruck haben kann, die Serie spiele überall und irgendwo.

In einer der ersten Szenen wird Lukas Franke (Matthias Schweighöfer) eingeführt, der während eines stadtweiten Stromausfalls eine Gruppe hochrangiger Geschäftsleute bei Laune halten muss. Für Franke beginnt damit ein scheinbar nicht enden wollender Alptraum. Der Computer und die persönlichen Daten des verheirateten Familienvaters werden gehackt. Ein großer Unbekannter schreibt das Leben um: Plötzlich glauben alle, Lukas Franke sei ein Terrorist, der eine Bombe bauen will. Als seine Frau (Alexandra Maria Lara) Nacktbilder einer vermeintlichen Geliebten auf seinem Computer findet, droht auch Frankes Privatleben zu zerbrechen. Der Stoff ist nicht uninteressant, aber auch nicht ganz neu. Die an die trendige US-Serie „Mr. Robot“ angelehnte Geschichte wird nicht aus der Perspektive eines virtuosen Hackers, sondern aus der Sicht seines Opfers erzählt, das erpresst wird – und nicht weiß, warum das geschieht.

Trotz dieser durchaus Neugier weckenden Konstellation entsteht kaum Spannung. Ein Feuerwerk handwerklicher Unzulänglichkeiten untergräbt die Glaubwürdigkeit der uninspirierten Hacker-Story. Mit einer konfusen Mischung aus kryptischen Auslassungen und umständlichen Auswalzungen erzählt das Autorenteam (Hanno Hackfort, Bob Konrad, Richard Kropf) die Geschichte eines Mannes, der so unglaubhaft gezeichnet ist, dass bis zum Ende der sechsteiligen Serie noch nicht einmal nachvollziehbar ist, dass er eigentlich einen Hotelmanager verkörpert.

Exemplarisch für die handwerklichen Defizite der Serie ist jene Szene, in der man den Angstschweiß auf Lukas Frankes Stirn überdeutlich sehen kann. Der Hacker hat Frankes Sohn entführt und zwingt den Vater dazu, ein ominöses Paket sicher nach Frankfurt zu bringen und einer Kontaktperson zu übergeben. In dieser Situation nimmt Franke nicht etwa den Wagen, sondern das Flugzeug. Er geht damit das unkalkulierbare Risiko ein, dass das Paket, von dem er nicht weiß, was sich darin befindet, beim Check-in durchleuchtet wird – nur eine von zahllosen Ungereimtheiten, die einem diese Serie fast schon verleiden.

Übertroffen werden solche unplausiblen Konstellationen im Handlungsaufbau noch von unfreiwillig komischen Dialogen, sofern man sie versteht, denn manche sind aufgrund von übertriebenem Nuscheln völlig unverständlich. Ein Beispiel für eine solche Szene mit Komik wider Willen: Lukas’ Frau Hanna weiß zwar längst, dass ihr Mann in ziemlich großen und unabwägbaren Schwierigkeiten steckt – dennoch fragt sie ihn am Telefon, als er seine Rückkehr aus Frankfurt ankündigt: „Kommst du pünktlich?“

Angesichts solcher Skriptschwächen, über die Kritiker sich ausgiebig lustig machten, verwundert auch das Casting. So haben Alexandra Maria Lara als Ehefrau von Lukas, Karoline Herfurth als zweites Hacker-Opfer wie auch Catrin Striebeck als harsche Kommissarin und Kathrin Bauernfeind in der Rolle der vermeintlichen Geliebten Lukas Frankes nicht nur eine irritierend ähnliche Erscheinung, sondern sie tragen auch einander ähnelnde Kostüme, wodurch die Figuren zuweilen ununterscheidbar werden. Hinzu kommt, dass Alexandra Maria Lara, die zwar nicht zu den besten, zweifelsohne aber zu den attraktivsten deutschen Darstellerinnen zählt, vom Kameramann erstaunlicherweise immer wieder ausgesprochen unvorteilhaft gefilmt wird.

Trotz dieser bedenklichen Fülle gestalterischer Mängel, von denen hier nur die Spitze des Eisbergs benannt wurde, trifft die Serie offenbar einen Nerv. Die Kundenrezensionen, die auf der Amazon-Webseite zu der Serie veröffentlicht wurden, spenden „You Are Wanted“ ganz überwiegend begeisterten Beifall. Interessanterweise spießen selbst positiv gestimmte Zuschauer, die der Serie fünf von fünf möglichen Sternen geben („Alle Folgen hintereinander angeguckt…Klasse Storyline, die auch zum Nachdenken anregt“) die katastrophale Machart auf: „Ewige Aufzugfahrt rauf runter, obwohl der Aufzug [gemeint ist das Gebäude; MR] nur zwei Stockwerke hat, losfahren in einem Mercedes mit Münchner Kennzeichen und nach dem Schnitt dann anderes Kennzeichen.“

Nachdem Amazon-Originale bislang eher ein intellektuelles Publikum ansprachen, adressiert sich die erste deutsche Serie von Amazon Prime Video eher am trashigen Geschmack von RTL-2-Zuschauern. Der Erfolg von „You Are Wanted“ hängt wohl mit so etwas wie einer patriotischen Grundstimmung zusammen: Die Zielgruppe identifiziert sich mit einem deutschen Kinostar, der plötzlich in einem gefühlt internationalen Format ein großes Rad dreht.

13.04.2017 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 14/2017

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