Hannah Hollinger/Jan Bonny: Über Barbarossaplatz (ARD/WDR)

Angst Regiert Doch

„Wir sind stolz darauf, diesen Film zeigen zu können. Eine zweite Folge ist in Entwicklung“, erklärt Gebhard Henke, Leiter des Programmbereichs ‘Fernsehfilm, Kino und Serie’ beim WDR, im Presseheft zu „Über Barbarossaplatz“. Nun geben Fernsehchefs ihren Stolz auf Produktionen des eigenen Hauses geradezu inflationär zu Protokoll und dass es von einer Fernsehfilmreihe nach dem Auftakt eine zweite Folge geben soll, ist eigentlich auch keine Nachricht. Schließlich ist „Über Barbarossaplatz“ als Nachfolgeprojekt zu „Bloch“ konzipiert, jener Reihe, in der Dieter Pfaff elf Jahre lang den grenzenlos gutherzigen Psychotherapeuten Maximilian Bloch verkörperte, bis der Tod des Schauspielers im Jahr 2013 hier ein jähes Ende setzte.

Redaktionell verantwortet wurde die „Bloch“-Reihe von WDR und SWR. Nach deren Ende beschlossen die beiden Sender, fortan getrennte Wege zu gehen und auf dem ARD-Sendeplatz „Der Film-Mittwoch im Ersten“, auf dem „Bloch“ gesendet wurde, jeweils ein eigenes Reihenformat aufzulegen. So brachte der SWR im Sommer vorigen Jahres „Emma nach Mitternacht“ an den Start, eine Produktion, in der Katja Riemann eine taffe Radio-Late-Night-Talkerin spielt. Und eigentlich hätte die Auftaktfolge des WDR-Pendants „Über Barbarossaplatz“ zu diesem Zeitpunkt auch schon ausgestrahlt werden können. Schließlich erlebte der Film bereits im Juni 2016 auf dem Filmfest München seine viel beachtete Premiere und wurde danach auf diversen weiteren Festivals gezeigt. Halt nur nicht im Ersten.

Als die ARD in diesem Jahr dann endlich einen Sendeplatz für den Film bekanntgab, war es nicht mehr der ursprünglich avisierte Primetime-Termin am Mittwoch, sondern ein weit weniger attraktiver Platz zu später Stunde am Dienstagabend. Womit Gebhard Henke kaum glücklich sein kann. Im Presseheft schreibt er abschließend: „Die ARD-Fernsehfilm-Koordination hat auf breiter Basis diesen Film diskutiert und entschieden, dass dieser unkonventionelle Film nicht zur Primetime am Mittwoch, sondern erst zu späterer Uhrzeit ausgestrahlt werden soll.“ Eine Pikanterie am Rande: Geleitet wird das Koordinationsgremium von WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn. Jedenfalls hätte sich ARD mit dieser Eigenproduktion des WDR am ursprünglich geplanten Termin am Mittwoch nach der 20.00-Uhr-„Tagesschau“ durchaus schmücken können, statt sie mutlos am späten Dienstagabend zu verstecken. Denn „Über Barbarossaplatz“ ist über weite Strecken grandioses, aufwühlendes Fernsehen, wie man es aus deutschen Landen womöglich noch nie gesehen hat.

Die Psychotherapeutin Greta (Bibiana Beglau) muss den Suizid ihres Mannes Rainer verarbeiten, der mit ihr in der gemeinsamen Praxis arbeitete und an dessen Freitod sie sich irgendwie mitschuldig fühlt. Dann erscheint eines Tages die junge Stephanie (Franziska Hartmann), eine ehemalige Patientin ihres Mannes, bei Greta und bittet sie, die Therapie fortzuführen. Greta zögert. Zum einen scheint Stephanie mit ihrer manischen Gier nach sexuellen Exzessen mit fremden Männern und anschließenden Attacken von Selbsthass therapieresistent. Zum anderen verband sie mit Rainer offenbar weit mehr als ein normales Verhältnis zwischen Arzt und Patientin. In ihrer Irritation sucht Greta Rat bei Benjamin Mahler (Joachim Król), bei dem sie und ihr Mann einst studiert haben. Doch der emeritierte Professor scheint viel zu sehr mit seiner eigenen Psyche beschäftigt zu sein, um ihr helfen zu können oder zu wollen. So weit, so unspektakulär. Doch selten sagt ein Plot über einen Film so wenig wie in diesem Fall.

Das Ungewöhnliche beginnt schon bei den Locations. Praktizieren Psychotherapeuten im Fernsehen sonst in gediegenen Altbauten mit Stuckdecken und edlem Mobiliar, arbeitet Greta in einer schmucklosen Praxis mit Ikea-Ausstattung, kümmerlichen Zimmerpflanzen und gestapelten Wasserkästen in der Teeküche. Ihr Blick aus dem Fenster fällt nicht in einen Park, sondern auf den Kölner Barbarossaplatz. Ein unwirtlicher, architektonisch gesichtsloser Ort in der Innenstadt, der eigentlich kein Platz ist, sondern eine überdimensionierte Straßenkreuzung, auf der Tag und Nacht Autos und Straßenbahnen für einen dauerhaften Lärmpegel sorgen. Der Ort ist mit seinen Sounds und seiner Hektik nahezu den ganzen Film über präsent und wenn Greta und ihr Kollege Adrian (Shenja Lacher) sich nach Feier­abend aufmachen, um in eine der umliegenden Kneipen einzufallen, hetzen sie auf dem Bürgersteig durch den Pulk der Passanten, die manchmal Gefahr zu laufen scheinen, vor die Kamera zu stoßen. (Einige dieser Sequenzen wurden ohne jegliche Absperrungen mitten im laufenden Verkehr gedreht.)

Es ist eine schroffe, abweisende reale Welt, durch die da die Protagonisten mehr taumeln als gehen. So sehr sie sich nach innerer Ruhe und Zufriedenheit sehnen, so wenig sind sie in der Lage, Auswege aus der Misere zu finden. Stephanie ohnehin nicht, aber auch die professionellen Problemlöser erscheinen hier durchweg als hilflose Helfer. Trotz all der versammelten Psychologen versagt sich der Film, der auch mal augenzwinkernd Zitate des zornigen Wahl-Kölners Rolf Dieter Brinkmann einstreut, jedes Psychologisieren. Warum die Protagonisten so sind wie sie sind, liegt weitgehend im Dunkeln. Logisch, dass dieser Film ohne Happy End bleibt. Ein schroffes, mitreißendes Stück Fernsehen von Regisseur Jan Bonny mit einer virtuosen Handkamera (Hubert Schick), rasanter Montage (Olaf Strecker), fiebriger Soundcollage aus O-Tönen und Jazz (Caroline Cox, Lucas Croon) und virtuos agierenden Darstellern (Drehbuch: Hannah Hollinger).

Bleibt die Frage, weshalb die ARD diesen grandiosen Film einem breiten Publikum nicht zumuten mochte. Körperliche Gewalt gab es hier so gut wie nicht zu sehen und gemordet wurde schon gar nicht. Bleiben ein paar Nacktszenen. Doch die gibt es heutzutage auch in Filmen zur Primetime zuhauf. Wenn auch nicht mit einer solchen Unmittelbarkeit in Szene gesetzt wie hier. So steht eher zu vermuten, dass es in erster Linie die Erzählhaltung und die Ästhetik waren, die hier für die Verschiebung sorgten. Das Ganze war der ARD anscheinend zu rau und ungeschliffen, was den Programmverantwortlichen Anlass für die Befürchtung gegeben haben dürfte (obwohl man beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk solche Ängstlichkeit eigentlich doch nicht nötig haben müsste), dass ein solcher Film zur Hauptsendezeit am Mittwoch nicht die Quote bringen würde, die sie hier erwarten.

So stellt sich nun die Frage, was aus der avisierten Reihe werden soll. Denn der späte Dienstagabend ist im Ersten definitiv kein Reihenplatz (in der Regel werden hier ältere Fernsehfilme wiederholt). Es bleiben also nur zwei Möglichkeiten: Entweder der zweite Film wird so glattgeschliffen, dass die ARD-Koordinationsgruppe ihn für Primetime-tauglich hält. Oder die Macher bleiben bei ihrem Konzept. Was vermutlich zur Folge hätte, dass die nächste Episode quasi als Einzelstück erneut am späten Abend ausgestrahlt würde. Und damit hätte die Reihe dann zugleich wohl ihr frühes Ende gefunden. Beide Möglichkeiten wären gleichermaßen bedauerlich.

08.04.2017 – Reinhard Lüke/MK