Hajo Seppelt/Benjamin Best/Ulrike Unfug/Grit Hartmann: Geheimsache Doping – Der Lauf ums große Geld: Wie Afrikas Sporthelden verkauft werden (ARD/WDR)

Recherche und Selbstinszenierung

21.08.2017 • Die verdienstvollen Berichte über die Dopingstrukturen des internationalen Spitzensports, die der Reporter Hajo Seppelt seit Jahren für die ARD im Auftrag seines Senders, des WDR, vorlegt, kranken an zwei Dingen. Zum einen an einer ungestillten Eitelkeit des Rechercheurs, der sich alle drei Minuten selbst ins Bild einschneidet, als könne man aus Versehen vergessen, welcher besondere Geschmack ihn bei der Auswahl seiner Hemden, Pullover und Jacken reitet. Und zum anderen an einer endlosen Titelei, die sich beim jüngsten Stück, das am 3. August im Ersten Programm der ARD ausgestrahlt wurde, hintereinander geschrieben folgendermaßen liest: „Geheimsache Doping – Der Lauf ums große Geld: Wie Afrikas Sporthelden verkauft werden“.

Diese Verdreifachung der Schlagzeilen, die zudem im Off von entsprechenden Umschreibungen begleitet wurde, schien auf die maximale Gewinnung von Aufmerksamkeit abzuzielen. Tatsächlich spiegelte sie aber gleichzeitig auch die inhaltliche Struktur der Sendung wider, die formal eher einem Magazin als etwa einer Reportage glich. Denn es ging diesmal nicht nur um Doping, sondern auch um das Management afrikanischer Läufer und um die Deals, die diesbezüglich zwischen nationalen Sportverbänden, hier der Leichtathletik, abgeschlossen werden. Viele Themen für die gerade einmal 32-minütige Sendung, für die man in der ARD zuvor kräftig geworben hatte.

Es handelte sich um mehrere abgeschlossene Geschichten, die thematisch eher locker verbunden waren. In der ersten ging es um eine äthiopische Läuferin, die wohl von ihrem Management um Antritts- und Siegprämien betrogen worden ist. In der zweiten wurde beschrieben, wie die Türkei afrikanische Spitzensportler einbürgert, um sie als Landsleute bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften antreten zu lassen. In der dritten wurde der Ausbeutungsvorwurf an das meist westeuropäische Management der afrikanischen Läufer, die beispielsweise bei den Marathonläufen hierzulande gleich reihenweise antreten, am Fall eines deutschen Managers exemplifiziert. In der vierten Geschichte wurde angedeutet, dass diese Manager ihre Klientel an einschlägige Dopingärzte überwiesen haben könnten. Und in der letzten berichtete ein Anonymus, dass ihm gegenüber eine aktive Spitzensportlerin gestanden habe, dass sie Dopingmittel wie EPO oder Wachstumshormone eingenommen habe.

Den Magazincharakter dieser unterschiedlichen Geschichten versuchte Seppelt – der die Sendung laut Vorspann zusammen mit Benjamin Best, Ulrike Unfug und Grit Hartmann realisierte – durch Aufnahmen zu kaschieren, die ihn und einen Mitarbeiter bei Reisen etwa nach Äthiopien, bei Interviews mit Sportfunktionären und am Schnittcomputer zeigten. Der Eindruck eines Zusammenhangs stellte sich dadurch allerdings nicht ein. Stattdessen störten diese selbstinszenierten und – wie erwähnt – nicht gerade uneitlen Aufnahmen die Konzentration auf den jeweils komplexen Inhalt. Der wurde zusätzlich dadurch verkompliziert, dass einige Zeugen nur anonym aussagen wollten und illegale Aufnahmen von bestimmten Situationen aus Zeugenschutzgründen – wie der Kommentar begründete – nachgestellt werden mussten. In diesen Augenblicken dominierten Schattenbilder oder eher schwach inszenierte Aufnahmen die visuelle Ebene, die nur durch das, was im Off-Kommentar behauptet oder angesprochen wurde, ihre Bedeutung erhielt.

Inhaltlich waren an dieser einen Tag vor Beginn der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2017 in London ausgestrahlten Sendung (1,53 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,7 Prozent) vor allem zwei Punkte bedeutsam. Zum einen der Trick, mit der etwa die Türkei, aber auch Länder wie Bahrain oder Kuwait an Leistungssportler aus einer Sportart kommen, die in diesen Ländern kaum eine Tradition hat. Sie werden gleichsam aus Afrika importiert. Zwar sieht der internationale Leichtathletikverband IAAF bei einem solchen Wechsel der Staatsangehörigkeit normalerweise eine Sperre von drei Jahren vor; doch die kann man umgehen, wenn der jeweils abgebende Verband dem aufnehmenden sein Einverständnis erklärt. Und das lässt sich für einige tausend Dollar, das deutete der Bericht an, leicht erwerben. Mit diesem Bewusstsein sah man die Live-Übertragungen am folgenden Wochenende aus London schon aus einem anderen Blickwinkel. Den Marathonlauf der Frauen gewann beispielsweise die in Kenia gebürtige Rose Chelimo, die seit dem Jahr 2016 für Bahrein startet.

Zum anderen lenkte der Film (Produktion: Eye Opening.Media GmbH) den Blick auf das Geschäft, das hinter dem Leistungssport und seinen Events wie etwa den Großstadt-Marathonläufen steckt. Deutlich wurde eine Ausbeutungsstruktur, die einen an den frühen Kapitalismus denken lässt, der billige Arbeitskräfte aus aller Welt herankarrte, um den Einheimischen nicht ordentliche Löhne zahlen zu müssen. An dieser Ausbeutung haben auch all die ihren Anteil, die den afrikanischen Läufern am Rande der Marathonstrecken Beifall klatschen oder die wie die öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsender solche Ereignisse live übertragen.

In der Summe blieben bei diesem Film – wie oft bei Seppelt – bei aller Anerkennung seiner Recherche-Leistungen Zweifel an der formalen Gestaltung, die gelegentlich sogar die Inhalte durch eine fatale Bebilderung desavouierte. Denn was soll man von einer Dopinganklage halten, in der weder die Angeklagte noch der Zeuge beim Namen genannt werden, stattdessen besagte Schattenbilder die Szenerie verdunkeln? Bleibt schließlich noch die Frage, warum die Einzelgeschichten nicht als Hintergrundberichte in die Live-Berichterstattung der ARD von der derzeit laufenden Leichtathletik-Weltmeisterschaft eingebettet wurden. Dort hätten sie jedenfalls bestens hingepasst. (Die WM wurde auch vom ZDF und von Eurosport übertragen.)

21.08.2017 – Dietrich Leder/MK