Großer Auftakt: Zur bei Arte ausgestrahlten Dokumentationsreihe „Der Luther‑Code“

Von Martin Thull

Martin Luther allgegenwärtig. Mit einem spektakulären Programmbeitrag eröffnet Arte das „Luther-Jahr“ aus Anlass der Veröffentlichung von dessen 95 Thesen am 31. Oktober 1517. Die sechsteilige Dokumentationsreihe „Der Luther-Code“, hergestellt von der evangelischen Produktionsfirma Eikon Media, wählt einen originellen und zunehmend aufschlussreichen Weg, dem Publikum den Reformator und seine Zeit, vor allem aber seine Wirkung bis in die Gegenwart deutlich zu machen. Arte zeigt die sechs Folgen der Reihe als Teil seines Schwerpunkts „500 Jahre Reformation“ an zwei Tagen hintereinander, am 29. und 30. Oktober, jeweils im Dreierpack (siehe Auflistung der Folgen am Ende dieses Textes).

„Der Luther-Code“ – fürs Arte-Programm zugeliefert als Gemeinschaftsproduktion von RBB, SWR und Radio Bremen (unter Beteiligung auch der Deutschen Welle) – ist eine summa summarum rund fünfeinhalbstündige Dokumentation der Autorin Alexandra Hardorf und des Autors Wilfried Hauke. Deren Ausgangsthese stellt der Dramaturg, Regisseur und Buchautor Klaus-Rüdiger Mai („Gehört Luther zu Deutschland?“, Herder-Verlag 2016) in der Oktober-Ausgabe des „Arte-Magazins“ dar: „Martin Luther tarierte die Freiheit mit dem Gewissen und der Verantwortung aus, schuf so den bis heute modernsten Freiheitsbegriff.“ Der Reformator habe die Grundlage des modernen Europas gelegt, „die theologische, philosophische und rechtliche Basis für die Bürger- und Menschenrechte“. Die Reihe nutzt aufwendige szenische Rekonstruktionen und zeigt auf, dass man die derzeitige digitale Revolution auf einen humanistisch-reformatorischen Wertekanon zurückführen kann, in dessen Zentrum Verantwortung und Nachhaltigkeit stehen. Also: Alles hängt mit allem zusammen, bis heute, also auch mit Luther.

Die umwälzende Wende

Alexandra Hardorf und Wilfried Hauke entwerfen aus vielen Einzelstücken mit Testimonials, Statements und Spielszenen einen ganzen Kosmos, in dem Philosophen und Theologen, Naturwissenschaftler und Publizisten, Musiker und andere Künstler ihren Beitrag leisten. Und belegen so, dass Martin Luther nicht unbedingt die Wende eingeleitet hat, sondern vielmehr in einer Phase der Weltgeschichte lebte und wirkte, die eine Wende geradezu provozierte. Luther als Teil dieser umwälzenden Wende prägte demnach nicht nur seine Zeit, sondern sein Denken beeinflusste mittelbar viele nachfolgende Forscher und Denker bis hin zu Unternehmensgründern in der Gegenwart. Die Autoren montieren aufwendig inszenierte filmische Porträts berühmter Persönlichkeiten der letzten 500 Jahre, die in ihrer Zeit die Welt neu erfunden haben. Darunter befinden sich neben vielen anderen etwa Jan Hus und Johannes Kepler, Gottfried Wilhelm Leibniz und Gotthold Ephraim Lessing, Paul Julius Reuter, Bertha von Suttner und Albert Einstein – und immer wieder unterschiedlich präsent ist dabei Martin Luther.

Hardorf und Hauke unterstellen Luther, dass es ihm weniger um eine Erneuerung des Glaubens und der Kirche als dessen irdischer „Agentur“ ging. Vielmehr ist er der von anderen eingeleiteten Entwicklung gefolgt, die Welt und das Individuum neu zu sehen. Dabei setzte er allerdings einen eigenen wichtigen Akzent. Diese veränderte Weltsicht wirkt bis heute nach. Und es mag dem Fernsehpublikum bei Arte zuzumuten sein, dass die Reihe „Der Luther-Code“ sich in ihren sechs Folgen nicht allein mit dem Reformator beschäftigt, sondern sich durch die Autoren und ihre zahllosen Zeugen einlässt auf eine Reise von der Renaissance bis heute. Und das mit allen möglichen Abzweigungen, etwa in die Astrophysik.

In den sechs Folgen wird deutlich, dass auch die derzeit im Gang befindliche digitale Revolution auffällig auf einen humanistisch-reformatorischen Wertekanon zurückgreift. Im Grunde sind die Fragestellungen damals wie heute nämlich ähnlich: „Wer bin ich eigentlich – und was ist meine Rolle in der Welt? Was kann ich tun – und an was soll ich glauben?” In der zunehmend digitalisierten Welt werden allerdings die Antworten auf andere Weise erzeugt denn zu Luthers Zeiten. Das himmlische Auge, das damals vermeintlich die Menschen ständig unter Beobachtung hatte, ist heute abgelöst worden durch das digitale Auge. Dabei setzen sich die Nutzer der sozialen Netzwerke mehr oder weniger freiwillig der Beobachtung aus, werden doch oft intimste und banalste persönliche Ereignisse der staunenden Umwelt zur Verfügung gestellt. Was zu Luthers Zeiten dem Beichtstuhl vorbehalten blieb, wird heute auf dem digitalen Marktplatz zur Schau gestellt, zumindest für die, die sich daran delektieren möchten.

Bemerkenswert filmisch

Die Reihe orientiert sich an den fünf Jahrhunderten seit Luther – der von 1483 bis 1546 lebte – und ist bemerkenswert filmisch konstruiert, indem sie nahezu alle Möglichkeiten der Fernsehtechnik ausschöpft: schwarzweiß gefilmte Interviews in Werkstattatmosphäre; kurze Passagen mit eingefärbten Bildern, die Aufnahmen einer Überwachungskamera suggerieren; Spielszenen über historische Persönlichkeiten, wobei solche Szenen eher sparsam eingesetzt werden; dazwischen immer wieder bis zu sechs Bilder auf dem Schirm in einer Sequenz. Und dazu, gleichsam zur Erholung, Bilder, die Meereswellen oder Landschaften in unterschiedlichen Jahreszeiten zeigen. Das ist optisch äußerst reizvoll, auch wenn die eher textreichen Passagen die ganze Konzentration der Zuschauer zusätzlich fordern. Aber das ist bei Arte ja nicht ungewöhnlich, denn hier hat man es ja noch mit anspruchsvollem Fernsehen zu tun.

Der Einfluss von Kirche und Gott ist zur Zeit Luthers schier unermesslich. Doch die Reformation und die Errungenschaften der Renaissance öffnen neue Horizonte – es kommt zu einer Art „Urknall des freien Denkens“. „Ein freies Ich in einer neuen Zeit“ wird entdeckt, so heißt es in der Dokumentation, die Menschen beginnen, Verantwortung für die Zukunft zu spüren und ein neues Gefühl für den Augenblick zu entwickeln. Das Gewissen als Instanz ethischen Handelns wird gefunden und gefördert. In der Auftaktfolge werden Denken und Handeln von damals konfrontiert mit dem Engagement von heute – von Menschen wie der Italienerin Regina Catambrone, die gemeinsam mit anderen und mit ihrem eigenen Schiff Tausende Flüchtlinge aus dem Mittelmeer rettet. Oder wie Carolina Costa, die als Pfarrerin in Genf eine moderne Kirche vertritt, die Menschen unterschiedlicher Religionen eine Plattform bietet.

Im 17. Jahrhundert entstehen nach den Bibeldrucken und Flugschriften weitere Massenmedien (um hier den heutigen Begriff zu gebrauchen), der Handel mit Gütern und Wissen wird grenzüberschreitend und dann sogar global. Mit der Entdeckung fester Planetenbahnen beginnt der Mensch die Welt neu zu verstehen, andererseits werden selbstbewusste Frauen als Hexen verbrannt. Luthers Weltbild wird erweitert, mit Konsequenzen: Wer sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, lebt gefährlich. Kopernikus, Keppler und Galilei sind die Protagonisten dieser Entwicklungen, die sie nicht zuletzt in Konflikt mit Papst und Kirche bringen. Doch auch das wird deutlich: Die Kirche verliert zunehmend die Deutungshoheit, die Menschen werden mündig.

Kirchenbesuch und Kinderausbeutung

Der Horizont der Geschichte öffnet sich im 18. Jahrhundert: Der Mensch beginnt endgültig, sich als Gestalter der von Gott als „beste aller möglichen Welten” geschaffenen Erde zu sehen. Die Regeln, mit denen man zu dieser besseren Welt gelangen kann, müssen die Menschen selbst erfinden. Leibniz, Lessing oder die revolutionäre französische Autorin Olympe de Gouges beispielsweise belegen die Hoffnung aufgeklärter Geister, den jahrhundertealten Streit der Religionen friedlich zu lösen und für die Gleichheit unter den Menschen einzutreten. Luther wird hier lediglich gestreift, er ist gleichsam die Hintergrundfolie für die Aussagen der Zeugen aus der Gegenwart. Da kommt dann etwa Laurie Penny zu Wort, Bloggerin und Autorin feministischer Bücher. Oder wir lernen Van Bo Le-Mentzel kennen, der in Berlin eine „Open School” gegründet hat, eine Schule in einem Park, in der jeder lehren und lernen kann.

Die Industrialisierung beschleunigt im 19. Jahrhundert das Leben in bis dahin nie dagewesener Art und Weise. Auch Wissen ist erstmals breiten Schichten zugänglich und gedruckte Nachrichten aus aller Welt erreichen die Menschen und bestimmen deren Leben mit, vor allem das der Geschäftsleute. Immer mehr Menschen leben in den rasant wachsenden Städten, auch mit der Folge, dass sich neue Formen der Ausbeutung und Ungerechtigkeit entwickeln. Den Weg in die Moderne beschreiten beispielhaft Paul Julius Reuter, Gründer der Nachrichtenagentur Reuters, und der Sozialrevolutionär Friedrich Engels, späterer Partner von Karl Marx. Engels sprach von sozialer Gerechtigkeit, Martin Luther trat für Barmherzigkeit ein – ihr Ziel war letztlich dasselbe: Hilfe für Schwache leisten und Strukturen ändern. Engels erkannte, dass häufiger Kirchenbesuch nicht unbedingt davon abhält, Kinder gnadenlos auszubeuten. Heute, 200 Jahre später, ist David Diallo aus Berlin ein Internet-Unternehmer, der seine Gewinne in ein eigenes Online-Magazin investiert, das sich nachhaltigem Wirtschaften verschrieben hat. Seine Mitarbeiter lässt er teilhaben an den Gewinnen. Manche junge Unternehmer treibt die Frage um, warum Anspruch und Wirklichkeit in Politik und Wirtschaft so weit auseinanderklaffen. Sie wollen die Welt, zumindest ihre engere Umwelt, gerechter gestalten. Die in der Dokumentation unausgesprochen Frage, die sich hier ergibt, lautet: Sind sie moderne Jünger von Martin Luther?

Luther war allerdings auch Lieferant einer judenfeindlichen Ideologie. Sein Spätwerk beuteten die Nationalsozialisten aus, wie die Dokumentation nachdrücklich zeigt. Den Autoren wichtiger ist jedoch der Hinweis, dass die Welt heute immer schnellerem Fortschritt ausgesetzt ist. Die Entdeckung des Unbewussten stellt den Menschen erneut vor die Frage nach dem Ich. Die Ideale von Freiheit und die Würde des Menschen werden in den großen Kriegen in ihren Grundfesten erschüttert. Doch auch der technologische Wandel und die sich bereits andeutende digitale Revolution führen zu Fragen nach dem Kern des Humanen. Wichtige Wegbereiter der modernen Welt sind zu ihrer Zeit die Schriftstellerin und Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner, der legendäre Physiker Albert Einstein und der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud. Nur wenige Generationen nach ihnen forscht Alexander Blässle heute am Max-Planck-Institut in Tübingen an Zebrafischen über die embryonale Entwicklung von Zellen. Ziel seiner Arbeit ist es, baldmöglichst Krebs heilen zu können. Darf er mit dieser Motivation auch an menschlichen Embryonen forschen? Oft werden in der Dokumentation Fragen gestellt, die den Zuschauer animieren können, sich weiter mit ebendiesen Fragen auseinanderzusetzen.

Außerordentliche Qualität

Die Gegenwart ist vor allem geprägt durch die anscheinend unermesslichen Chancen und Herausforderungen der Globalisierung und der digitalen Revolution. In der letzten Folge geht es unter dem Titel „Glaube an die Zukunft“ ausschließlich um junge Menschen von heute: Ihre Weltanschauungen, ihr Handeln und ihre Träume werden die Welt sehr bald bestimmen. Allerdings gibt es hier immer wieder auch Rückbezüge zu historischen Gestalten, die in den ersten fünf Folgen Gegenstand der Erörterung waren und der Veranschaulichung dienten. So arbeitet Sebastian Bartsch am weltweit größten Institut zur Erforschung künstlicher Intelligenz. Mit seinem Team versucht er, Roboter zu entwickeln, die sich wie selbstständige Individuen bewegen können. Der Publizist Wolfgang Gründinger beschreibt Themen wie Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit und kritisiert die älteren Generationen, die die Ausmaße der digitalen Revolution nicht begreifen (wollen) – und so dazu beizutragen, dass Politik und Wirtschaft oft als alt und versteinert wahrgenommen wird. Oder wir erleben den deutschen Astronauten Alexander Gerst, der einen besonderen Blick auf unsere Welt gewonnen hat und diese Eindrücke mit einer riesigen Twitter-Gemeinde teilt.

Diese Reihe ist ein Schmuckstück öffentlich-rechtlichen Fernsehens: ambitioniert in den Aussagen, aufwendig in der Produktion, erhellend in den Zeugnissen, provozierend in der Deutung historischer wie aktueller Ereignisse. Das Luther-Gedenkjahr vom 31. Oktober 2016 bis zum 31. Oktober 2017 wird im Fernsehen weitere Produktionen zur Thematik der Reformation und ihrer Protagonisten bringen. Mit diesem außerordentlichen Arte-Programm ist die Qualitätslatte für Nachfolgendes sehr hoch gehängt.

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Sendetermine. Der Luther-Code (Arte)

6-teilige Dokumentationsreihe von
Alexandra Hardorf und Wilfried Hauke

Teil 1:  Sprung in die Freiheit
Sa 29.10.16 • 20.15 bis 21.05 Uhr

Teil 2:  Suche nach Wahrheit
Sa 29.10.16 • 21.05 bis 22.00 Uhr

Teil 3:  Aufbruch zur Gleichheit
Sa 29.10.16 • 22.00 bis 22.55 Uhr

Teil 4:  Traum von Gerechtigkeit
So 30.10.16 • 22.10 bis 23.00 Uhr

Teil 5:  Macht und Verantwortung
So 30.10.16 • 23.00 bis 23.55 Uhr

Teil 6:  Glaube an die Zukunft
So 30.10.16 • 23.55 bis 0.40 Uhr

29.10.2016 – MK
Das „Luther-Jahr“ ist eröffnet: Vor 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, kam es in Wittenberg zum Thesenanschlag des Reformators, der die Kirchenwelt veränderte Screenshot