Grimme-Wettbewerb 2017: Fast alle Preise für die ARD

Es ist tatsächlich nicht so, dass die Jurys beim Grimme-Preis, wenn sie bei ihren Abstimmungen die Auszeichnungen an Filme, Dokumentationen oder Personen vergeben, darauf achten würden, welche Sender für die entsprechenden Produktionen verantwortlich sind. Dennoch ist es jedes Jahr aufs Neue nicht nur bei Grimme, sondern bei allen Fernsehwettbewerben interessant, sportiv das Abschneiden der Sender auszuwerten und zu schauen, wie hier die Bilanz aussieht. Am 8. März gab das in Marl ansässige Grimme-Institut in Essen bekannt, wer in diesem Jahr die Auszeichnungen beim Grimme-Preis erhält. Und dazu lässt sich nun feststellen: Die ARD ist die ganz große Gewinnerin des Wettbewerbs 2017.

In der Kategorie „Fiktion“ gingen alle fünf Preise an die ARD, an Fernsehfilme, die im Ersten zu sehen waren. ZDF? Fehlanzeige. In der Kategorie „Information und Kultur“ war es ähnlich, auch hier kamen die fünf Gewinner fast alle von den ARD-Anstalten. Je einen Preis gab es für Filme der Dritten Programme SWR Fernsehen und NDR Fernsehen, ein Preis ging an die im Ersten gezeigte zweiteilige Dokumentation „Im Schatten des Krieges“ (ARD/RBB/NDR) und eine Auszeichnung erhielt die bei Arte ausgestrahlte SWR-Dokumentation „Ebola – Das Virus überleben“. Und dann gab es in dieser Kategorie noch den Preis für die „Journalistische Leistung“, der an den Fernsehreporter Ashwin Raman vergeben wurde für seine beiden in diesem Jahr gesendeten Filme über den Kampf gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“. Der eine Film lief im Ersten, der andere – beim ZDF. So war das ZDF-Hauptprogramm hier zumindest mit einem Preis(anteil) vertreten.

Jan Böhmermann

In der Kategorie „Unterhaltung“ ging ein „Spezial“-Preis an das „Neo Magazin Royale“. Ausgezeichnet werden hier Moderator Jan Böhmermann und die Produzenten Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann von der Kölner Firma Bild- und Tonfabrik (BTF) für die, so die Jury, „engagierte Beobachtung und kluge Reflexion des laufenden Fernsehprogramms“ im „Neo Magazin Royale“ in den Beiträgen „#Verafake“ und „Einspielerschleife“. In dieser Kategorie gab es somit einen Preis für das ZDF, denn das „Neo Magazin Royale“ wird auch (allerdings nur als Wiederholung) im Hauptprogramm ausgestrahlt. Eigentlich wird die Sendung aber, wie ja schon ihr Name nicht nur andeutet, mit dem Spartenprogramm ZDFneo identifiziert, so dass der Preis de facto diesem Sender gebührt.

Moderator Jan Böhmermann wiederum erhielt für das „Neo Magazin Royale“ jetzt innerhalb von vier Jahren zum dritten Mal einen Grimme-Preis (2014, 2016, 2017). Außerdem war er im vorigen Jahr, durchaus überraschend, auch noch mit der „Besonderen Ehrung“ des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV) ausgezeichnet worden, der höchsten Ehrung beim Grimme-Preis. Unter dem Dach des DVV wird der Grimme-Wettbewerb ausgerichtet. 35 Jahre alt war Böhmermann im vorigen Jahr – er ist damit der Jüngste von allen, die jemals die „Besondere Ehrung“ erhielten, und er hatte damit Sabine Christiansen abgelöst, die 1995 im Alter von damals 37 Jahren für ihre Präsentation der „ARD-Tagesthemen“ mit der „Besonderen Ehrung“ ausgezeichnet worden war.

Philipp Käßbohrer

Der erneute Grimme-Preisgewinn von Jan Böhmermann, der 2016 mit seinem im „Neo Magazin Royale“ vorgelesene Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Erdogan eine kleine Staatskrise in Deutschland auslöste, beherrschte in den gedruckten und elektronischen Medien die Berichterstattung über die diesjährigen Preisträger. Hinzuzufügen wäre, dass jetzt auch Produzent Philipp Käßbohrer zum dritten Mal innerhalb von vier Jahren den Grimme-Preis für das „Neo Magazin Royale“ erhält.

Als vierte Abteilung gibt es beim Grimme-Preis seit 2016 auch den Wettbewerb „Kinder und Jugend“. Hier wurden drei Auszeichnungen vergeben. Eine davon ging gleich an eine Produktion des neuen öffentlich-rechtlichen Online-Jugendangebots „Funk“, und zwar für die Mystery-Serie „Wishlist“, die im Auftrag von Radio Bremen und MDR realisiert wurde. „Funk“ wird unter Federführung des SWR zwar gemeinsam von ARD und ZDF veranstaltet; der Preis ist aber de facto der ARD zuzurechnen. Eine weitere Auszeichnung im Wettbewerb „Kinder und Jugend“ wurde vergeben an die Folge „Lutwi“ aus der „Hier-und-heute“-Reihe „Nordstadtkinder“, die im Dritten Programm WDR Fernsehen läuft – es ist somit wieder ein Preis für eine ARD-Anstalt.

Vincent Hagn

Der dritte Preis im „Kinder-und-Jugend“-Wettbewerb ging an den achtminütigen Film „Der Mond und ich“. Und hier kommt dann doch wieder einmal das ZDF ins Spiel, denn der Beitrag ist eine ZDF-Produktion, die unter der Rubrik „Siebenstein“ im Kinderkanal (Kika) von ARD und ZDF ausgestrahlt worden war. Bei dieser Preisvergabe ist im übrigen eine skurrile Besonderheit zu notieren. Denn „Der Mond und ich“ war schon im vorigen Jahr im Wettbewerb und da hatte die Jury den Film sogar bereits ausgezeichnet – bis sich, nachdem die Jury schon wieder aus Marl abgereist war, herausstellte, dass „Der Mond und ich“ nicht im Wertungsjahr 2015, sondern erst Anfang 2016 im Kika erstausgestrahlt worden war. Der Sender hatte, wie das Grimme-Institut nachträglich feststellte, bei der Einreichung ein falsches Ausstrahlungsdatum angegeben. Der Preis musste somit annulliert werden (vgl. dazu diesen MK-Artikel).

Nun war „Der Mond und ich“ also erneut im Rennen – und es nahm ein gutes Ende. Der Film erhält nun seinen Grimme-Preis. Und nicht nur das. Es gibt eine zusätzliche Besonderheit dazu: Die Jury sprach die Auszeichnung unter anderem Vincent Hagn für seine darstellerische Leistung in dem Film zu und Vincent ist gerade einmal acht Jahre alt – er ist damit der jüngste Preisträger in der Geschichte des Grimme-Preises, wie das Grimme-Institut mitteilte.

Gabriela Sperl

Es gibt weitere Besonderheiten beim Grimme-Wettbewerb 2017. In der Kategorie „Fiktion“ erhielt Die Fernsehfilm-Trilogie „Mitten in Deutschland: NSU“ (ARD/SWR/WDR/BR/MDR/Degeto) gleich zwei Preise – dies ist als etwas höchst Seltenes festzuhalten für eine wirklich herausragende Produktion, die dies auch verdient hat. Der eine der beiden Preise ist eine „Spezial“-Auszeichnung und wurde an die Produzentin Gabriela Sperl vergeben für das Konzept zu der Trilogie. Mit dem anderen Preis wurde als Einzelstück der Film „Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“ ausgezeichnet, der erste Teil der Trilogie.

Lena und Sebastian Urzendowsky

Beim diesjährigen Grimme-Wettbewerb wurden außerdem zwei schauspielende Geschwister ausgezeichnet: Lena und Sebastian Urzendowsky, und zwar für zwei unterschiedliche Filme – das hat man auch nicht alle Tage. Lena Urzendowsky, Jahrgang 2000, erhält die Auszeichnung für ihre darstellerische Leistung im von der Jury nachnominierten ARD-Film „Das weiße Kaninchen“ (SWR); Sebastian Urzendowsky, Jahrgang 1985, wird ausgezeichnet für seine darstellerische Leistung in dem Film „Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“, dem ersten Teil der NSU-Trilogie.

Holger Karsten Schmidt

Für „Das weiße Kaninchen“ erhalten auch die beiden Drehbuchautoren Holger Karsten Schmidt und Michael Proehl einen Grimme-Preis. Holger Karsten Schmidt hat es geschafft, beim diesjährigen Wettbewerb mit gleich drei Nominierungen dabei zu sein. Er war außerdem (Ko-)Autor für die Filme „Das Programm“ (ARD/Degeto) und „Auf kurze Distanz“ (ARD/WDR/Degeto). Auffällig im Wettbewerb „Fiktion“ noch: Während die Jury dort im vorigen Jahr vier Serien und nur einen Fernsehfilm auszeichnete (vgl. MK-Meldung), gab es diesmal keinen einzigen Preis für eine Serie oder einen Mehrteiler.

Emanulea Penev

Eine Besonderheit ist auch, dass der WDR jetzt in seiner Abteilung ‘Unternehmenskommunikation/Presse’ eine Grimme-Preisträgerin hat. Emanulea Penev wurde im August vorigen Jahres stellvertretende Unternehmenssprecherin des WDR (vgl. MK-Meldung) und war zuvor für die Sendung „Hier und Heute“ als Redakteurin für dokumentarische Formate tätig. Zusammen mit Jürgen Brügger und Jörg Haaßengier (beide Buch und Regie) erhält Emanulea Penev als damalige Redakteurin jetzt in der Kategorie „Kinder und Jugend“ einen Grimme-Preis für die Folge „Nordstadtkinder – Lutwi“ aus der Reihe „Hier und Heute“ im Dritten Programm WDR Fernsehen.

Um noch einmal aufs ZDF zurückzukommen: Die „Marler Gruppe“ verlieh ihren Publikumspreis an die Folge „Ibrahim und Jeremia. Brüder auf Zeit“ aus der Reihe „Stark!“, eine ZDF-Produktion wiederum für den Kika – also auch hier ist das ZDF zwar vertreten, aber wieder mit einem Beitrag, der nicht im Hauptprogramm lief.

Oliver Polak

Bis auf einen Preis gingen bei Grimme diesmal alle Auszeichnungen an die öffentlich-rechtlichen Sender, die allerdings stets bei diesem Wettbewerb dominieren. Der einzige Grimme-Preis für einen Privatsender ging 2017 an Pro Sieben für die von Oliver Polak moderierte Gäste-rausschmeiß-Talkshow „Applaus oder raus“. Und auch hier kam es noch zu einer Besonderheit: Zwei Mitglieder der siebenköpfigen Jury „Unterhaltung“, die diese Auszeichnung vergab, distanzierten sich von dieser Preisvergabe, weil sie Polak und dem Sender Diskriminierung behinderter Menschen vorwarfen, da die Erstausgabe der Sendung mit dem Hashtag und dem Twitter-Account „Gast oder Spast“ beworben wurde (vgl. hierzu diese MK-Meldung).

Und schließlich: In der im vorigen Jahr neu eingeführten Rubrik „Innovation“ wurde auch in diesem Jahr wieder in keiner der drei betroffenen Kategorien („Fiktion“, „Unterhaltung“, „Kinder und Jugend“) ein Preis vergeben. Somit sieht es danach aus, als würde sich die noch so neue Rubrik „Innovation“ über kurz oder lang womöglich von selbst wieder erledigen.

Die Grimme-Preise werden am Abend des 31. März (Freitag) im Stadttheater von Marl verliehen. Die Verleihungsfeier, bei der dann auch bekanntgegeben wird, wer diesmal die „Besondere Ehrung“ erhält, wird von Jörg Thadeusz moderiert, für die Musik sorgt Klaus Doldinger. (Alle Preisträger des Grimme-Wettbewerbs 2017 sind aufgelistet unter diesem Link.)

30.03.2017 – da/MK

Print-Ausgabe 10/2017

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