Frank Gensthaler: Helden der Propaganda – Sportler in der NS‑Zeit (ZDFinfo)

Unterdurchschnittlich

04.07.2017 • Um einen Eindruck davon zu bekommen, welche Zielgruppe die Dokumentation „Helden der Propaganda – Sportler in der NS-Zeit“ offenbar anpeilt, sei am besten auf die gelben Erklärkästchen verwiesen, die kurz ins Bild poppen, als im Film die Namen Victor Klemperer und Thomas Mann fallen. „Deutscher Romanist und Chronist, als Jude von den Nazis verfolgt“, ist da beispielsweise zu lesen, als Jutta Braun, Vorsitzende des Zentrums für Sportgeschichte, den Namen Klemperer erwähnt. Als es beiläufig um Thomas Mann geht, wird ein ähnlich kurzer Text eingeblendet.

Der Autor Frank Gensthaler geht also davon aus, dass die Zuschauer des Films nicht wissen, wie es den beiden Schriftstellern während der NS-Zeit erging. Vermutlich kennt die Zielgruppe auch die zahlreichen Dokumentationen nicht, die sich mit der Rolle beschäftigten, die Max Schmeling und Sepp Herberger, die beiden bekanntesten Sportler in Gensthalers Film, im Nationalsozialismus spielten.

Der Boxer Schmeling und der Fußballtrainer Herberger sind zwei von insgesamt acht Protagonisten des Sportbetriebs, deren Rolle während des Nationalsozialismus der Autor Frank Gensthaler skizziert. Verteilt sind sie auf sieben Beispiele – auf die Pilotin Elly Beinhorn und den Rennfahrer Bernd Rosemeyer, die miteinander verheiratet waren, geht der Autor gemeinsam in einer Kurzepisode ein. Der am meisten zu Wort kommende Experte in dem Film ist der Psychologe Andreas Steiner, als dessen Fachgebiet hier der Nationalsozialismus genannt wird. „Sepp Herberger war ja vom Krieg alles andere als begeistert“, sagt er unter anderem. Tja, da war er gewiss nicht der Einzige.

Es wäre jetzt ungerecht, Steiner auf diesen Satz zu reduzieren, doch die Frage, warum es zweckdienlich ist, in einer Dokumentation über die Rolle prominenter Sportler im Nationalsozialismus in so starkem Maße auf einen Psychologen zu setzen, stellt sich dennoch. Auch viele der Statements der Kinder der einstigen „Helden“ sind verzichtbar. Schlimmer noch als der wenig verwunderliche Versuch von Bernd Rosemeyer jr., die SS-Mitgliedschaft seines Vaters Bernd Rosemeyer kleinzureden, ist aber die kühne Analyse des Autors, der Rennfahrer sei „wohl kein fanatischer Nazi“ gewesen, „sondern eher einer der vielen leichtfertigen Opportunisten“. Immerhin war Rosemeyer SS-Hauptsturmführer.

Ebenfalls beanstandenswert: Wenn man schon sieben hier „Fälle“ genannte Geschichten in einer Dreiviertelstunde unterbringen muss, sollte man den Zuschauer nicht mit Informationen wie „Weihnachten 1943 sieht er seine Frau zum letzten Mal“ behelligen. Dies teilt uns Autor Gensthaler über den Mittel- und Langstreckenläufer Rudolf Harbig mit. Positives ist in diesem Film praktisch nicht auszumachen. „Helden der Propaganda“ ist zugekleistert mit mal dramatischer, mal kitschiger Musik, die zuweilen Empathie mit den porträtierten Personen herstellt. Die Machart der Dokumentation (Produktion: Caligari Film) weist ein weiteres Pro­blem auf: Spielszenen, die niemand braucht. Einmal wird nachgestellt, wie Menschen in Deutschland in den 1930er Jahren den Radioübertragungen der Kämpfe zwischen Max Schmeling und Joe Louis beiwohnten, ein anderes Mal wird für ein paar Sekunden eine an der Schreibmaschine sitzende Elly Beinhorn zum Leben erweckt. Schließlich schrieb die Pilotin ja Bücher.

Der größte Makel des Films freilich: die Sprache. In verschiedenen Variationen tauchen die Formulierungen „Pakt mit dem Teufel“ und „Pakt mit dem Bösen“ auf. Der „Pakt mit dem Bösen“ habe für Sportler in der NS-Zeit „viele Facetten“ gehabt, heißt es zum Beispiel. Diese Formulierungen mögen für Gruselromane angemessen sein, in einer Dokumentation über den Nationalsozialismus sind sie es nicht. In diesen Jargon ist der Autor so vernarrt, dass er sich in unfreiwillig komische Fragen hineinsteigert („Siegen für das Böse – geht das, ohne sich schuldig zu machen?“) oder die Wirklichkeit großzügig interpretiert. „Ihr Pakt mit dem Bösen endet tödlich“, sagt Gensthaler in Bezug auf das Ehepaar Beinhorn/Rosemeyer. Gemeint ist ein von den Nazis propagandistisch ausgeschlachteter Weltrekordversuch des Rennfahrers Rosemeyer, bei dem dieser ums Leben kommt. Beinhorns „Pakt mit dem Bösen“ indes endete jedenfalls nicht tödlich, sie überlebte „das Böse“ um viele Jahrzehnte und starb im Alter von 100 Jahren.

Es ist grundsätzlich gewiss zu loben, dass ZDFinfo an einem Freitag um 20.15 Uhr in Erstausstrahlung eine Dokumentation über Sportler im Nationalsozialismus zeigt und dabei ein Publikum in den Blick nimmt, das über dieses Thema wenig weiß. Aber mit diesem unterdurchschnittlichen Film, der am 8. Juli (Samstag) um 21.45 Uhr von ZDFinfo wiederholt wird, ist niemandem gedient.

04.07.2017 – René Martens/MK