Florian Schumacher/Sven Bohse: Ostfriesenkiller (ZDF)

Autor trifft von ihm erfundene Figur

Seit 2007 legt der Schriftsteller Klaus-Peter Wolf alljährlich einen Kriminalroman vor, der das Wort „Ostfriesen“ im Titel führt. Die Buchreihe ist außerordentlich erfolgreich und hat zahllose Nachahmer auf den Plan gerufen. Es gibt Kleinverlage, die einen Großteil ihres Programms mit Ostfriesenkrimis diverser Autoren bestreiten. Ein Autor, der unter Pseudonym Friesenkrimis schreibt, berichtet: „Wolf zieht mich mit hoch.“ Die damit gemeinten Nebenbei-Erfolge verdanken sich den Algorithmen des Internet-Handels: Wer bei einem der einschlägigen Anbieter nach Wolfs Ostfriesenkrimis sucht, bekommt gleich auch verwandte Titel angeboten. Auch die werden gekauft.

Die Qualität dieser Veröffentlichungen umfasst das gesamte Spektrum von Hobbyschriftstellerei bis zum literarisch hochwertigen Kriminalroman. Klaus-Peter Wolf steht für Letzteres; der Autor hat zuvor schon sozialkritische Erzählungen und Romane verfasst und er schreibt auch Kinder- und Jugendbücher.

Beginnend mit „Ostfriesenkiller“ werden Wolfs Ostfriesenkrimis nun im Auftrag des ZDF adaptiert, das damit nach der seit 2014 sporadisch ausgestrahlten und mit durchaus sehenswerten Produktionen aufwartenden Reihe „Friesland“ (nächste Folge: 15. April 2017, 20.15 Uhr) das norddeutsche Terrain ein weiteres Mal mit Kunstfiguren bevölkert. Bei den Wolf-Verfilmungen gilt es, die Erscheinungsreihenfolge einzuhalten, denn der Schriftsteller erzählt über die jeweilige Mordermittlung hinaus in Fortsetzungen vom Privatleben seiner Ermittlerin. Dabei handelt es sich um Hauptkommissarin Ann Kathrin Klaasen (Christiane Paul), die bei der Kripo in der Kreisstadt Aurich arbeitet.

Die Verfilmung von „Ostfriesenkiller“ (Produktion: Schiwago Film) beginnt sogar – entgegen der leider üblich gewordenen Krimimasche, einen möglichst blutigen Mord an den Anfang zu stellen – mit einem privaten Moment. Klaasen hockt bedrückt im Schlick und sieht aufs Meer hinaus. Sie weiß, dass sie von ihrem Ehemann Hero (Andreas Pietschmann) betrogen wird. Plötzlich ist Ann Kathrins Vater da, spricht tröstende Worte. Aber der Vater ist ein Phantom. Er wurde vor Jahren in Ausübung seines Dienstes erschossen. Dieser Verlust und die verzweifelte Suche nach den noch immer nicht gefassten Mördern gehören zu Klaasens inneren Dämonen, die das Zusammenleben und die Arbeit mit ihr nicht leicht machen.

In „Ostfriesenkiller“ haben Klaasen und ihre Kollegen den Mord am Leiter einer Einrichtung für Behinderte zu klären. Ulf Speicher (Michael Sideris) war ein Schürzenjäger und ein gewiefter Geschäftsführer, der mit Spendengeldern und dem Eigentum der ihm anvertrauten geistig Behinderten zu jonglieren wusste. Eifersucht kommt als Motiv in Frage, bis sich weitere Morde ereignen. Die Opfer wie auch die potenziellen Täter stehen in Verbindung mit Sylvia Kleine, einer jungen Frau mit beträchtlichem ererbten Vermögen und erwachsener Sexualität, aber dem Gemüt einer Achtjährigen. Die Geschichte der von Svenja Jung großartig gespielten Sylvia Kleine ist die Erzählung hinter dem Krimiplot, das zutiefst traurige Schicksal eines verlorenen, von Männern ausgebeuteten Mädchens, das gegen die vorbestimmte Opferrolle aufbegehrt und darüber zur Mörderin wird.

Drehbuchautor Florian Schumacher und Regisseur Sven Bohse können darauf bauen, dass Klaus-Peter Wolfs wiederkehrende Protagonisten bereits sehr weit entwickelt sind und teils über komplette Biografien verfügen. Zum Teil basieren sie auf realen Personen; Wolf hatte deren Einwilligung eingeholt, ehe er sie zu Romanfiguren machte. Eine kuriose Besonderheit: Wie der ZDF-Pressemappe zu entnehmen ist, hatte sich Wolf bei der Vergabe der Filmrechte ausbedungen, dass die realen Vorbilder ein Mitspracherecht bei der Besetzung der ihnen entsprechenden Rollen erhalten. Der Schriftsteller selbst ist im Auftaktfilm (7,58 Mio Zuschauer, Marktanteil: 25,3 Prozent) kurz in einer Statistenrolle zu sehen; als Schaulustiger am Rand eines Leichenfundorts wechselt er ein paar Worte der Begrüßung mit der von ihm erfundenen Figur Ann Kathrin Klaasen.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Figuren in den Romanen und auch im Film überdurchschnittlich lebensnah geraten sind. Ann Kathrin Klaasen bleibt in der ersten Verfilmung ein wenig blasser als im Buch; die Ursachen für ihr sprödes Wesen werden vorerst nur angedeutet. Das wäre an sich kein Manko, wenn die Fortsetzung nicht noch einige Zeit auf sich warten ließe. Eine kompakte Serie oder ein Mehrteiler wäre der Vorlage angemessener gewesen, hätte auch dramaturgisch andere Möglichkeiten geboten. An einer Stelle nämlich tragen Autor und Regisseur in „Ostfriesenkiller“ ein wenig dick auf, mit einem großspurigen Hubschraubereinsatz auf Norderney und einer inhaltlich wenig schlüssigen turbulenten Festnahmeaktion. Solche Konzessionen an das Actiongenre hat der Stoff dank seiner starken Charaktere und zeitkritischen Inhalte gar nicht nötig, zumal er von sehr guten Schauspielern getragen wird, vorneweg Christiane Paul in der Rolle der Ann Kathrin Klaasen.

13.04.2017 – Harald Keller/MK