Eva Zahn/Volker A. Zahn/ Richard Huber: Zarah – Wilde Jahre. 6‑teilige Serie (ZDF)

Als Frauen noch nicht viel zu sagen hatten

07.09.2017 • Am 6. Juni 1971 hatte der „Stern“ prominente Frauen mit einem Bekenntnis auf dem Titelblatt. Es lautete „Wir haben abgetrieben!“ und entfachte seinerzeit eine vehemente Diskussion um den Paragraphen 218. Insgesamt waren es 374 nicht nur prominente Frauen, die sich in dem „Stern“-Heft offen zu einer Abtreibung bekannten. Bemerkenswert war diese Kampagne auch deshalb, weil die Illustrierte aus dem Hamburger Verlag Gruner + Jahr nicht gerade als Vorreiterin von Feminismus und Emanzipation galt, sondern immer wieder wegen sexistischer Tendenzen in die Kritik geriet (und weiterhin gerät).

Wie auch immer – von der Aufsehen erregenden publizistischen Aktion des „Stern“, die von der Feministin Alice Schwarzer nach einem französischen Vorbild initiiert wurde, haben die beiden Drehbuchautoren Volker A. Zahn und Eva Zahn sich ganz offenbar zu ihrer in den Siebzigern spielenden Journalisten-Serie „Zarah – Wilde Jahre“ inspirieren lassen, die von der Firma Bantry Bay produziert wurde (Regie: Richard Huber) und die heute Abend im ZDF startet. Claudia Eisinger spielt hier die unter anderem von Alice Schwarzer inspirierte Figur der homosexuellen Zarah Wolf. Die Protagonistin der Serie ist eine bekannte Frauenrechtlerin, deren Bücher bereits zu Bestsellern avanciert sind, als sie 1973 den Posten der stellvertretenden Chefredakteurin bei der auflagenstarken Hamburger Illustrierten „Relevant“ erhält, als deren reales Vorbild unschwer der „Stern“ erkennbar ist.

Frauen hatten damals in der Arbeitswelt, vor allem im Journalismus, nicht viel zu sagen. „Relevant“-Herausgeber Frederik Olsen (Uwe Preuss) hat die Personalentscheidung, Zarah Wolf einzustellen, über den Kopf des darüber verschnupften Chefredakteurs Hans-Peter Kerckow (Torben Liebrecht) getroffen. Der profitorientierte Unternehmer will, indem er Zarah geholt hat, nur ein paar Frauenthemen zwecks Auflagensteigerung in sein Blatt importieren. Doch Zarah hegt die Hoffnung, mit dem ‘Einschmuggeln’ feministischer Themen in die Zeitschrift auch gesellschaftlich etwas verändern zu können.

In der ersten Episode geht es um ein „Relevant“-Titelbild, auf dem ein Jim-Morrison-Verschnitt sich als Jesus geriert und dabei von barbusigen Mädchen angehimmelt wird. Es ist wie beim „Stern“, wie man ihn kennt. Amüsant und unterhaltsam wird erzählt, wie Zarah dieses sexistische Cover mit einigen Tricks kurz vor Drucklegung austauscht. Das Titelblatt, das Zarah stattdessen gewählt hat, zeigt den narzisstischen Popstar mit entblößtem Hintern und einem Gitarrenhals, der sein Lieblingsorgan symbolisiert. Mit diesem – aus heutiger Sicht milde erscheinenden – Spott sorgt die rasende Reporterin für Aufruhr in der Männerwelt, die in der zweiten Folge böse zurückschlägt. Zarah will eine Reportage über Frauen schreiben, die in einer Notlage abtreiben wollen und dazu gezwungenermaßen nach Holland fahren müssen – eine damals gängige Praxis, die heute kaum mehr im Gedächtnis ist. Die Boulevardpresse macht mit einem Foto auf, das Zarah am Steuer eines Busses, mit dem eine Gruppe von Frauen ins Nachbarland fährt, um dort einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen. Eine Schlagzeile, wie sie typisch ist für die „Bild“-Zeitung, denunziert sie als „Deutschlands grausamste Emanze“.

Die Themen, die in der Serie angesprochen werden, sind relevant, doch an der Umsetzung hakt es zuweilen. Wenn Zarah am Küchentisch mit ihrer Mutter sitzt, dann ist es nicht glaubhaft, dass ihr entgeht, dass ihre Mutter, die schon eine Perücke trägt, an Krebs erkrankt ist. Die Mutter sorgt sich, dass ihre Tochter noch immer keinen Mann abbekommen hat und gesteht der für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch kämpfenden Aktivistin ganz nebenbei, dass sie selbst ihre Tochter beinahe abgetrieben hätte. Unterbrochen wird das Gespräch durch das Erscheinen einer Baader-Meinhof-Terroristin, die gefälschte Ausweispapiere bei der Mutter deponiert hat.

Passend zu dieser holprigen Dramaturgie klingen auch die Dialoge immer wieder nach Papier: „Kannst du mir eine Frau in Deutschland zeigen außer mir, die schreiben kann?“, fragt Zarah eine feministische Mitstreiterin während einer Szene, in der eine Gruppe von Aktivistinnen vorgestellt wird. Deren Charakterisierung allerdings ist so unscharf und überzogen ist wie der Arbeitsalltag in der Redaktion, in der Zarah arbeitet.

Im Vergleich etwa zur Amazon-Serie „Good Girls Revolt“ über die Frauenrechtlerin und Regisseurin Nora Ephron, die in den späten 1970er Jahren ihre Kolleginnen bei „Newsweek“ zur einer erfolgreichen Gerichtsklage gegen die Dominanz der Männer ermutigte (vgl. hierzu diesen MK-Artikel), erscheint „Zarah“ etwas hölzern. Wie Frauen in dieser Epoche tatsächlich im Berufsleben behandelt wurden, wird in der ZDF-Serie nicht oft genug herausgestellt. Mehr oder weniger gelungen ist jene Szene, in der Zarah sich in der Kantine zu ihren neuen Kollegen an den Tisch setzt, die ihr sagen: „Wir sprechen gerade über Politik. Wenn Sie uns entschuldigen.“

Mit der Musik von den Doors und den Rolling Stones wird das Gefühl der frühen 1970er Jahre etwas brachial importiert. Zarah braust derweil mit einem englischen Cabrio durch Hamburg und betritt dann die Redaktionsstube, in der ein Reporter mit prätentiöser Geschäftigkeit über „die Lage auf den Golan-Höhen“ telefoniert. Nun ja, von einer deutschen Serie darf man womöglich kein subtileres Vorgehen erwarten. Trotz dieser Defizite überwiegen insgesamt dennoch die guten Ansätze. Man bleibt also dran an dieser Serie, eben auch weil sie wichtige Themen aufgreift. „Zarah – Wilde Jahre“ ist ein begrüßenswertes Projekt, bei dem Claudia Eisinger von Folge zu Folge mehr hineinwächst in die Rolle der streitbaren Frau, die die verkrustete Männerwelt ein klein wenig aufmischt.

Vor allem die visuelle Gestaltung setzt erfrischende Akzente. Der nach dem Vorbild amerikanischer Serien gestaltete Vorspann zeigt einen Lippenstift, der wie eine Cruise Missile in Zeitlupe eine Schreibmaschine zertrümmert und dann eine Macho-Zigarre zerfetzt. Das hat etwas.

Dank clipartig montierter Filmdokumente aus den 1970ern atmet jede Folge von „Zarah –Wilde Jahre“ zudem ein authentisches Flair. Dabei gewährt die Serie auch immer wieder amüsante Ein- und Rückblicke auf alte Fernsehformate. Wer kann sich noch erinnern an die betuliche ZDF-Kultursendung „Mosaik“? Und wer hat noch die ZDF-Einblendung zum nächtlichen „Sendeschuss“ vor Augen? Auch die Ausstattung verblüfft zuweilen. So schweift die Kamera in einer Disco-Szene ganz nebenbei über einen damals gebräuchlichen Schweizer Plattenspieler. Ist das nicht ein Lenco, Modell L 75 mit den filigranen Anti-Skating-Gewichten? Dieses nicht unwesentliche Detail verdeutlicht, dass sich da jemand durchaus Gedanken gemacht hat.

07.09.2017 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 19/2017

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