Europäische Erzählungen: Eine Betrachtung der Reportage‑Reihe „Re:“ bei Arte

Von René Martens

29.09.2017 • Am 13. März dieses Jahres startete der deutsch-französische Sender Arte eine außergewöhnliche Reihe: Unter dem Titel „Re:“ laufen seither werktäglich ab 19.40 Uhr halbstündige Reportagen, „die relevante Themen aus allen Ecken Europas auf anschauliche Weise erlebbar“ machen sollen, wie Arte zum Start verkündete (vgl. MK-Artikel). Bei den bisher ausschließlich von ARD-Sendern und vom ZDF produzierten Filmen handelt es sich um klassische Reportagen; der Autor ist nicht im Bild zu sehen.

Am Montag, den 14. August, kehrte die Reihe, die bei Arte in Frankreich unter dem Titel „Regards“ („Blicke“) läuft, aus der Sommerpause zurück, wobei zunächst Wiederholungen zu sehen waren. Regelmäßige „Re:“-Erstausstrahlungen laufen wieder seit dem 28. August. Das ist durchaus ein geeigneter Anlass, sich nach einer ersten Betrachtung der Sendereihe (vgl. hierzu MK-Kritik) noch einmal mit diesem Format zu befassen. Zumal die Resonanz für ein solch engagiertes Projekt wie „Re:“ in den tagesaktuellen Medien durchaus noch verbesserungsfähig ist.

Colonia Dignidad, Hetze im Netz, Prepper

Die erste Erstausstrahlung nach der Sommerpause war der vom SWR zugelieferte Beitrag „Colonia Dignidad: Opfer bis heute“. Dieses Thema gewissermaßen zum Saisonauftakt auszuwählen, ist, zumindest aus deutscher Sicht, erstaunlich. Die im Filmtitel benannte Siedlung, die einer deutschen Sekte in Chile als Arbeits- und Folterlager diente, ist nicht gerade selten Gegenstand filmischer Betrachtungen. Zuletzt war zu diesem Thema in der Reihe „Die Story im Ersten“ die NDR/SWR-Produktion „Die Sekte der Folterer – Deutsche Diplomaten und die Verbrechen der Colonia Dignidad“ zu sehen (Erstausstrahlung: 14. November 2016).

Matthias Eberts Film für „Re:“ macht aber klar, dass es durchaus Anlässe gibt, die Geschichte dieses Foltercamps, in dem das Regime des chilenischen Diktators Augusto Pinochet auch politische Gefangene ermorden ließ, erneut aufzugreifen. Ebert berichtet von Anzeichen dafür, dass der deutsche Staat, dessen Diplomaten Kenntnis von den Verbrechen der Sekte hatten und somit eine Mitschuld tragen, bald bereit sein könnte, die Opfer zu entschädigen. Einen Kontrapunkt zur bisherigen Unbarmherzigkeit hiesiger Politiker – „Was die deutsche Regierung sicher nicht tun wird, das sind irgendwelche Wiedergutmachungsansprüche zu akzeptieren“, sagte im Juni 2016 der damalige Bundespräsident Joachim Gauck – setzte jedenfalls die SPD mit einer Einladung von Opfern der Sekte zu einem Treffen in Berlin, das Filmautor Ebert auch dazu nutzen konnte, Interviews mit Betroffenen zu führen.

In die Kategorie der im weiteren Sinne aktuellen Reportage fällt der „Re:“-Film „Kreativ gegen den Hass – Schluss mit Hetze im Internet“ (SWR, 1. September). Caroline Wenzel rekapituliert hier die Kunstaktion „#heytwitter“, die der Berliner Schriftsteller Shahak Shapira am 7. August vor einem Gebäude in Hamburg-Altona veranstaltet hatte, in dem das US-Unternehmen Twitter ein Büro unterhält. Shapira hatte volksverhetzende Tweets und andere Hassbotschaften, die der Kurzmitteilungsdienst nicht zu löschen bereit gewesen war, mit Kreide auf den Bürgersteig gemalt. Der Künstler wollte auf diese Weise mangelndes gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein des sozialen Netzwerks anprangern.

Die Aktion sorgte zumindest für kurze Zeit für relativ viel Nachhall. Als die Reportage mehr als drei Wochen später im Arte-Programm ausgestrahlt wurde, wirkte sie bereits veraltet. Möglicherweise wäre ein kurzfristiger Magazinbeitrag über die Vorbereitungen und die Reaktionen auf „#heytwitter“ dem Thema eher angemessen gewesen. Zumal Wenzels Film zuweilen etwas in die Länge gezogen wirkte. Mit der Auswahl des Protagonisten Shahak Shapira bewies Arte aber allemal ein gutes Gespür. Am 3. September, zwei Tage nach der Ausstrahlung von „Kreativ gegen den Hass“, machte Shapira als zentrale Figur eines Medienguerilla-Manövers der Partei „Die Partei“ auf sich aufmerksam. An jenem Tag gab er bekannt, dass seine Partei 31 geschlossene Facebook-Gruppen der rechtspopulistischen AfD unter ihre Kontrolle gebracht und deren nicht für eine breitere Öffentlichkeit vorgesehenen Inhalte der Allgemeinheit zugänglich gemacht hatte.

Als tendenziell richtig erwies sich auch, dass sich die „Re:“-Reihe am 15. September mit sogenannten Preppern beschäftigte. Der Begriff ist vom englischen „to be prepared“ abgeleitet und bezieht sich auf etwas neben der Spur wirkende Personen, die unter anderem Vorräte horten, um jederzeit auf eine Katastrophe vorbereitet zu sein, auf die die staatlichen Institutionen nach Meinung dieser Personen dann nicht mehr adäquat reagieren können. Als Indiz für die latente Aktualität von Volker Heimanns Film „Gerüstet für die Apokalypse – Unter Preppern“ (ZDF; Produktion: Kobalt) lässt sich ein Beitrag des ARD-Politmagazins „Panorama“ nennen, der am 7. September, also rund eine Woche vor der Ausstrahlung des Arte-Films, im Ersten Programm der ARD zu sehen war. Ausgehend von aktuellen Ermittlungen gegen mutmaßliche Rechtsterroristen in Mecklenburg-Vorpommern schlüsselten hier drei Autoren des vom NDR verantworteten Magazins Überschneidungen zwischen dem „Prepper“-Milieu und der rechtsextremen Szene auf. Letzterer Aspekt kam in der „Re:“-Reportage zwar vor, aber nur am Rande.

Nordirland, Russlanddeutsche, Schlankheitswahn

Das derzeitige Spektrum der Themen des Formats „Re:“ lässt sich möglicherweise mit einer Formulierung zusammenfassen, die am 1. September auf dem Facebook-Profil zu der Sendereihe zu finden war: „Von Curvy-Models bis zur Marihuana-Mafia: Auch nächste Woche erzählen wir euch spannende Geschichten aus Europa!“ Während des Beobachtungszeitraums für diesen Artikel lag bei „Re:“ ein starkes Gewicht auf Naturthemen im weiteren Sinne. Am 7. September war der Beitrag „Kampf ums Wasser – Olivenanbau extrem in Andalusien“ zu sehen, der die Konflikte zum Thema hatte, welche die industrielle Landwirtschaft in Südspanien auslöst. Bald darauf folgten „Jagd auf Vogeljäger – Kampf gegen den Vogelmord auf Malta“ (13. September), „Walfang auf Faröer – Tradition oder Tierquälerei?“ (18. September), „Polens Naturerbe in Gefahr – Der Kampf um den letzten Urwald Europas“ (20. September) und „Leben ohne Ackergift – Das unbeugsame Dorf im Vinschgau“ (21. September).

Ebenfalls recht stark vertreten sind bei „Re:“ Reportagen, die so oder ähnlich auch in der ZDF-Reihe „37°“ laufen könnten. In letztere Kategorie fiel etwa der vom ZDF zugelieferte Beitrag „Der letzte Umzug – Abenteuer Altenheim in Osteuropa“ (14. September, Produktion: Spiegel TV). Zunächst einmal fällt auf, dass im französischen Titel des Films („Seniors, Cap à l’Est“: Les retraités allemands s’expatrient“) eine Entsprechung zum jovial-flapsigen und streng genommen unangebrachten Begriff „Abenteuer“ fehlt. Zum Inhalt: Autor Jens Nicolai begleitet hier eine 83-jährige Frau aus Bayern auf dem Weg zu einem Neuanfang in einem Seniorenheim in Ungarn, das – wie andere vergleichbare Einrichtungen in Osteuropa – mit einem für die hiesige Zielgruppe attraktivem Preis-Leistungsverhältnis aufwartet.

Es gab im Beobachtungszeitraum noch andere Filme bei „Re:“, die schon durch ihren Titel an Beiträge von „37°“ erinnerten, etwa „Frisuren für ein neues Ich: Wie die ‘Barber Angels’ Obdachlosen helfen“ (30. August) oder „Leben ohne Konsum: Die Vision von der Selbstversorgung“ (5. September) oder „Dick und schön! Frauen im Kampf gegen den Schlankheitswahn“ (8. September). Solche Beiträge zu sichten, hat sich der Autor dieses Textes mit Bedacht erspart.

Als gelungen erwies sich am 4. September, zu Beginn der zweiten Erstausstrahlungswoche von „Re:“ nach der Pause, der Film „Nordirlands zerbrechlicher Frieden. Ein eingefrorener Konflikt“ (von Christian Frey, zugeliefert vom ZDF; Produktion: Spiegel TV). Über die Situation in Nordirland wussten deutsche Nachrichtenrezipienten lange recht gut Bescheid, mittlerweile fällt dieser Teil Großbritanniens eher in die Kategorie „Ferner liefen“. Die Region ist weiterhin geprägt vom Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken, „aber man bringt sich nicht mehr gegenseitig um“ – so fasst Autor Christian Frey die derzeitige Situation zusammen. Interessante Facette: Die Nordiren haben mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt.

Naturthemen und Gesellschaftspolitisches

Der Filmemacher hat sich als Protagonisten Norman Riley ausgesucht, einen protestantischen Taxi-Unternehmer aus Belfast, der auch Stadtführungen anbietet. Das Ziel der „Re:“-Reihe, Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und davon ausgehend ein relevantes gesellschaftspolitisches Thema zu behandeln – das wird in diesem Fall ansprechend umgesetzt. Eine ähnliche Qualität wie der Beitrag „Nordirlands zerbrechlicher Frieden“ weist die am 12. September ausgestrahlte und vom Bayerischen Rundfunk (BR) stammende Reportage „Russlanddeutsche vor der Wahl – Im Fadenkreuz der Propaganda“ auf. Eines der Themen in Manuela Grosserts Film ist die Anfälligkeit der sogenannten Russlanddeutschen – womit umgangssprachlich auch ehemalige Bürger anderer Nachfolgestaaten der Sowjetunion gemeint sind – für rechtsradikale Agitation. Vor allem die AfD, in der es auch einen „Arbeitskreis der Russlanddeutschen“ gibt, hat es auf diese Wählergruppe abgesehen. Aus dieser Anfälligkeit resultiert der recht bizarre Umstand, dass sich eine Einwanderergruppe gegen andere Einwanderergruppen wendet.

Schauplatz von Manuela Grosserts Reportage ist Nürnberg, wo die nach Berlin größte Community der Russlanddeutschen lebt. Gesprächspartnerinnen der Autorin sind unter anderem eine Kasachin, die zwei akademische Abschlüsse vorweisen kann, aber von Hartz IV lebt, und eine sie betreuende evangelische Seelsorgerin.

Als schwächster unter den gesichteten Filmen stellte sich der Beitrag „Gegen die Marihuana-Mafia: Wie Cannabis und Kriminalität blühen“ heraus, ebenfalls verantwortet vom Bayerischen Rundfunk. Philipp Grüll und Karl Hoffmann befassen sich in der am 6. September ausgestrahlten Reportage mit dem polizeilichen Kampf gegen den Anbau von Cannabis in Albanien und den Schmuggel in der Adria-Region. Die Autoren können sich boulevardeske Formulierungen nicht verkneifen („Sie kämpfen gegen Kriminelle – da, wo andere Urlaub machen“) und lassen eine etwas zu große Faszination für Polizeiarbeit erkennen, etwa wenn in Bezug auf die italienische Küstenwache in Bari (Apulien) von einem „gewagten Abfangmanöver in rauer See“ die Rede ist oder von einem „hochdekoriertem“ Oberst und dessen „Trophäensammlung“ (wobei es sich um Boote von Schmugglern handelt). Nichtsdestotrotz enthält die Reportage teilweise durchaus aufschlussreiche Aspekte, wie etwa die Passage über einen ehemaligen albanischen Drogenfahnder, der 2015 aus seinem Heimatland fliehen musste, wo er bis heute in Angst lebt, weil seine Ex-Kollegen offenbar der Ansicht sind, er habe etwas zu beflissen ermittelt.

Bald auch französische Zulieferungen

Eine Kurzfassung der Reportage über die „Marihuana-Mafia“ lief unter dem Titel „Der Kampf gegen die Drogen-Mafia in der Adria“ bereits einen Tag zuvor im Ersten im Politmagazin „Report München“ (ARD/BR). Anmoderiert wurde der „Report“-Beitrag als „gemeinsame Recherche“ mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ). Ein entsprechender Hinweis war im Abspann der Arte-Fassung nicht zu finden. Die FAZ wiederum erwähnte in ihrem Artikel zu dem Thema, der am 5. September im Online-Angebot der Zeitung unter dem Titel „Grasland“ erschien, die Zusammenarbeit mit „Report“. Unter dem Artikel wurde dann auf die entsprechende Ausgabe von „Report München“ und auch auf den Arte-Film verwiesen.

Apropos Mehrfachverwertung: Ab dem nächsten Jahr ist eine Kooperation zwischen „Re:“ und „Plan B“ geplant, der neuen samstäglichen Reportage-Reihe im ZDF-Hauptprogramm, die am 7. Oktober startet (Sendebeginn: 17.35 Uhr). „25 Einheiten sollen im nächsten Jahr in Zusammenarbeit mit ‘Plan B’ entstehen und leicht modifiziert auf Arte erstausgestrahlt werden“, sagt Wolfgang Bergmann, Arte-Koordinator des ZDF und Geschäftsführer von Arte Deutschland, auf MK-Nachfrage. Für 2018 steht noch eine weitere Veränderung bevor: Arte G.E.I.E., die Straßburger Zentrale des deutsch-französischen Gemeinschaftsprogramms, habe „signalisiert, mit zehn Einheiten einzusteigen“, sagt Bergmann. Damit bestünde „Re:“ dann nicht mehr allein aus deutschen Produktionen. Das sei erfreulich, so Bergmann, denn: „Die Perspektive wird dadurch breiter.“ Sollte der Einstieg von Arte G.E.I.E. dazu beitragen, dass durch die französischen Zulieferungen der Anteil von „37°“ ähnelnden Filmen bei „Re:“ geringer wird, wäre durchaus einiges gewonnen.

29.09.2017 – MK