Esther Bernstorff/Dirk Salomon/Thomas Wesskamp/Hansjörg Thurn: Die Ketzerbraut (Sat 1)

Flackernde Fackeln im Folterkeller

Das Lutherjahr 2017 geht auch am Privatfernsehen gewissermaßen nicht spurlos vorbei. Im Sat-1-Event-Film „Die Ketzerbraut“ (Produktion: TV 60) spielt der berühmte Theologe allerdings nur eine marginale Rolle. Während der von Adrian Topol verkörperte Reformator in wenigen Auftritten zum gewaltfreien Widerstand gegen die etablierte Kirche aufruft, verliebt sich sein treuer Gefolgsmann, der Maler Ernst Rickinger (Christoph Letkowski), in die Tochter eines wohlhabenden Glashändlers. Als dieser ermordet wird, macht man die um Luther versammelten „Ketzer“ für die Bluttat verantwortlich. Genoveva (Ruby O. Fee), die Tochter des Glashändlers, ahnt nicht, dass auch Rickinger zu den Abtrünnigen gehört und heiratet den Künstler – nicht aus Liebe, sondern weil sie mit seiner Hilfe den Vater rächen will.

Wie schon bei der Trilogie um „Die Wanderhure“ wird auch in dieser TV-Adaption eines Kolportageromans von Iny Klocke und Elmar Wohlrath, die unter anderem unter dem gemeinsamen Pseudonym Iny Lorentz schreiben, wieder eine ‘starke Frauenfigur’ vor dem Hintergrund eines telegenen Pseudomittelalters in ein amouröses Intrigengespinst verwickelt. Diesmal geht es um einen freigeistigen Wissenschaftler, um Ablasshandel und um einen korrupten Kirchenmann, dessen wollüstige Willkürherrschaft in der sadistisch-grausamen Verfolgung Unschuldiger zum Ausdruck kommt.

Das (netto) rund zweistündige, durch zahlreiche Werbeblöcke unterbrochene Geschichtsdrama wird dank erzählerischer Defizite jedoch zu einem zähen Seherlebnis. Was vor allem an der umständlich eingefädelten Geschichte liegt: Auf dem Weg von München nach Augsburg, wo sie einem reichen Kaufmann versprochen wurde, wird Genoveva auf die Burg der Raubritterin Walpurga von Gigging (Elena Uhlig) verschleppt: „Zerstört ihre Seele!“, befiehlt die maligne Walküre aus unerfindlichen Gründen. Woraufhin die Gefangene von einer Horde von Männern geschändet wird, die sich durch ihre Maskierung als lutherische „Ketzer“ ausgeben. Als Walpurga obendrein noch Genovevas Vater meucheln lässt, stellt sich die Frage, warum dessen Tochter überhaupt entführt wurde. Spannung entsteht durch das undurchsichtige Intrigenspiel jedenfalls nicht. Der Zuschauer weiß von Anfang an, dass Walpurga die Drahtzieherin ist.

Dieses Missgeschick im Aufbau der Geschichte wiederholt sich in nahezu identischer Form: So erschleicht sich Walpurga später Genovevas Vertrauen, um sie bei deren Racheplänen scheinbar zu unterstützen – eine Wendung, die sich erneut als Spannungskiller erweist. Der Versuch, mit der sinnlich präsenten Elena Uhlig eine düstere, moralisch verkommene Frauenfigur zu schaffen, scheitert letztlich, da ihre Bösartigkeit auf kaum nachvollziehbaren Motiven basiert. Und weil Ruby O. Fee als Titelheldin darstellerisch nur wenig dagegen­zusetzen hat, bleibt auch ihre Figur blass. Die hinters Licht geführte Schöne erscheint nicht als tragisch Verblendete, sondern als einfältige Zicke.

Das alles ist verwunderlich, denn von Dirk Salomon und Thomas Wesskamp, die das Drehbuch für „Die Ketzerbraut“ – zusammen mit Esther Bernstorff – verfassten, hat man schon Besseres gesehen. Für die Folge „1A Landeier“ (1995) aus der ARD-Reihe „Polizeiruf 110“ erhielten die beiden zum Beispiel einen Grimme-Preis. Ihre hölzern erzählte „Ketzerbraut“-Geschichte ist zwar nicht mit einem Krimi vergleichbar; dennoch fehlt es ihr durchweg an Witz, Plausibilität und überraschenden Momenten. Dieser Mangel spiegelt sich auch in der seltsam statischen, einfallslosen Inszenierung von Hansjörg Thurn, der auch schon bei „Die Wanderhure“ (Teile 1 und 2) Regie geführt, seinerzeit aber einen besseren Zugriff auf den Stoff hatte.

In „Die Ketzerbraut“ versucht Thurn mit den üblichen Innenaufnahmen in historischen Gebäuden und mit flackernden Fackeln in Folterkellern die spätmittelalterliche Anmutung zu erzeugen. Vergnügt Walpurga sich mit ihrem jungen Geliebten auf dem Esstisch, dann sieht ihre Behausung jedoch so aus, als hätte der Ausstatter mal eben ein paar Theaterkulissen in einer Burgruine platziert. Die Reenactment-Szenen in der anschließenden Dokumentation hatten da teilweise mehr Atmosphäre.

Mit der zum Spielfilm hinzugefügten Dokumentation „Verdammt – Das wahre Schicksal der Ketzerinnen“ (22.50 bis 23.50 Uhr) von Hans von Kalckreuth und Gunnar Mergner machte Sat 1 aus dem Thema „Ketzer“ an diesem Abend eine Art programmlichen Schwerpunkt. In der Dokumentation ging es um authentische Vorbilder der fiktiven „Ketzerbraut“ und die Aufarbeitung der Materie wurde hier mit den üblichen Experten-Interviews aufgearbeitet.

Nun hat von diesem Kommerz-TV-Event-Movie mit angehängter Dokumentation wohl ohnehin niemand eine Lehrstunde über Reformation hatte erwartet. Doch dieser insgesamt dreieinhalbstündige Sat-1-Themenabend vermochte selbst das Bedürfnis nach Zerstreuung nicht wirklich zu befriedigen. Im Gegensatz zur ähnlich gestrickten Trilogie um „Die Wanderhure“ stellte sich beim Film „Die Ketzerbraut“ (2,62 Mio Zuschauer ab 3 Jahren, Marktanteil: 8,8 Prozent) nicht einmal der Unterhaltungswert eines trivialen Fernsehvergnügens ein, das an unsere niederen Instinkte appelliert.

28.02.2017 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 11-12/2017

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