Ein anderer Shatterhand: Zur Neuverfilmung von Karl Mays „Winnetou“-Mythologie bei RTL

Von Harald Keller

29.12.16 MK  Der Beginn weckt Erinnerungen an eine lange zurückliegende Lektüre. Ein deutscher Auswanderer – da wurde gegenüber der Romanvorlage deutlich ausgeschmückt – passiert die US-amerikanische Einreisebehörde auf Ellis Island und reist mit der Eisenbahn weiter in Richtung Westen. Sein Ziel ist der vorläufige Endpunkt der Bahnstrecke, der Ort Roswell, eine Zelt- und Bretterbudenstadt, von wo aus der Gleisbau weiter vorangetrieben wird. Dort hat der Deutsche namens Karl May (Wotan Wilke Möhring) Beschäftigung als Landvermesser gefunden.

Gemeinsam mit einer Gruppe raubeiniger Bahnleute unter dem Anführer Joseph Rattler (Jürgen Vogel) reitet er hinaus in die Wildnis, verrichtet seine Arbeit, wird aber von Rattler – der gegenüber dem Roman vom tumben Rohling zum Bauführer promoviert wurde – schikaniert und behindert, zumal der gerade erst eingestellte Neue sich dafür ausspricht, die Bahn um eine unterwegs entdeckte Kultstätte der Indianer herumzuführen. Für Rattler und Konsorten haben die Ureinwohner den Rang von wilden Tieren, die man kurzerhand niederschießt, wenn sie den eigenen Zielen im Weg stehen. Als die Männer die indianischen Gräber plündern, werden sie angegriffen. Karl May bekommt einen Pfeil in die Brust, Rattler und seine Komplizen fliehen und lassen den Verletzten zurück.

Der Zuschauer gerät ins Grübeln

Winnetou (Nik Xhelilaj), der Häuptling der Apachen, respektiert den Kampfgeist von Karl May und verschont ihn, lässt ihn sogar ins Lager transportieren, wo der Verletzte im Fieberwahn verschwommen die tänzerischen Rituale einer Heilkundigen wahrnimmt – es ist Nscho-tschi, Winnetous Schwester und die Schamanin seines Stammes. Die Figur wird dargestellt von Iazua Larios und bringt eine Sexualität in die Neuverfilmung ein, die in den Romanen allenfalls verklausuliert und mit Neigung zur männlichen Homoerotik angelegt ist.

Inzwischen bewegt man sich auf einem Terrain, das Zuschauer mit verschütteten Leseerlebnissen ins Grübeln geraten lässt, weil so manches mit den Erinnerungen nicht übereinstimmt. Tatsächlich: Wer von den drei im Auftrag von RTL hergestellten neuen „Winnetou“-Filmen (25., 27. und 29. Dezember, jeweils 20.15 Uhr) eine buchstabengetreue Verfilmung der „Winnetou“-Romane des Abenteuerschriftstellers Karl May (1842 bis 1912) erwartet oder erhofft hatte, wird sich enttäuscht sehen.

In mehreren Romanen respektive fiktiven „Reiseerzählungen“ hatte Karl May ab 1878 die Geschichte Winnetous und seiner Freundschaft zum deutschstämmigen Old Shatterhand zu einer umfassenden Mythologie entwickelt. In der zentralen Trilogie mit „Winnetou I“, „Winnetou II“ und „Winnetou III“ fungiert Shatterhand als Ich-Erzähler, nicht aber in jedem von Karl Mays Western-Romanen. Für die Geschichte „Der Schatz im Silbersee“ beispielsweise wählte Karl May die auktoriale Erzählweise.

Eine Ausnahmeerscheinung im RTL-Programm

Karl Mays Romane waren Bestseller und wurden zu Jugendbuchklassikern. Die Wahrnehmung und Deutung der von ihm geschaffenen Figuren, vor allem der „Blutsbrüder“ Winnetou und Old Shatterhand, wurde wesentlich beeinflusst durch die ab 1963 in westdeutsch-jugoslawisch-französischer Koproduktion entstandenen Kinofilme mit Pierre Brice in der Rolle des Winnetou und Lex Barker als Old Shatterhand, wobei diese Filme mit den ursprünglichen Romanhandlungen nur die Figurennamen und entfernt erkennbare Handlungsmotive gemein hatten, also auch nicht eben buchstabengetreu umgesetzt worden waren.

Wie wirkmächtig die Filme jedoch waren, zeigt sich insbesondere daran, dass der französische Schauspieler Pierre Brice zeitlebens mit der Rolle des Winnetou identifiziert wurde und ihr in seinem beruflichen Leben – er spielte den Winnetou im Weiteren noch auf Freilichtbühnen und fürs Fernsehen – kaum mehr entkam. Wäre Pierre Brice nicht 2015 gestorben, man hätte ihn vermutlich in der von RTL beauftragten dreiteiligen „Winnetou“-Adaption in der Rolle von Winnetous Vater Intschu-tschuna gesehen, die nun von Gojko Mitić eingenommen wird, einem weiteren verdienten und populären Veteranen des Euro-Western. Mitić spielte schon an der Seite von Pierre Brice und Lex Barker und machte später in der DDR Karriere als Indianerdarsteller in DEFA-Filmen.

Die westdeutschen Karl-May-Verfilmungen der 1960er Jahre waren neben den literarischen Vorlagen erklärtermaßen Bezugspunkte für die Winnetou-Adaption des Jahres 2016. Neben Gojko Mitić treten in Haupt- und Nebenrollen weitere Schauspieler auf, die bereits in den damaligen Kinofilmen zu sehen waren, darunter Mario Adorf und – in einer kleinen Gastrolle – Marie Versini, einst als Nscho-tschi ähnlich einprägsam wie Pierre Brice als Winnetou. Und die neue Winnetou-Trilogie wurde in Kroatien in derselben Landschaft gedreht, die schon in den Sechzigern als Kulisse diente. RTL spricht in seinem Pressematerial gar von Dreharbeiten an „Originalschauplätzen“. Das ist natürlich Unsinn, weil die „Originalschauplätze“, wie Karl May sie beschrieb, zwischen New York und Santa Fe in den USA liegen.

Die Anforderungen des visuellen Mediums

Im RTL-Programm stellt die „Winnetou“-Trilogie (Regie: Philipp Stölzl) eine Ausnahmeerscheinung dar – eine groß aufgemachte Fiction-Produktion, gedreht mit internationalen Darstellern, zum Teil auf ausländischem Boden. In der Programmierung zeigt sich ein Unterschied zu „Deutschland 83“, dem letztjährigen Fernsehereignis des Privatsenders, das in der Vorweihnachtszeit im Serien-Modus donnerstags im Wochenrhythmus ausgestrahlt worden war (vgl. MK-Kritik). Demgegenüber knüpft RTL mit den „Winnetou“-Filmen an die vor fünf Jahrzehnten vom ZDF begründete Tradition des großen Weihnachtsmehrteilers an und zeigt den Dreiteiler ab dem ersten Weihnachtsfeiertag in zweitägigem Abstand jeweils zur Primetime um 20.15 Uhr.

Die Filme sind in sich geschlossen und haben echtes Spielfilmformat; hier werden nicht, wie bei den acht Folgen von „Deutschland 83“, jeweils zwei Serien-Episoden zu einem abendfüllenden Programm gekoppelt. Teil 1 und Teil 3 von „Winnetou“ überschreiten sogar deutlich die übliche Fernsehfilm-Länge von 90 Minuten. In der Summe ergibt sich ein – inklusive Werbeinseln – mehr als sechsstündiges Fernsehereignis, das zudem noch um zwei eigenproduzierte Dokumentationen ergänzt wird. Entsprechend kann RTL im Pressematerial zu seinem Programm-Event mit großen Zahlen prunken: 80 Drehtage, 220 Mitwirkende im Produktionsstab, 76 Schauspieler und Schauspielerinnen, 4000 Komparsen. Der Aufwand schlägt sich nieder in attraktiven Schauwerten, die handwerklich auf internationalem Niveau umgesetzt wurden.

Jan Berger, Hauptautor der „Winnetou“-Filme von RTL (bei „Winnetou – Das Geheimnis vom Silbersee“ in Zusammenarbeit mit Alexander M. Rümelin) nimmt die Romane Karl Mays als Materiallager, aus dem er sich nach Bedarf bedient. Einige Bestandteile beließ er, viele arbeitete er um und erweiterte sie um eigene Ideen. Insbesondere im zweiten Teil, dem „Silbersee“-Film, der gegenüber den beiden anderen stilistisch und qualitativ abfällt, gibt es überdies Anleihen beim Italo-Western. Wenn der mexikanische Bandit El Mas Loco (Fahri Yardim) kurzerhand einen Mitstreiter wegen einer unpassenden Bemerkung vom Pferd schießt, zeigt sich zudem jener makabre Zynismus, dessen bekanntester und erfolgreichster Vertreter der US-Filmemacher Quentin Tarantino ist. Ein krasser Widerspruch zu den Büchern Karl Mays.

Im Gros wird das Geschehen erkennbar von den Anforderungen des visuellen Mediums und dem Verlangen nach Schauwerten bestimmt. Karl May beschrieb in „Winnetou I“ nur die Arbeit der Landvermesser; die Bahn war noch gar nicht gebaut. In der Neuverfilmung dagegen gibt es eine Eisenbahn-Teilstrecke und eine spektakuläre Baustelle – da führen die Schienen hoch über einer tiefen Schlucht über eine hölzerne Brücke auf einen Tunnel zu, der gerade vorangetrieben wird, als der neue Landvermesser Karl May seine Arbeitsstelle antritt. Von hier aus entwickelt sich die Geschichte.

Als Karl May vorschlägt, die Bahnstrecke um das Land der Apachen herumzuführen, hat er Erfolg; er kann beide Seiten dazu bewegen, miteinander zu verhandeln und erreicht auch eine Einigung. Doch als der Vertrag besiegelt werden soll, erschießt der tollwütige Rattler Häuptling Inschu-tschuna – woraufhin Weiße und Indianer in die alte Feindschaft zurückfallen.

Erfolge zum Behagen des Publikums

Mit dieser Wendung nimmt Jan Berger eine Umwidmung der Figur Old Shatterhand vor. In der Romanvorlage klingt Fatalismus an, wenn Inschu-tschuna den Bau der Bahn als unvermeidlich akzeptiert. In der Neuverfilmung hingegen schließt sich Karl May alias Shatterhand den Apachen an und wird regelrecht zum Widerstandskämpfer. Unter seiner und Winnetous Führung stiehlt ein kleiner Trupp das Dynamit der Eisenbahngesellschaft und jagt das mühsam errichtete Brückenbauwerk in die Luft. Ein Neubau würde die Bauarbeiten fatal in Verzug bringen, daher entschließt sich der Bauleiter für die sich nun zwangsläufig anbietende zeitsparende Lösung: Er verlegt die Bahnstrecke so, dass sie das Indianerland nicht mehr berührt.

Dies ist ein Etappensieg für die Indianer und zugleich eine dramaturgische Notwendigkeit, wenn man den Stoff als unterhaltsame Abenteuergeschichte präsentieren möchte – den Helden müssen zum Behagen des Publikums Erfolge zuteilwerden. Darin weichen die Filme von Karl Mays Erzählhaltung ab. Denn auch wenn der Schriftsteller immer wieder einen humorvoll-ironischen Ton anschlägt – mit der Geschichte von Winnetou und seinem Volk verfasste Karl May letztlich eine epische Tragödie und war bei aller ausufernden Fabuliererei damit der Wahrheit näher, als jetzt die Filme der RTL-Trilogie sind. Im Vorwort zu „Winnetou – Der rote Gentleman“ (auch unter dem Titel „Winnetou I“ veröffentlicht) schrieb Karl May elegisch: „Ja, die rote Nation liegt im Sterben! Vom Feuerland bis weit über die nordamerikanischen Seen hinauf liegt der riesige Patient ausgestreckt, niedergeworfen von einem unerbittlichen Schicksal, das kein Erbarmen kennt. Er hat sich mit allen Kräften dagegen gesträubt, doch vergeblich; seine Kräfte sind mehr und mehr geschwunden; er hat nur noch wenige Atemzüge zu tun, und die Zuckungen, die von Zeit zu Zeit seinen nackten Körper bewegen, sind die Konvulsionen, welche die Nähe des Todes verkündigen.“

Eine verblüffende Koinzidenz

Auch wenn Karl May in dieser Passage vage das Schicksal als Ursache der Tragödie anführt, so wusste und beschrieb er doch genau, dass die Habsucht, Niedertracht und Mordlust der – zumeist europäischstämmigen – Weißen für die Katastrophe verantwortlich waren, die kaum anders denn als Völkermord bezeichnet werden kann. In den RTL-Filmen klingen diese Vorgänge an, werden aber vergröbert. Anders als in den Romanen wird Shatterhand auf Indianerland sesshaft, anders als von Karl May geschildert, bei dem Nscho-tschi am Ende des ersten Bandes ermordet wird, ist ihm ein liebevolles Zusammenleben mit Nscho-tschi vergönnt.

Zwar fällt Winnetou, der Vorlage getreu, auch hier am Ende der Geschichte der Kugel eines weißen, von Geisteskrankheit gezeichneten Feiglings zum Opfer, sein Tod aber führt dazu, dass sich Menschen zur Trauerfeier versammeln, die sich gerade noch scheinbar unversöhnlich als Gegner gegenüber gestanden hatten. Frieden ist möglich, suggeriert dieser Schluss, der die voraufgegangene Verstörung erheblich mildert.

In heutiger Zeit zeigen – es ist eine verblüffende Koinzidenz – die Ereignisse um den geplanten Bau einer US-amerikanischen Öl-Pipeline, die in einem Dakota-Reservat über heilige Begräbnisstätten der Ureinwohner führen soll, dass die historische Wahrheit anders lautet. Karl May hat das gewusst.

29.12.2016 – MK
Im RTL-Programm stellt die „Winnetou“-Trilogie eine Ausnahmeerscheinung dar: Großer Aufwand schlägt sich nieder in attraktiven Schauwerten, die handwerklich auf internationalem Niveau umgesetzt wurden Fotos: Screenshots

Print-Ausgabe 6/2017

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