Dirk Kummer/Bert Kloß: Zuckersand (ARD/BR/MDR)

Auf leisen Sohlen

31.10.2017 • Dieser nach Form und Inhalt eher ungewöhnliche ARD-Film zur Hauptsendezeit spielt im Jahr 1979 in Brandenburg (DDR), nahe der damaligen deutsch-deutschen Grenze zu West-Berlin. Er zeichnet sich durch einen strikten Realismus aus, der einerseits den detailgetreu abgebildeten Lebensraum so fremd erscheinen lässt, als gehöre er einer lange vergangenen Epoche an. Andererseits handeln und reden die Menschen so alltagsrealistisch, dass diese Vergangenheit auch als durchaus zeitnah empfunden werden kann. Der oft mühselige DDR-Alltag wird akribisch geschildert, aber niemand wird hier als Knallcharge überzeichnet. Auch nicht die Staatsfunktionäre, wenn sie ihre Anschuldigungen vorbringen, oder die Lehrerin, wenn sie Kinder aus nicht linientreuen Elternhäusern im Unterricht diskriminiert. Dem Fernsehfilm „Zuckersand“, bei dem Dirk Kummer Regie führte und gemeinsam mit Bert Kloß das Drehbuch schrieb (Produktion: Claussen + Putz), fehlt jedwede affektheischende Melodramatik. Die Tragödie, von der hier erzählt wird, kommt wie auf leisen Sohlen daher.

Der Film spielt im Familienmilieu und beschreibt eine typische Kindheit von heute 50-Jährigen in der früheren DDR. Im Mittelpunkt der Handlung stehen zwei zehnjährige Jungen, Fred und Jonas, die eine innige Freundschaft verbindet. Wegen dieser Protagonisten im Kindesalter könnte man „Zuckersand“ zunächst für einen Kinderfilm halten, der im Hauptabendprogramm der ARD fehl am Platze wäre. Doch der Film richtet sich an Erwachsene, und das nicht nur, weil er eine so ernste, bedrückende Wende nimmt. Dabei sorgt der aus kindlicher Perspektive erfolgende Blick auf die Lebenswelt der Erwachsenen auch für gelegentliche – durchaus unterhaltsame – Situationskomik, aber vor allem führt er vor, wie eingeengt und zeitgebunden diese an die unmittelbare Lebensrealität angepasste Denk- und Sprechweise der Erwachsenen ist.

Demgegenüber erscheint die Phantasiewelt der Kinder oft als zeit- und grenzenloser, aber auch als gefährlicher. Denn sie suggeriert eine Freiheit der Gedanken und des Lebensraums, den ein vernunftgesteuerter Realismus nicht bieten kann – und erst recht nicht der real existierende Sozialismus in der DDR.

Der Freundschaft zwischen den beiden Jungen Fred (Tilman Döbler) und Jonas (Valentin Wessely) tut es zunächst keinen Abbruch, dass die beiden aus sehr unterschiedlichen Elternhäusern kommen: Freds Familie ist linientreu, sein Vater arbeitet als Grenzsoldat; Jonas hingegen wächst bei seiner alleinerziehenden Mutter auf, die kirchlich orientiert ist. Als jedoch Jonas’ Mutter Olivia (Deborah Kaufmann) einen Ausreiseantrag für sich und ihren Jungen stellt und Freds Vater Günther (Christian Friedel) seinem Sohn daraufhin verbietet, weiter mit Jonas zu spielen, droht dieser Freundschaft Gefahr. Der begegnen die beiden Jungen mit kindlicher Phantasie und mit einer Abenteuerlust, die sie schließlich – unbe(ob)achtet von den Erwachsenen – ins Verderben führen wird.

Ein wichtiger Aspekt, an dem sich die unterschiedlichen Lebenswelten der beiden Familien zeigt, ist der religiöse Glaube: Jonas und seine Mutter beten, was in Freds kommunistischer Musterfamilie auf Unverständnis trifft. Als der Film Jonas zeigt, wie er Klavier spielt, fällt der Kamerablick auch auf das auf dem Instrument stehende Schwarzweiß-Foto, das offensichtlich seinen Vater zeigt. Über dessen Schicksal wird nichts berichtet; eine kurze Bemerkung der Mutter lässt aber vermuten, dass er ein Opfer des DDR-Regimes geworden ist. Er steht als Pfarrer vor einem Kirchenportal und im Hintergrund ist auf dem Foto ein Plakat mit dem Slogan „Ohne Frieden keine Zukunft“ zu sehen. Das verweist auf die evangelische Jugendbewegung, wie sie seit den 1970er Jahren in der DDR aktiv geworden war und mit Plakaten dieser Art Aufmerksamkeit erregte (bekannt wurden sie auch mit Slogans wie „Schwerter zu Pflugscharen“ oder „Frieden schaffen ohne Waffen“).

Ein weiteres Leitmotiv des Films (2,87 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,5 Prozent) ist das Fernweh, das sich durch die Phantasiewelt nicht nur der Kinder zieht. Konkretisiert wird es durch den Traum der Kinder von Australien. Der wird gleich zu Beginn des Films durch den australischen Bumerang ausgelöst, den der Rentner Kaczmarek (Hermann Beyer) aus der Nachbarschaft von seiner ‘West-Reise’ mitgebracht hat. Als die Jungen den Bumerang später einmal über die Grenzbefestigungen nach West-Berlin werfen, kommt er nicht mehr zurück.

Das ist so symbolträchtig wie die Rolle, die der heimische märkische Sand im Film spielt. Er ist sehr feinkörnig, weshalb er „Zuckersand“ genannt wird, er rieselt und rutscht, so dass er letztendlich ein Leben und eine Freundschaft unter sich begräbt. Jonas kommt darin um und Fred muss mit diesem Verlusttrauma weiterleben. Es ist ein bemerkenswerter Film, der eine sehr berührende private Geschichte in leisen, kammerspielartigen Tönen erzählt und damit doch auch die große Bühne der Zeitgeschichte füllt.

31.10.2017 – Brigitte Knott-Wolf/MK