Dietmar Jacobs/Benedikt Gollhardt: Frau Temme sucht das Glück. 6‑teilige Serie (ARD/WDR)

Herabfallende Hähnchen und andere Risiken

Es steckt viel Wahres in dieser Serien-Exposition. In Zeiten niedriger Bankenzinsen sind Lebensversicherungen nicht mehr gefragt. Auch die fiktive Rheinische Versicherung am Standort Köln bekommt die Krise zu spüren. Von Entlassungen ist die Rede, alles hofft auf neue Geschäftsmodelle. Der so wendige wie windige Frank Weber (Sebastian Schwarz), der seinen Vornamen englisch ausspricht, wurde angeheuert, den Abstieg aufzuhalten. Sein Patentrezept: die „No-Limit“-Versicherung. Künftig wird die Rheinische versichern, was andere Assekuranzen ablehnen. Carla Temme (Meike Droste) soll die Risikoanalyse übernehmen, Horst Ballsen (Ronald Kukulies) ist für die juristische Prüfung zuständig.

Vor allem Carla steht dem neuen Angebot skeptisch gegenüber. Denn die abenteuerlichen Risikosummen können im Schadensfall die kleine Versicherung in die Insolvenz stürzen. Oder aber die Prämien für die Versicherten fallen so hoch aus, dass Carla sie als Übervorteilung der Kunden empfindet. Auf solche Skrupel hat Abteilungsleiter Hans-Peter Mühlens (Martin Brambach) stets gleichlautende Antworten: „Kommen Sie mir nicht wieder mit Moral! Wir sind eine Versicherung.“

In den sechs Episoden der neuen ARD-Serie „Frau Temme sucht das Glück“ (Produktion: Warner Bros. ITVP Deutschland) muss die kleine „No-Limits“-Abteilung die sonderbarsten Versicherungsanfragen bearbeiten. Ein abergläubischer Kunde hat Angst, dass er von einem herabfallenden gefrorenen Hähnchen erschlagen wird. Eine Braut möchte sich der Treue ihres künftigen Ehemanns versichern. Ein Einbrecher wünscht eine Berufsunfähigkeitsversicherung.

Die Autoren um Serien-Schöpfer Dietmar Jacobs und Headwriter Benedikt Gollhardt nehmen diese skurrilen Versicherungsanfragen als Anlass, die jeweiligen Inhalte genauer auszuloten. Eindeutige Antworten gibt es nur im trivialen Genre, in dieser Serie hingegen waltet ein fragender, beinahe diskursiver Gestus. Kann eine Versicherung je die Treue des künftigen Gatten garantieren? Liegt nicht vielleicht bereits etwas im Argen, wenn die Ehefrau in spe vor der Hochzeit solche Zweifel hegt? Überhaupt: Mindert eine vollständige Absicherung sämtlicher Risiken womöglich gar unsere Lebensqualität? Entspricht das Versprechen von Sicherheit nicht einer Vortäuschung falscher Tatsachen?

Oft spiegeln sich die an die Versicherung herangetragenen Probleme im Privatleben des Stammpersonals. Carla Temme trauert noch immer um ihren verschollenen Ehemann, der vor Jahren zum Joggen ging und nie zurückkehrte. Nur zögerlich wagt sie erste Versuche, sich neu zu binden, veranlasst durch die Begegnung mit dem charmanten Schweden Mikael (Richard Ulfsäter), der mit seinem unbeschwerten Naturell das absolute Gegenteil von Carlas verkörpert. Als sie sich kennenlernen, muss Carla erfahren, dass der junge Geschäftsgründer nicht über eine einzige Versicherung verfügt. Für die sicherheitsbewusste Angestellte schier unfassbar!

Carla schreibt privat an ihrem eigenen kleinen Lexikon und räsoniert über Begriffe wie „Glück“, „Risiko“, „Pläne“, die mit der jeweiligen Episodenhandlung korrespondieren. Das wirkt selten aufgesetzt, meist entwickeln sich die Dinge aus zwar spleenigen, aber in sich schlüssigen Ausgangssituationen. Die Autoren meistern die Herausforderung, unterhaltsam und zugleich nachdenklich von den Drangsalen, Widrigkeiten und Zwängen heutiger Lebenswelten zu erzählen, vom Prestigedenken und vom Paarungsimperativ, von Narzissmen und Neurosen. Sie erörtern ideelle Fragen wie die nach dem rechten Lebensweg, werden aber durchaus auch konkret und betont zeitkritisch, beispielsweise wenn in Folge 5 die latente und offene Frauenfeindlichkeit unter Wirtschaftsführern in den Fokus rückt.

Der Tonfall der Serie ist verhalten tragikomisch, mit gelegentlichen Ausrutschern ins Laute. Wenn Carla für ihren neuen Galan Mikael kocht, brennt ihr prompt das Essen an und die beiden müssen in den Schnellimbiss ausweichen. Dieses Moment ist so abgedroschen, dass es innerhalb der sonst so gelungenen Serie unangenehm hervorsticht. Aber dafür können die Schauspieler nichts; sie passen sich dem vorwiegend stilleren Humor dieser wöchentlich ausgestrahlten Serie gut an (nach der zweiten Folge am 31. Januar ging es allerdings erst nach zwei Wochen weiter, da die ARD am 7. Februar eine Begegnung des DFB-Pokals live übertrug).

Das beste Beispiel für die gelungene Art der subtilen Darstellung in „Frau Temme sucht das Glück“ ist Hauptdarstellerin Meike Droste, durch ihre Mitwirkung in der populären Krimiserie „Mord mit Aussicht“ (ARD/WDR) ein bekanntes Gesicht. Sie spielt die Carla Temme tastend, suchend, als eine Frau, die über Gewissheiten zu verfügen meint und sich ihrer doch nicht sicher ist. Droste agiert wie selbstverständlich, auch bei Stimmungswechseln kann ein Regisseur die Kamera auf ihrem Gesicht ruhen lassen, ohne schneiden zu müssen – sie spielt solche Übergänge perfekt, freut sich, wenn Clara Temme dem widerwärtigen Kollegen Weber mit einer bissigen Bemerkung in die Parade fährt und verzieht, von einem schnellen Seitenblick begleitet, im nächsten Moment die Mundwinkel, weil Weber schon zur nächsten Dummheit ansetzt.

„Frau Temme sucht das Glück“ endete am 14. März, wobei die sechste Folge auf den späten Abend um 22.45 Uhr verlegt wurde. Grund dafür war wiederum, dass im Ersten zur Hauptsendezeit ein DFB-Pokalspiel live übertragen wurde.

15.03.2017 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 8/2017

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren