Der Hintergrundsender: Der Dokumentations- und Ereigniskanal Phoenix besteht seit 20 Jahren

Von Reinhard Lüke

Der politische Terminkalender des Jahres 2017 meint es ausgesprochen gut mit Phoenix. Wahlen in den Niederlanden, Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, Referendum in der Türkei, Präsidentschaftswahl im Frankreich und unlängst hat die britische Premierministerin Theresa May in Großbritannien auch noch Neuwahlen für den Juni angekündigt. Und selbst das alljährlich drohende Sommerloch fällt in diesem Jahr aus, da der Wahlkampf zur Bundestagswahl im September Stoff in Hülle und Fülle zu bieten verspricht. Das Superwahljahr 2017 mutet fast wie ein Geschenk zum 20. Geburtstag des öffentlich-rechtlichen Ereignis- und Dokumentationskanals Phoenix an, der am 7. April 1997 auf Sendung ging.

All diese Termine wird man bei Phoenix in Live-Übertragungen, Berichten und Diskussionsrunden in gewohnter Manier so solide wie unspektakulär abarbeiten. Natürlich dürfen zum Jubiläum auch die nahezu gleichlautenden Grußadressen aus den beiden Mutterhäusern nicht fehlen. ZDF-Intendant Thomas Bellut äußerte: „Phoenix ist eine 20-jährige Erfolgsgeschichte. Der Markenkern ist unverändert: ein unverfälschter Blick auf die Wirklichkeit mit langen Live-Übertragungen und die kompetente und neutrale Analyse in Dokumentationen und Gesprächen.“ Bei der ARD-Vorsitzenden Karola Wille (MDR-Intendantin) liest sich das Glückwunschscheiben so: „Phoenix ist ein unverzichtbarer Teil unserer Programmfamilie und bleibt mit dem Dreiklang aus aktueller Ereignisberichterstattung, vertiefenden Hintergründen und dokumentarischer Relevanz eine wichtige Säule der Informations-und Nachrichtenkompetenz der ARD.“ Euphorie und Überschwang klingen irgendwie anders.

Deppendorfs Anregung

Phoenix entstand vor zwei Jahrzehnten vor allem aufgrund der Initiative des damaligen WDR-Intendanten Fritz Pleitgen, dem ursprünglich ein Parlamentsfernsehen nach dem Vorbild des US-Senders C-Span vorschwebte. Es sollte dementsprechend in Deutschland endlich ein Sender geschaffen werden, der regelmäßig Bundestagsdebatten live überträgt. Es war das ZDF, dem das zu wenig war und das dann dafür sorgte, dass auch Dokumentationen mit ins Programmkonzept aufgenommen wurden (vgl. FK-Heft Nr. 15/97).

„Phoenix – Das ganze Bild“ lautet seit langem der Senderclaim. Und man gewinnt den Eindruck, alle Beteiligten sind mit dem Gang der Dinge im Moment äußerst zufrieden. Der Marktanteil liegt seit Jahren stabil bei 1,1 Prozent und mit dem knappen, seit 2016 moderat auf 35 Mio Euro erhöhten Jahresetat scheint man auch nicht sonderlich zu hadern. Initiativen von außen wie etwa einer Anregung des ehemaligen ARD-Hauptstadtstudioleiters Ulrich Deppendorf (WDR) begegnet man eher reserviert: Deppendorf hatte im vorigen Jahr vorgeschlagen, ARD und ZDF sollten ihre derzeit auf mehrere Info-Spartenkanäle verteilten Ressourcen bündeln, um aus Phoenix einen echten Nachrichtensender nach dem US-Vorbild CNN zu machen. Ähnlich äußert sich der frühere Deutschlandradio-Intendant Ernst Elitz.

 „Es ehrt uns, dass wir in der Debatte so präsent sind. Das zeigt, dass wir mit unserer Arbeit Erwartungen hervorgerufen haben“, erklärte dazu Michaela Kolster (ZDF), die sich derzeit mit Michael Hirz (ARD/WDR) die Programmgeschäftsführung bei Phoenix teilt. Zugleich erteilte Kolster dem Ansinnen hinsichtlich eines Nachrichtenkanals jedoch eine klare Absage, indem sie darauf verwies, dass Phoenix dafür nicht den Auftrag habe und solch eine Umwandlung eine Änderung des Rundfunkstaatsvertrags erfordern würde. Große Veränderungen sind da derzeit offenbar weder geplant noch erwünscht.

Die Stärken in den Tagen danach

Auch von Umzugsplänen ist nicht die Rede. Schließlich ist es ein Kuriosum, dass der Sender, zu dessen Kerngeschäft nicht zuletzt die Übertragungen aus dem Deutschen Bundestag gehören, nicht in Berlin, sondern nach wie vor in der Ex-Hauptstadt Bonn angesiedelt ist – ein Lapsus, der allerdings schon bei der Gründung bewusst in Kauf genommen worden war. Die Entscheidung über den Umzug von Parlament und Regierung fiel bereits 1991 und wurde 1999 umgesetzt. Als Phoenix dann im Frühjahr 1997 auf Sendung ging, war der Sender in den ersten beiden Jahren beim WDR in Köln untergebracht, der federführenden Anstalt für Phoenix. Als dann das frühere ZDF-Hauptstadtstudio in Bonn frei wurde, weil dessen Redaktion nach Berlin umgezogen war, beschlossen die Senderverantwortlichen, dass Phoenix in das Bonner Gebäude einziehen solle, das ansonsten überflüssig geworden wäre.

Zwar hat Phoenix natürlich auch eine Außenstelle in der neuen Hauptstadt Berlin, wo unter anderem die abendliche Talkformate wie „Unter den Linden“ oder die „Phoenix-Runde“ produziert werden, doch tagsüber wird während der aus Bonn moderierten Strecken der Standortnachteil immer wieder deutlich. Da geben sich vornehmlich Wissenschaftler der Universitäten Köln und Bonn als Experten die Klinke in die Hand, während Bundespolitiker dort aus naheliegenden Gründen eher selten in Erscheinung treten. Schon gar nicht, wenn es um überraschende Ereignisse wie Terroranschläge geht.

In solchen Situationen sitzt man als Zuschauer während der ersten Stunden bei Phoenix ohnehin nicht in der ersten Reihe. Die Korrespondenten von ARD und ZDF sind durch ihre Hauptprogramme gebunden und über eigene Journalisten, die man mal eben an den Ort des Geschehens schicken könnte, verfügt Phoenix mit seinen gerade einmal rund hundert fest angestellten Mitarbeitern nun mal nicht. Der Sender beweist bei solchen Anlässen seine Stärken eher in den Tagen danach. Wenn sich die Erregungskurven in den anderen Programmen längst wieder abgeschwächt haben, werden bei Phoenix in aller Ausführlichkeit unaufgeregt Hintergründe und Zusammenhänge aufgearbeitet.

Konkurrenten: ZDFinfo, N 24, n-tv

Für das andere Standbein des Senders, die Dokumentationen, standen die Zeiten im Übrigen schon einmal besser. Für echte Eigenproduktionen in diesem Genre ist nach wie vor kein Geld vorhanden, so dass man fast ausschließlich auf Wiederholungen aus den anderen Programmen von ARD und ZDF zurückgreifen muss, aber mit ZDFinfo ist den letzten Jahren ein Konkurrent auf den Plan getreten, der sich ausschließlich in diesem Genre tummelt und sich bei den Zuschauern zunehmender Beliebtheit erfreut. ZDFinfo hat im Zeitraum von 2011 bis 2016 seinen Marktanteil von 0,1 auf 1,2 Prozent mehr als verzehnfacht (vgl. hierzu diesen MK-Artikel). Daneben sind aus dem Bereich des Privatfernsehens die Nachrichten- und Dokumentationskanäle N 24 (Springer-Konzern) und n-tv (RTL-Gruppe) Konkurrenten für Phoenix. Sie hatten 2016 vergleichbare Marktanteile: N 24 lag bei 1,2 und n-tv bei 1,1 Prozent.

Erstaunlicherweise ist es dem öffentlich-rechtlichen Spartensender Phoenix während der 20 Jahre seines Bestehens bis heute nicht gelungen, in seinem Programm Personen und Gesichter zu etablieren, die in der öffentlichen Wahrnehmung eindeutig und dauerhaft mit dem Dokumentations- und Ereigniskanal in Verbindung gebracht würden. Das gilt sowohl für all die geschäftsführenden Duos, die den Sender bisher geleitet haben, als auch für die aktuell 32 (!) Moderatorinnen und Moderatoren, die auf der Phoenix-Homepage aufgelistet sind. Ein Job bei Phoenix gilt in der Branche nicht unbedingt als Karrieresprungbrett.

30.05.2017 – MK

Print-Ausgabe 20/2017

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