Der große Umbau beim RBB Fernsehen

05.11.2017 • Ein paar Wochen lang im August und September hatte der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) die Hauptstadt zugepflastert. Wirklich überall hingen die ironischen Plakate. Da gab es den dickbäuchigen Herrn mittleren Alters, oben ohne, Schirmmütze auf dem Kopf, Blick vom Schriftzug weggerichtet, der Slogan: „Hinschauen ist wie wegschauen, nur krasser.“ Oder es gab den ebenso beleibten jungen Mann auf dem Sofa, eingeschlafen, die TV-Fernbedienung ruht auf seiner Plauze: „Von führenden Anästhesisten empfohlen.“ Darunter immer das RBB-Logo auf knallrotem Grund (neues Corporate Design) und der wiederkehrende Claim: „Bloß nicht langweilen“. Das ist das Motto der großen RBB-Imagekampagne.

Die Plakate klebten in Kreuzberg und Neukölln, an Verteilerkästen, Betonpfeilern, Bauzäunen. „Da, wo Berlin rauer ist“, sagt RBB-Pressesprecher Justus Demmer. Entworfen wurde die Kampagne von der Agentur GUD, die in Berlin auch schon mit der #weilwirdichlieben-Aktion der Verkehrsbetriebe für Aufsehen gesorgt hatte. „Eine namhafte sechsstellige Summe“ hat der RBB laut Demmer dafür in die Hand genommen. Der klare Auftrag des öffentlich-rechtlichen Senders an die Werber: „Macht uns hörbar. Macht uns kantiger.“

Mehr eigenes Programm

Kantig. Mutig. Das sind die Schlagwörter, die die seit 2016 amtierende RBB-Intendantin Patricia Schlesinger immer wieder nutzt, wenn sie über das neue RBB Fernsehen spricht, das Dritte Programm des Senders. Denn das wurde – zumindest in Berlin – einfach nicht richtig wahrgenommen. Schon gar nicht dort, wo Berlin rauer ist. Im gesamten Sendegebiet kam das RBB Fernsehen 2016 auf einen Marktanteil von 5,5 Prozent. Kein Drittes Programm war im vorigen Jahr schlechter. Es musste und muss etwas passieren. Und da eine Imagekampagne allein nicht reicht, wird jetzt auch im Programm geklotzt. Denn mutiger und kantiger und damit auch wahrnehmbarer wird man nicht mit „Tatort“-Wiederholungen. Es sollte mehr eigenes Programm her – und eine Konzentration auf den Abend.

Der RBB startete das Verbrauchermagazin „Super.Markt“ (montags), das Geschichtsformat „Erlebnis Geschichte“ (dienstags), gab „Täter, Opfer, Polizei“ einen weiteren Sendeplatz (mittwochs) und präsentierte die „Abendshow“ (donnerstags). Alles immer zur Primetime um 20.15 Uhr. Dazu wurden die Nachrichten um 16.00 Uhr von fünf auf 15 Minuten verlängert, der Sport wanderte mit eigenen Blöcken in die Nachrichtenformate und „RBB um 6“ läuft nicht mehr nur an fünf, sondern an sieben Tagen.

„Einen so großen Umbau hat es in keinem Dritten Programm in den letzten Jahren gegeben“, sagt Jan Schulte-Kellinghaus. Er ist erst seit März Programmdirektor (vgl. MK 7/17); er folgte auf dieser Position Claudia Nothelle nach, die Ende 2016 den RBB verlassen hatte. „Das ist mein Traumjob“, sagt Schulte-Kellinghaus nach einem guten halben Jahr. Okay, das muss er vielleicht sagen, aber er fand tatsächlich ein gut bestelltes Feld vor. Nicht im Sinne von: blühende Landschaften. Eher im Sinne von: Der Acker sieht gut aus, da lässt sich doch etwas Neues drauf anpflanzen.

Denn Intendantin Schlesinger hatte schon aufgeräumt. Im Herbst 2016 war bekanntgegeben worden, dass Sendungen sowohl von Bettina Rust als auch von Max Moor nicht weitergeführt würden (vgl. MK 24/16). Rust und Moor waren RBB-Gesichter, aber eben keine Quotenbringer. Auch war klar, dass der sanierte RBB, der seit der Einführung des allgemeinen Rundfunkbeitrags (Anfang 2013), mehr Geld einnimmt, in den Umbau mittelfristig 5 Mio Euro stecken würde – und weitere 1,7 Mio zusätzlich jährlich ins Programm fließen würden. Und so sagt Schulte-Kellinghaus heute: „Alle Möglichkeiten waren da. Besser geht’s nicht.“

Live-Format „Abendshow“

Dann wurde das Programm umgewälzt. Die Leitfrage dabei: „Was haben wir an verschiedenen Stellen im Programm verstreut, können es aber im Abendprogramm besser ausspielen?“, so sagt es Schulte-Kellinghaus. Herausgekommen sind das Verbraucher-, Fahndungs- und Geschichtsmagazin. Und die „Abendshow“ – eine Live-Show, mal satirisch, mal ernst, mal witzig, mal weniger witzig, mit Musik, mit Gästen. Schulte-Kellinghaus nennt sie „das größte Wagnis, weil es dafür kein Vorbild gab“; Justus Demmer nennt sie eine „Signature-Sendung“, also ein Format, das zum Aushängeschild des RBB werden könnte.

Und mittlerweile scheint das RBB Fernsehen mit seinen neuen Formaten besser angenommen zu werden. Die „Abendshow“ hatte zuletzt rund 8 Prozent Marktanteil beim Gesamtpublikum und damit deutlich mehr als zum Start Anfang September. Auch „Erlebnis Geschichte“ legte zu (5,7 nach anfangs 2,4 Prozent), ebenso wie „Super.Markt“ (zuletzt 6,2 Prozent, nachdem es mit nur 3,5 Prozent in die Sommerpause gegangen war). Und „Täter, Opfer, Polizei“ holte gute 8 Prozent Marktanteil. Dazu kommt eine deutliche Steigerung bei den Nachrichtenformaten, so erreicht „RBB um 6“ mittlerweile beständig 10 Prozent. Und auch der Marktanteil fürs gesamte Jahr konnte bislang gesteigert werden: Nach den 5,5 Prozent von 2016 liegt das RBB Fernsehen 2017 bei derzeit 5,9 Prozent. Das schon als großen Erfolg zu verkaufen, wäre allerdings auch mutig und kantig.

10.11.2017 – jük/MK
Altes Logo in weinroter Farbe: Das RBB Fernsehen wurde einfach nicht richtig wahrgenommen Abb.: Screenshot
Und jetzt knallrot: Mit den Neuerungen im Dritten Programm ging beim RBB auch eine Logo-Änderung einher Abb.: Screenshot
Eines der Plakate in Berlin: Man könnte fast meinen, bisher sei das Programm des RBB Fernsehens langweilig gewesen Foto: RBB