Der Fünfkampf nach dem TV‑Duell. Moderation: Sonia Mikich und Christian Nitsche. Diskussionssendung zur Bundestagswahl 2017 (ARD/WDR/BR)

Klein gegen Groß

06.09.2017 • Das Fernsehen hat noch jeden Politiker bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Das große „TV-Duell“ Merkel gegen Schulz am 3. September war zwar ein Desaster, aber dennoch aufschlussreich. „Der Fünfkampf“ der Kleinen, die Debatte am Tag danach im Ersten, war kein Desaster, aber eher aufschlussarm. Warum? Das „TV-Duell“ litt unter dem unerträglichen Selbstdarstellungszwang des Fernsehens selbst. Die vier Moderatoren taten so, als stünden sie am 24. September zur Wahl. Sat-1-Mann Strunz etwa verwechselte aggressives Volksempfinden mit Journalismus. Es sollte den Moderatoren zu denken geben, dass Angela Merkel (CDU) hier ihr bestes Fernsehduell überhaupt lieferte. Herausforderer Martin Schulz (SPD) wurde unfair und despektierlich behandelt, die Moderatoren verwechselten ihm gegenüber Unhöflichkeit mit Humor.

Ausgerechnet Schulz, der doch sonst als authentisch gilt, versuchte es beim „TV-Duell“ permanent mit Dramaturgien der Unaufrichtigkeit. Mal mit Ironie, mal mit Poesie, mal mit auswendig gelerntem Hollywood-Pathos. Der Kandidat Schulz trug seine Sprache wie einen klobigen Raumanzug, der Mensch Schulz blieb unsichtbar. Merkel hingegen wie abgerüstet, nahbar wie selten und plötzlich authentisch. Ausgerechnet sie, die große Fernsehfremde, war diesmal ganz bei sich und wie zu Hause. Während alle um sie herum zappelten und „Hallo? Warum sieht mich denn keiner?“, schrien, blieb sie gelassen und lächelte. Es war ein entspanntes Lächeln, kein Krampf.

Ein Lächeln ganz anderer Provenienz gab es bei der Bundestagswahlsendung „Der Fünfkampf“ mit den Vertretern der kleineren Parteien zu sehen. Das wie ins Gesicht gemeißelte Dauerlächeln von Joachim Hermann (CSU) wirkte zusehends unheimlicher. Bald musste man an Jack Nicholson und sein Joker-Grinsen denken, jede Sachaussage Hermanns verschwand hinter diesem Grinsen. Sicher, der „Fünfkampf“ war verglichen mit dem „Kanzlerduell“ sehr ordentlich. Die beiden Moderatoren Christian Nitsche (BR) und Sonia Mikich (WDR) wirkten gut vorbereitet und insbesondere Mikich glänzte mit fundiertem Widerspruchsgeist – hier gab’s kein Herumgezicke wie bei den Kollegen vom „TV-Duell“.

Allerdings wirkte beim „Fünfkampf“ der Turbo-Durchlauf durch die Themen überfordernd; man musste positionspolitisch schon sehr beschlagen sein, um überhaupt folgen zu können. Und so landete man wieder beim Personen-Image, bei der habituellen Performanz der Akteure, bei ihrem Dialog mit dem Medium. Alice Weidel (AfD) wirkte hier am unglücklichsten. Ihre Positionen waren populistisch, aber ihre Sprache war akademisch, schwerfällig, ohne Feuer, sie wirkte dauerbeleidigt, kalt. Es gelang ihr nicht, ihre Partei, die Programmatik und ihre Persönlichkeit unter einen Hut zu bringen, ihre Körperrhetorik war ebenso verkrampft wie ihre Rede.

Fast zu lässig, cool und selbstzufrieden erschien da Cem Özdemir von den Grünen, der ständig seine Biografie ins Spiel brachte, um Positionen seiner Partei zu erden, Widersprüche zu glätten. Er gab sich als großer Humorist, der so sehr das Maß der Mitte und der Menschlichkeit repräsentierte, dass hinter dieser Fassade der nahezu verzweifelte Machtdurst umso spürbarer wurde. Da blieb Christian Lindner (FDP) beinahe blass – mehr Design als Mensch, ein Politiker, dessen Liberalismus im Fitnessstudio redlich erkämpft wurde. Und Sahra Wagenknecht (Die Linke)? Sie profitierte von der Roboteraura Weidels und zeigte der Besserwisserin mal, wie man Komplexität reduziert und in eine fernsehtaugliche Sprache gießt.

Ein wirksamer ‘Fernsehpolitiker’ muss dem Medium gegenüber widerborstig bleiben, ohne beleidigt zu wirken, die eigene Dramaturgie behaupten und die eigene Biografie nicht völlig ausbeuten. Wagenknecht und Merkel wirkten in diesen TV-Debatten wie Politikerinnen, die sich dem Medium gegenüber am wenigsten opportunistisch zeigten. Sie machten ihr Ding, die anderen wurden zum Ding, zum Fernseh-Ding. Irgendwie hat Merkel immer ihr Ding gemacht, auch als sie Anfang der 90er Jahre als Familien- und Jugendministerien offensiv auf das Fernsehen zuging. Als sie 1992 das erste Mal bei RTL auf dem „Heißen Stuhl“ Platz nahm, war sie aufgeregt. Moderator Olaf Kracht erinnert sich daran, dass sie deshalb vor der Sendung ein Gläschen Sekt bestellte. Dann nahm sie es furchtlos mit fünf röhrenden Hirschen, mit fünf Männern auf. Thema: Gewaltfernsehen. Es war die Blut- und Eingeweidezeit des Privatfernsehens. Die Männer – unter ihnen auch Christoph Schlingensief – schrien, böllerten, schimpften, fuchtelten mit den Armen, Merkel blieb cool. Sie war kämpferisch, viel angriffslustiger als heute, aber doch kontrolliert. Am Ende hatten sich die Männer selbst zerschossen und blamiert. Merkel lächelte.

06.09.2017 – Torsten Körner/MK