Dalia Al Kury: Besessen (Arte)

Ein kleines Meisterwerk

Dämonische Besessenheit ist eine Randerscheinung aller Religionen, auch des Christentums. Schon das Neue Testament berichtet, wie Jesus einen Mann heilte, in den ein böser Geist gefahren war. Allerdings galt ein solches Phänomen im Zuge der Säkularisierung als archaisches Relikt aus dem Mittelalter. Umso überraschender schien es, dass im Jahr 1973 William Friedkins Hollywood-Thriller „Der Exorzist“ über eine Teufelsaustreibung zum bis dato erfolgreichsten Film aller Zeiten avancierte und in Amerika eine Massenhysterie auslöste. Für großes Aufsehen sorgte in Deutschland die Tragödie der Pädagogik-Studentin Anneliese Michel aus dem fränkischen Klingenberg, die 1976 starb, nachdem an ihr mehrfach Exorzismen durchgeführt worden waren.

Weniger bekannt dürfte sein, dass es die Art Spuk auch im arabischen Raum gibt. Diesem weitverbreiteten (Aber-)Glauben widmet sich in ihrem jetzt bei Arte erstmals im Fernsehen ausgestrahlten Film „Besessen“ Dalia Al Kury, eine Dokumentaristin aus einer modernen jordanischen Familie, die in England Film studiert hat und bislang journalistisch für Al-Jazeera arbeitete. Mit ihren bemerkenswerten Beobachtungen, die von den ersten Bildern sogleich an eine Sogwirkung erzeugen, versucht sie den Tod eines vierjährigen Mädchens aufzuklären, das von seinem Vater grausam umgebracht wurde, weil dieser geglaubt hatte, dass seine Tochter von einem sogenannten Dschinn besessen sei. Der arbeitslose Bäcker aus einem Armenviertel der jordanischen Hauptstadt Amman soll psychische Probleme gehabt haben. Er wird in eine geschlossene Anstalt eingewiesen, doch der behandelnde Psychiater erklärt ihn für geistig gesund. Der Täter muss ins Gefängnis, wo er tagtäglich Besuch von seiner Ehefrau erhält, die dem Mörder seltsamerweise keinerlei Vorhaltungen macht.

Diesem unverständlich erscheinenden Verhalten nähert Dalia Al Kury sich in Gesprächen mit Männern und Frauen an, die auch von „Begegnungen“ mit einem solchen Dschinn berichten. Ein Afghanistan-Flüchtling, der Psychopharmaka nimmt, erklärt, der Dämon komme aus Israel. Im Haus einer Frau, die von sexuellen Begegnungen mit einem Dämon erzählt, sind explizite erotische Wandzeichnungen zu sehen. Schicht um Schicht arbeitet der Film auf diese Weise heraus, dass Geisterglaube im muslimischen Kulturkreis gang und gäbe ist. Man spricht aber nicht gerne darüber.

Im Gegensatz etwa zur katholischen Doktrin, die den Exorzismus mit dem schon im Jahr 1614 erschienenen „Rituale Romanum“ genauestens regelt, ist der Koran in dieser Frage uneindeutig, weshalb es im muslimischen Kulturkreis eine diffuse Debatte und unzählige Ratgeber zu dieser Problematik gibt. So kann es durchaus vorkommen, dass ein Geistlicher zur Austreibung eines Dschinns zu rabiaten Mitteln greift und höchstselbst beispielsweise einen Finger des Besessenen amputiert. Solche Verstümmelungen halten andere, die in entsprechenden Fällen Hilfe suchen, keineswegs davon ab, sich ebenfalls solchen Geistlichen anzuvertrauen. Der Glaube an Exorzismen, so der Tenor dieser sensibel beobachtenden Dokumentation, ist so tief in der arabischen Kultur verwurzelt, dass man ihn als kulturell-religiöses Symptom begreifen kann. Besessenheit stellt eine Art kollektives Ventil für psychische Traumen, familiäre Missstände und politische Konstellationen dar.

Dalia Al Kury nähert sich diesen Symptomen nicht nur aus der distanzierten Perspektive einer nüchternen Beobachterin. Die zusätzlich subjektive Sicht einer im arabischen Kulturkreis verwurzelten Betrachterin erschließt ihrer 75-minütigen Dokumentation noch eine ganz andere Dimension. Die Angst vor dem Dschinn ist der Dokumentaristin aus der eigenen Jugend wohlbekannt. Das Schlussbild zeigt Kleinkinder im Kindergarten, die bereits Beschwörungsformeln aufsagen.

Wenn die Autorin im Film mit ihrer Mutter spricht, zeichnet sich ab, dass der Übergang zwischen einem tendenziell an der westlichen Kultur orientierten Leben und Geisterglaube fließend ist. So verwundert es nicht, dass die Filmemacherin selbst, wie sie berichtet, während der Dreharbeiten nachts immer zur selben Zeit aus dem Schlaf erwachte. Ein Geistlicher, den sie in dieser Frage konsultiert, erklärt ihr, der Dschinn    sei verärgert, weil sie sich in seine Angelegenheiten einmische. Beim Zappen durch das Filmarchiv dieses Teufelsaustreibers, der im Jahr 2000 Exorzismen mit der Kamera dokumentiert hat, illustriert Al Kury blitzlichtartig ein buntes Spektrum von Schreikrämpfen und hysterischen Anfällen, erliegt dabei aber nicht der Versuchung, ihren Film (Produktion: Lichtblick, Köln, mit Kaynoona Films, Amman) zu einem voyeuristischen Kuriositätenkabinett ausarten zu lassen.

Der Ausflug in diese hierzulande eher unbekannte arabische Parallelwelt überzeugt durch seine zurückhaltende, aber dennoch ungemein intensive Bildsprache. Moderat eingesetzte inszenatorische Mittel erzeugen unterschwellig eine unheimliche Stimmung. Wallende Vorhänge, die vom Wind bewegt werden, und Aufnahmen von der steinigen Wüstenlandschaft unterstreichen diese mystische Atmosphäre. Der kurze Blick auf einen Jungen, der die Maske aus dem bekannten Horrorthriller „Scream“ trägt, wird mit voll verschleierten Frauen in Schwarz gegengeschnitten: Durch diese Assoziation erhält der Geisterglaube eine ironische Fußnote. Der in einigen Szenen visuell geradezu faszinierende Film bringt dem Betrachter das Phänomen der dämonischen Besessenheit auf eine recht sinnliche Weise nahe, ohne denunzierend oder belehrend zu wirken. Ein kleines Meisterwerk.

09.05.2016 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 6/2017

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