Curvy Supermodel – Echt. Schön. Kurvig. 7‑teilige Castingshow, Staffel 2 (RTL 2)

Nachschub für den Markt der Übergrößen

31.07.2017 • Noch keine einzige Sekunde der neuen Folgen von „Curvy Supermodel“ war bei RTL 2 zu sehen, da hatte die „Bild“-Zeitung den Privatsender bereits mit der ersten fetten Schlagzeile beschenkt: „Kein schöner Zug“ titelte das Blatt Ende Juni und empörte sich damit nicht etwa über RTL 2, sondern über die Bahn, die ein Kampagnen-Motiv von „Curvy Supermodel“ aus ihren Bahnhöfen mit der Begründung verbannt hatte, die Damen auf dem Werbeplakat seien zu nackt. Die Hand vor der Brust sei als Bedeckung nicht ausreichend, ließ die Bahn mitteilen.

Touché! Besser geht’s nicht für die Fernsehmacher vom Trashsender RTL 2, die ihre „revolutionäre Castingshow“ (Eigen-PR) mitten im Sommer mit enormem Werbeaufwand in die zweite Staffel geschickt haben (die erste Staffel lief im Herbst 2016). Wer den Boulevard auf seiner Seite hat, hat – zumindest theoretisch – den Kampf um die Fernsehzuschauer schon halb gewonnen. Auch auf Litfaßsäulen und Häuserfassaden gab es Werbeaufmerksamkeit satt für die üppigen Nachwuchsmodels, wobei es doch sehr erstaunt, mit wie – im wahren Sinne des Wortes – wenigen Mitteln sich heutzutage noch immer Empörungswellen provozieren lassen.

Seit nunmehr elf Jahren lässt Heidi Klum „Mädschen“ in Dessous und manchmal sogar nur von einem Klecks Körperfarbe betupft vor der Kamera posieren, stets begleitet von viel Lärm und Schimpf. Fortwährend kritisiert werden allerdings weniger die nackten Tatsachen als der Umstand, dass Klums Sendeformat „Germany’s Next Topmodel“ (Pro Sieben) ein gefährliches Vorbild für junge Frauen liefere. Sie würden durch die Sendung zum Hungern animiert – ein Vorwurf, den man dem RTL-2-Pendant, das nach exakt denselben und teils ebenso problematischen Castingshow-Regeln funktioniert, beileibe nicht machen kann. Unter „Revolution“ versteht der Sender nämlich, dass bei „Curvy Supermodel“ Schönheit nicht mit dem Maßband gemessen wird wie bei „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM) – schön ist, was Kurven und idealerweise eine Sanduhr-Silhouette hat. Gesucht wird vielmehr, und darum geht’s, Nachschub für den Modelmarkt der Übergrößen, was in die RTL-2-Sprache übersetzt heißt: „eine neue Anführerin der Körperrevolution“. Geht’s, bitteschön, auch eine rhetorische Nummer kleiner?

Nicht bei RTL 2. Man wolle „ein Zeichen setzen gegen den Size-Zero-Körperwahn und gegen Bodyshaming“, man mache sich „stark für ein positives, realistisches Frauenbild“, so die Presseabteilung des Senders, die damit noch einen draufsetzt in Richtung Magermodels von Pro Sieben und nebenbei demonstriert, wie man eine Unterhaltungssendung ziemlich übertrieben politisch überhöhen kann. Interessanterweise hat die Politik, genauer: die Bundesregierung, in diesen Tagen eine „nationale Strategie“ zur Verminderung von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten beschlossen vor dem Hintergrund, dass jeder vierte Deutsche fettleibig ist und die Diabetesfälle steigen.

Aber diese Art von Politik scheint gerade zu „Curvy Supermodel“ nicht zu passen. Mit Ernährungsberatung hat das Format, soweit es die ersten beiden bisher ausgestrahlten neuen Folgen betrifft (17. und 24. Juli), nichts am Hut. Da kann die 21-jährige Mareike, die Konfektionsgröße 52 trägt und sich selbst als „kleine süße dicke Hummel“ beschreibt, backstage unkommentiert aufsagen, sie sei nicht bereit, etwas an ihren Maßen zu ändern. „Da kaufe ich mir mit Absicht einen Donut.“ Sagt’s und wankt im Mini auf dem Laufsteg der vierköpfigen Jury entgegen, die meist – nur nicht so sehr bei Mareike – schier ausflippt vor Begeisterung ob der pfundigen Revoluzzerinnen, die da vor ihr posen: „Yummy!“ „Lecker!“ „Wow!“ Als gäb’s da was zu futtern.

Bis auf Angelina Kirsch, ein international gefragtes Model für große Größen, sind in Staffel 2 die Jury-Plätze komplett neu besetzt worden. Das superschlanke Model Jana Ina Zarrella macht jetzt mit unter vollem Einsatz ihres brasilianischen Temperaments (einer Kandidatin klatscht sie auf den „Das-ist-fest!“-Po); auch der Laufstegtrainer Carlo Castro ist neu, der fast so hübsch denglischt wie weiland Bruce „Drama, Baby, Drama“ Darnell in Heidi Klums Show.

Während die beiden Jury-Damen ihren mütterlichen Gefühlen freien Lauf lassen und schon mal mit „Komm mal her, Schatzi, du bist doch bildhübsch“ aufgelöste Kandidatinnen an ihre Brust drücken, spielt der vierte im Jury-Quartett, Peyman Amin, den Richter Gnadenlos, damit es bloß nicht zu wohlfühlig wird, wie in der ersten Staffel. Beim sogenannten Massencasting auf der Galopprennbahn in München, wo Hunderte Bewerberinnen auf hochhackigen Schuhen auf und ab laufen sollen, knallt er einer von ihnen wenig einfühlsam entgegen: „Ich habe eine gute Nachricht für dich: Das war deine letzte Runde.“ Mit diesem „Kurvenrennen“, das weniger der professionellen Rasenbelüftung diente als der allgemeinen Erheiterung, wenn eine, Verzeihung, Stute stolperte, füllte RTL 2 großzügig die ersten beiden Folgen (die erste ging bis 22.30 Uhr, die zweite und die weiteren fünf Ausgaben dauern jeweils bis 22.15 Uhr).

Peyman Amin ist Besitzer einer Model-Agentur und „betreute Gisele Bündchen“, wie die Bauchbinde freundlich informiert. Was dort nicht steht: Der schmächtige Mann mit dem markanten Kahlkopf ist auch ein Überbleibsel aus „Germany’s Next Topmodel“, wo er einige Staffeln lang Heidi Klum assistierte. Überhaupt, es steckt noch viel mehr Klum-Show in „Curvy Supermodel“ drin, was ja nicht überrascht. Das Format wird von Tresor TV produziert, einst auch Produzent von GNTM, bis die Pro-Sieben-Tochter Red Seven die Produktion übernahm. Ob besagtes Massencasting, Recall auf dem Laufsteg, außergewöhnliche Fotoshootings (als lebende Marmorstatue im Park!), unvermeidliches Umstyling, schicksalsschwere „Ich-wurde-gemobbt/Ich-bin-krank“-Offenbarung, „Zickenkrieg“ unter den Kandidatinnen oder hinten dran gepapptes Magazin mit den Höhepunkten aus der vorherigen Sendung – nichts dabei, was man nicht auch schon bei den Pro-Sieben-„Topmodels“ gesehen hätte.

Das RTL-2-Format „Curvy Supermodel – Echt. Schön. Kurvig“ ist also in erster Linie eine stinknormale Castingshow, in der sich junge Frauen, die halt etwas mehr Speck auf den Rippen haben, bereitwillig drillen und vorführen lassen. Da lassen wir das mit der „Revolution“ mal schön beiseite. Zumal auch die Einschaltquoten eher unspektakulär sind: Mit 6,5 und 6,4 Prozent Marktanteil für die ersten beiden Folgen liegt das Format in der kommerziell relevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen nur ein wenig über dem Senderschnitt.

31.07.2017 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 20/2017

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