Christian Schnalke/Sven Halfar/Joyce Jacobs/Aelrun Goette: Atempause (ARD/MDR/SWR)

Aufgesetzter Glaube

17.07.2017 • Ein Moment verändert das Leben von Esther und ihrem Ex-Mann Frank von einem Tag auf den anderen: Ihr gemeinsamer neunjähriger Sohn Hannes wird als Torwart beim Fußballspielen von einem Ball getroffen und verliert dann im Krankenhaus das Bewusstsein. Der Schicksalsschlag lässt im Fernsehfilm „Atempause“ bei der ohnehin auseinanderdriftenden Familie bis dahin unterdrückte und verschollen geglaubte Konflikte aufbrechen. Esther (Katharina Marie Schubert) will in allem perfekt sein: fürsorgliche Mutter, gefühlvolle (Ex-)Ehefrau, liebenswürdige Tochter und erfolgreich im Beruf. Doch das gelingt ihr nicht. Vater Frank (Carlo Ljubek), der seinen Zimmererbetrieb in die Pleite trieb, vernachlässigt die Familie. Zu Hannes (Mikke Rasch) hatte er kaum Kontakt. Nur zur pubertierenden 16-jährigen gemeinsamen Tochter Tina (Sarah Mahita) hat er einen Draht.

In dem Film, der im Ersten Programm im Rahmen der ARD-Themenwoche „Woran glaubst Du?“ ausgestrahlt wurde (vgl. diesen MK-Artikel), verknüpfen Buch und Regie die verschiedenen Stränge miteinander, lassen sie Reibung erzeugen, unterbrochen immer wieder von stummen Bildern, untermalt von Mollklängen. Schnell wird dem Zuschauer klar, dass die Ärzte keine Hoffnung haben, dass Hannes noch einmal das Bewusstsein wiedererlangen könnte. Umso anrührender sind die humorvollen und zärtlichen Bemühungen der Krankenschwester Lisa auf der Intensivstation, so etwas wie Normalität herzustellen. Und umso deplatzierter die Versuche des Opas, wie ein Großkotz nach Chefarztbehandlung und Verlegung in eine Spezialklinik zu verlangen.

Im Verlauf des Films treten die Konfliktlinien zwischen den Eltern immer stärker zutage. Mit gegenseitigen Schuldzuweisungen versuchen sie von eigenem Leid und ihrer Panik abzulenken. Und Tina, die Schwester von Hannes, die um Aufmerksamkeit buhlt, wird in dieser Situation zunächst übersehen. Doch mit kleinen Gesten löst sie große Emotionen aus. Sie trauert zwischen vielen Kerzen im Unglückstor um ihren Bruder. Und sie treibt das noch fehlende Bild im Panini-Fußballalbum von Hannes auf und legt dieses Bild ihrem Bruder auf die Brust.

Durchaus geschickt wird in dem Film (Buch: Christian Schnalke, Sven Halfar, Joyce Jacobs) die Konfrontation auf der Intensivstation mit der Familie von Yusuf aufgebaut, der eine neue Leber erhalten hat und dessen zweiter Geburtstag gefeiert wird. Hier die türkische Familie, die lautstark, stolz und fröhlich mit Umarmungen ihre Einheit dokumentiert, dort die zerrissene deutsche Familie.

„Atempause“ ist ein Fernsehfilm, in dem es viel um Emotionen und Gefühle, Ängste und Hoffnungen geht, und zugleich ein markanter Beitrag zur ARD-Themenwoche „Woran glaubst Du?“. In dem von Aelrun Goette inszenierten Film (Produktion: Polyphon) wird diese Frage auch thematisiert, allerdings in doch etwas aufgepfropfter Form. Tina und Samet, der Bruder von Yusuf, kommen sich bei einer Cola auf dem Dach des Krankenhauses erstmals etwas näher – und sprechen dann gleich über ihren Glauben. Auf Tinas Bemerkung „Ihr seid Moslems oder?“, sagt Samet: „Ja, wir sind Türken.“ Und als sie dann fragt: „Bis du gläubig?“, antwortet er: „Ja, also, wir fasten und so.“ „Und du?“, fragt Samet. Daraufhin antwortet sie: „Manchmal beneide ich euch Moslems, irgendwie.“ Er will wissen, warum. Darauf Tina: „Naja, ihr habt zwar Kopftücher und so’n Mist, aber wir haben gar nichts mehr, woran wir glauben.“ Samet meint dann, er müsse aber auch damit klarkommen, was andere Muslime „im Namen Allahs alles machen, Kopf abschneiden und so’n Scheiß“. Tina sagt schließlich, man kämpfe und strample sich ab „und es passiert doch, wie es passiert.“ Es sei doch schön, dass da jemand sei, der es richtig mache. Und vielleicht gebe es ja „sowas wie einen Gott“.

Dass zwei Jugendliche bei ihrem ersten Kennenlernen gleich so miteinander über das Thema Glauben sprechen, erscheint nicht so recht glaubwürdig. Der Dialog zwischen den beiden wirkt auch eher aufgesetzt. Während Tina und Samet miteinander reden, befinden sich die Eltern von Hannes im „Raum der Stille“ des Krankenhauses. Dorthin hatte sich schon am Tag zuvor Frank zurückgezogen, um langsam und im Flüsterton das „Vaterunser“ zu beten. Nach der Bitte „Dein Wille geschehe“ bricht er jedoch ab, schüttelt den Kopf und wirft die Stühle durcheinander. Äußeres Chaos als Sinnbild für seine innere Zerrissenheit.

Was glauben die Eltern? Die Mutter vor allem setzt auf die Fähigkeit der Mediziner: „Sie operieren doch sicher? Wann operieren sie?“ Da hat der Vater längst verstanden, dass die Lage seines Sohnes hoffnungslos ist. Die Ärzte stellen schließlich den Hirntod des Jungen fest. Frank versucht seine Frau zu stützen, wohlwissend, dass diese Geste nur oberflächlich sein kann. Über ihr gemeinsames Leid findet die Familie langsam wieder zusammen. So endet der Film trotz des Schicksalsschlags hoffnungsvoll, abseits aller Glaubensfragen: Während die Schwester die neuen Torwarthandschuhe ihres Bruders zur Erinnerung an sich genommen hat, neigen sich ihre Eltern im Auto auf der Heimfahrt einander zu. Der Glaube an ein gutes Ende – vielleicht.

Ob allerdings auch abseits der ARD-Themenwoche in einem Fernsehfilm Szenen, in denen Glaubensfragen so intensiv angesprochen werden, gezeigt worden wären, erscheint fraglich. Auch wenn in „Atempause“ (2,75 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,4 Prozent) diese Szenen etwas künstlich wirkten, war die Produktion aufs Ganze gesehen ein durchaus beeindruckender Film.

17.07.2017 – Martin Thull/MK

Print-Ausgabe 16-17/2017

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