Eines der größten WDR-Projekte: Breloer dreht in Prag Brecht-Zweiteiler für die ARD

Im kommenden Mai soll in Prag die erste Klappe fallen für den neuen ARD-Zweiteiler „Brecht“ über den Dichter Bertolt Brecht (1898 bis 1956). Das kündigte der Regisseur und Drehbuchautor Heinrich Breloer am 8. Februar in Köln auf der Pressekonferenz zum Jahresausblick der WDR-Fernsehfilmredaktion an. Aus Kostengründen könne er nicht an Originalschauplätzen wie Augsburg, München oder Berlin drehen, sagte Breloer. Nach der Besichtigung des Sets in der tschechischen Hauptstadt sei er jedoch „erstaunt, wie viel in Prag möglich ist“. Dort werden ab Ende Mai rund zwei Monate lang die fiktionalen Anteile der Produktion gedreht.

Breloer, der am 17. Februar 75 Jahre alt wurde, arbeitet schon seit gut fünf Jahren an dem Doku-Drama-Projekt, das ursprünglich als Dreiteiler angedacht war, wie die unter Breloers Regie entstandene Großproduktion „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ (ARD/WDR/NDR/Arte/SF DRS; vgl. FK-Heft Nr. 47/01). Inzwischen habe er mit etwa 25 Zeitzeugen gesprochen, die Brecht noch persönlich gekannt hatten, berichtete der Filmemacher. Und er habe bei alldem gemerkt, dass er „die Baustelle sehr spät betreten“ habe. „Wir haben vor dem Sensenmann hergedreht“, meinte Breloer mit Blick auf die Interviewteile des Films. Dabei habe er den Zeitzeugen auch ganz simple Fragen über den noch immer meistgespielten deutschen Dramatiker gestellt: „Wie begrüßte er die Menschen? Hatte er ein Gebiss?“

Für die Exilzeit reicht das Geld nicht

Der große Dramatiker Brecht, der zwei Weltkriege, zwei Diktaturen und vier politische Systeme allein in Deutschland erlebt und überlebt hat, wird in dem Zweiteiler von Burghart Klaußner dargestellt, mit dem Heinrich Breloer vor längerer Zeit auch die beiden Filme „Die Staatskanzlei“ (ARD/WDR/NDR 1989) über die Barschel-Affäre und – zusammen mit Horst Königstein – „Das Beil von Wandsbek“ (ARD/NDR/WDR 1982) gedreht hatte. Brechts Ehefrau Helene Weigel wird von der aus dem Wien-„Tatort“ bekannten Österreicherin Adele Neuhauser verkörpert. Ernst Stötzner wird den Bühnenbildner Caspar Neher spielen und die Dänin Trine Dyrholm die Schauspielerin und Brecht-Gefährtin Ruth Berlau. Kameramann wird Gernot Roll sein, das Set-Design übernimmt Christoph Kanter.

Breloer sagte in Köln, dass er in seinem Zweiteiler Brechts Exilzeit, die sich von 1933 bis 1948/49 erstreckte, bis auf einige Rückblenden aus den genannten Kostengründen aussparen müsse. Dafür würden die Jahre 1917 bis 1933 in Augsburg und Berlin sowie die Ost-Berliner Jahre von 1948 bis 1956 ausführlich dargestellt. Im Exil wechselte Brecht nach eigener Aussage „die Länder öfter als die Hemden“. Breloer betonte, es gebe seiner Einschätzung nach nur drei deutsche Schriftsteller, „die über Deutschland hinaus weltweit bekannt sind“. Dies seien Bertolt Brecht und Thomas Mann, über den er neben einem Doku-Drama auch den Kinospielfilm „Buddenbrooks“ (2008) gedreht hat, und als Dritter im Bunde Franz Kafka.

Brecht ist für Breloer kein Fremder. 1978 drehte er mit „Bi und Bidi in Augsburg“ seinen ersten Dokumentarfilm über die frühen Jahre des Dramatikers und Lyrikers. Umso gespannter darf man auf das neue Breloer-Werk sein, das immerhin rund 40 Jahre Leben und Werk abdecken soll. „Jeder hat seinen Brecht, aber keiner kennt ihn wirklich“, sagte Breloer. Eine wichtige Rolle dürfte das Thema Brecht und die Frauen spielen. Mit Blick auf das notorische Faible des Theatermanns für junge Schauspielerinnen sagte Breloer, Brecht habe versucht, auch im Alltag „freie Beziehungen zu leben“.

Schon über 60 Stunden Filmmaterial

Barbara Buhl, die Leiterin der WDR-Programmgruppe Fernsehfilm und Kino, erklärte auf der Pressekonferenz in Köln, das Brecht-Doku-Drama strebe an, die „essentielle Verflechtung von Arbeit und Leben“ darzustellen. Breloer und WDR deuteten an, dass die Arbeit an dem Langzeitprojekt nach dem Tod der Brecht-Tochter Barbara Brecht-Schaller leichter geworden sei. Seitdem sei viel neues Material bekannt geworden, sagte der Regisseur. Buhl ergänzte, man stehe in gutem Kontakt mit Brechts Enkelinnen Johanna und Jenny Schall. Es seien keine juristischen Probleme erkennbar. Durch die Zeitzeugeninterviews verfügt Heinrich Breloer inzwischen über 60 Stunden Filmmaterial. Davon wird nur ein Bruchteil in den Zweiteiler – geplant sind zweimal 90 Minuten – einfließen können, bei dem Breloer nach bewährtem Muster Interviews, Archivmaterial und Spielszenen kombinieren will. Welchen Anteil Dokumentation und Fiktion im finalen Film einnehmen würde, könne er noch nicht sagen, bekannte Breloer. Das entscheide sich erst im Schneideraum. Das nicht verwendete Doku-Material will der Filmemacher Archiven und Forschern zur Verfügung stellen. Zudem bekundete er die Absicht, eine begleitende 45-minütige Dokumentation über Brecht zu realisieren.

Der bei dem millionenschweren Doku-Drama-Projekt federführende Westdeutsche Rundfunk hat sich zur Zusammenarbeit den Bayerischen Rundfunk (BR), den Südwestrundfunk (SWR), den Norddeutschen Rundfunk (NDR) und den deutsch-französischen Sender Arte mit ins Boot geholt. Über die genauen Kosten wurden trotz Nachfrage keine Angaben gemacht. Die Produktion übernimmt die Bavaria Fernsehproduktion München in Koproduktion mit der Bavaria Filmproduktion Köln, Satel Film und Mia Film. WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn nannte „Brecht“ bei dem Kölner Pressegespräch „eines der größten Projekte des WDR“. Umso erstaunlicher eigentlich, dass für solch ein einmaliges Projekt, für solch eine Vorzeigeproduktion derart streng ein Kostenrahmen vorgegeben ist, dass für Brechts Exilzeit, die für ihn ja nicht gerade unwichtig war, das Geld nicht reicht.

19.04.2017 – Reinhard Kleber/MK