Birgit Tanner/Bianca Zarandi/Sandra Rieß: Wähl mich! 3‑teilige Reihe zur Bundestagswahl 2017 (ZDF)

Wahlkampf als Datingshow

12.09.2017 • Ein Politiker, der den Einzug in irgendein Parlament anstrebt, möchte doch vor allem eines: gewählt werden. Von wem, dürfte ihm dabei in der Regel einigermaßen gleichgültig sein. Schon bei diesem Tatbestand hakte das Konzept dieser rätselhaften Info-Minireihe im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 (24. September). Das Procedere von „Wähl mich!“: Sechs Politiker unter 30, die für sechs unterschiedliche Parteien erstmals in den Deutschen Bundestag einziehen möchten, treffen auf jeweils einen „Wunschwähler“. Vermutlich haben auch die Kandidaten selbst erst einmal etwas ratlos dreingeschaut, als sie von der Redaktion beim Erstkontakt von dieser Spezies hörten. In den Sendungen selbst war von dieser Irritation natürlich nichts mehr zu sehen.

Stattdessen fanden die Jungpolitiker sich nacheinander in einer coolen Location ein, die wohl so etwas wie redaktionellen Arbeitsraum darstellen sollte, und skizzierten brav ihre Wunschwähler nach Kriterien wie Alter, Geschlecht, Familienstand, Hobbys, Kleidungsstil, Städter oder Landbewohner, literarische und musikalische Vorlieben und noch einigen Kriterien mehr. Ihnen gegenüber saß Sandra Rieß und schrieb fleißig mit. Die 31-Jährige, die bislang vornehmlich durch Unterhaltungsshows wie den „Bundesvision Song Contest“ (Pro Sieben) geführt hat und im „Wähl-mich!“-Intro frohgelaunt verkündete, sie suche nach „den perfekten Wählern“, fungierte hier als Moderatorin und spielte zugleich eine Art Redaktionsleiterin. Weshalb sie nahezu ständig im Bild war und allerlei belanglose Kommentare abgab. So erklärte sie beispielsweise jedesmal, wenn ein Steckbrief erstellt war, dass es aber „total schwer“ sein werde, den Wunschwähler ausfindig zu machen.

Alsdann sah man Sandra Rieß, wie sie im Internet surfte, an verschiedenen Haustüren im jeweiligen Wahlkreis klingelte und Bürgermeister oder Vereinsvorsitzende befragte. Sie selbst nannte diese Tätigkeiten, deren Bilder mit flotter Musik unterlegt waren, „Recherche“. Irgendwann hatte sie dann doch die beiden Pärchen für die erste Folge ermittelt. Kandidatin Denise (FDP) aus Halberstadt bekam ihre Wunschwählerin Sabrina zugeteilt und der Brandenburger Martin (Bündnis 90/Die Grünen) sollte mit Michi diskutieren – wobei die potenziellen Wähler, was noch ein wichtiger ‘Gag’ war, nicht wussten, welcher Partei ihr Gegenüber angehörte. Bis dann nach ausführlicher Vorstellung der Beteiligten in Form von Homestorys endlich in der jeweiligen Folge die beiden Pärchen jeweils an unterschiedlichen Orten aufeinandertrafen, waren gut 18 Minuten und damit mehr als die Hälfte der halbstündigen Sendezeit vergangen.

Von der Dramaturgie her erinnerte die Inszenierung dieser Begegnungen eher an Datingshows oder die RTL-2-Sendereihe „Frauentausch“. Während der politische Kandidat bereits erwartungsvoll am Tisch saß, sah man den Wunschwähler ums Eck biegen, wozu die Musik auf Spannung machte und Sandra Rieß verkündete: „Gleich werden sie zum ersten Mal aufeinandertreffen.“ Nach derlei Albernheiten wären den beiden Paarungen ja immerhin noch jeweils sechs Minuten für den politischen Meinungsaustausch geblieben. Das ist nicht viel, um sich ein Bild von einem Kandidaten zu machen bzw. einen potenziellen Wähler von sich zu überzeugen. Doch de facto blieben den drei Duos (geschätzt) jeweils nur rund zweieinhalb Minuten für ihre Gespräche. Warum diese Häppchen dann auch noch in Parallelmontage dargeboten wurden, war eines der vielen Rätsel dieses Formats.

Der Rest der Zeit ging damit drauf, dass Sandra Rieß die Gespräche ungefähr aus zehn Metern Entfernung auf einem Monitor verfolgte und launige Kommentare abgab: „Denise will gleich mal die Verfassung ändern. Warum auch klein anfangen, wenn man Großes vorhat?“ Warum hatte sich die Moderatorin nicht einfach dazugesetzt?

Und dann musste noch das Finale als Hochspannungsakt inszeniert werden. Natürlich hätte man die jeweiligen Wunschwähler einfach fragen können, ob sie ihrem jeweiligen Kandidaten die Stimme geben würden oder nicht. Doch stattdessen bekamen die Wähler von der Moderatorin einen Umschlag, dem sie dann einen Stimmzettel entnahmen, auf dem sie „Ja“ oder „Nein“ ankreuzen sollten. Anschließend kam der Zettel zurück in den Umschlag, der dann dem gegenüber sitzenden Kandidaten überreicht wurde, der ihn zu Hochspannung suggerierenden Klängen öffnete und das Ergebnis zur Kenntnis nahm. Absurder lässt sich solch ein Nichts kaum inszenieren. Am Ende der drei Folgen hatten vier Kandidaten (aus nicht immer nachvollziehbaren Gründen) ihre Wunschwähler überzeugt. Nur Martin von den Grünen und der AfD-Vertreter aus Mainz holten sich eine Abfuhr.

Dass Sender sich vor Wahlen im Rahmen der politischen Meinungsbildung an Experimenten versuchen, um auch jüngere Wählergruppen zu erreichen, ist ja grundsätzlich löblich. Doch mit dieser hanebüchenen Minireihe dürften Birgit Tanner und Bianca Zarandi, laut Abspann beide verantwortlich für Buch und Regie von „Wähl mich!“ (Produktion: Gruppe 5), kaum einen Jungwähler zum Urnengang animiert haben. Zumal das ZDF die drei Folgen, die zwar auch zum individuellen Abruf in der Mediathek des Senders zu finden sind, im Fernsehen in der Zeit nach Mitternacht ausstrahlte, Mitte August in seinem Hauptprogramm.

In den beiden Spartenprogrammen ZDFneo und ZDFinfo wurden die „Wähl-mich!“-Sendungen dann im September wiederholt, zu besseren Uhrzeiten: Bei ZDFneo liefen die ersten beiden Folgen am 2. und 9. September jeweils um 19.45 Uhr und Folge 3 gibt’s am 16. September zur selben Uhrzeit; bei ZDFinfo wurde „Wähl mich!“ am 7. September (Donnerstag) ab 18.45 Uhr im Dreierpack hintereinander ausgestrahlt. Das Format ist im Übrigen nicht vom ZDF entwickelt worden. Es stammt vielmehr vom öffentlich-rechtlichen Schweizer Fernsehen (SF), wo es vor zwei Jahren unter dem Titel „Wähler gesucht“ gesendet worden war.

11.09.2017 – Reinhard Lüke/MK