Benedikt Röskau/Richard Huber: Zwei Leben. Eine Hoffnung. (Sat 1)

Tote-Leber-dot-com

Der Zweck des Programmschwerpunkts ist nicht zu übersehen: An diesem Abend soll bei Sat 1 dafür geworben werden, dass Menschen sich einen Organspenderausweis zulegen. Der Spielfilm „Zwei Leben. Eine Hoffnung“, dem die Dokumentation „Bei Anruf Herz – Letzte Chance Organspende“ (22.10 bis 23.10 Uhr) thematisch folgt, ist jedoch kein Doku-Drama mit einem umfassend realistischen Anspruch. Ist das Procedere der Entscheidung, wem ein Spenderorgan zugeteilt wird, von seinen technischen Abläufen her im Film minutiös genau wiedergegeben, so sind beispielsweise die – eigentlich viel wichtigeren – Kriterien, nach denen zuvor die Rangfolge der Patienten für eine Transplantation festgelegt worden ist, nicht Teil der Spielhandlung. Auch dass es sich bei den potenziellen Organempfängern wie in dem Film ausschließlich um Jugendliche handelt, ist sicher kein realistisches Abbild der Wirklichkeit. Doch weil sie noch so jung sind, spielen auch ihre Eltern als Bezugspersonen im Drama eine wichtige Rolle.

Die beiden in der Filmhandlung 17-jährigen Protagonisten sind für den Zuschauer Identifikationsfiguren und unzweifelhaft Sympathieträger. Das gilt nicht nur für den sich gern cool gebenden Frank (Valentino Fortuzzi) aus einer gutbürgerlichen Mittelstandsfamilie, sondern auch für die sensible Dafina (Barbara Prakopenka), die mit ihrer Mutter aus dem Kosovo geflüchtet ist und bereits seit sechs Jahren auf den Ausgang ihres Asylverfahrens wartet. Ob sie im Fall einer Abschiebung noch die Möglichkeit haben würde, weiterhin die für sie notwendigen Medikamente zu bekommen, die sie nach einer Transplantation braucht, ist eine Frage, die sie beschäftigt und als solche auch Teil der Handlung ist. Doch gibt der Film letztlich keine Antwort darauf, denn er endet mit der erfolgreichen Transplantation einer Leber bei Dafina und lässt so ihr weiteres Schicksal offen.

Bevor es jedoch zu diesem Happy End kommt, verzeichnet das Filmgeschehen viele schwierige und sich krisenhaft zuspitzende Momente. So beginnt das Drama mit dem plötzlichen Hirntod einer scheinbar mitten im Leben stehenden Frau, deren Ehemann nicht nur diesen Schock verarbeiten muss, sondern der auch noch mit der Aufforderung konfrontiert wird, sein Einverständnis zu einer Organspende zu geben. Dann erzählt der Film, wie Frank, der für die Lebertransplantation ausgewählt worden ist, sich zunächst freut, dann aber sehr enttäuscht wird, weil es auf dem Transport des Organs ins Krankenhaus zu einem Unfall kommt, in dessen Folge die Leber nicht mehr transplantierfähig ist.

Dieses Ereignis führt bei Frank bis zu einem Selbstmordversuch und bei seinem Vater dazu, sich nunmehr riskant und illegal um ein Spenderorgan aus Indien zu bemühen. Dann stirbt auch noch ein zwölfjähriger Junge während einer Transplantation und der erste Versuch, bei Dafina eine Hälfte der Leber ihrer Mutter einzusetzen, führt zu einer nicht vorhersehbaren Abstoßungsreaktion, die Dafina das Leben kosten würde, falls sich nicht innerhalb von 24 Stunden ein neues Organ für sie finden würde. Dieses neue Organ gibt es, ist aber eigentlich Frank zugedacht, der nun zum zweiten Mal kurz vor einer Transplantation steht. Doch wieder kommt es nicht dazu, denn er verzichtet zugunsten von Dafina auf die Leber, wodurch das Mädchen letztendlich doch gerettet werden kann.

Im Verlauf dieser Geschichte sind im Film (2,28 Mio Zuschauer, Marktanteil: 7,2 Prozent) mehrere sehr ausführliche OP-Szenen zu sehen, sehr anschaulich und sehr blutig. Auch hier wieder wird die medizintechnische Seite sehr realistisch wiedergegeben. Dass aber letztlich ein Patient in einen solchen Gewissenskonflikt gerät und darüber mitentscheiden muss, ob ein anderer ein Organ, das eigentlich für ihn selbst war, bekommen wird oder nicht, dürfte jedoch allein dramaturgische Gründe haben und nicht realistisch sein. Dieser Handlungsverlauf dient vor allem dazu, um neben dem medizinischen Drama noch eine Liebesgeschichte zwischen Dafina und Frank erzählen zu können. Die jugendlichen Hauptdarsteller vermitteln zudem im Umgang mit dieser für sie lebensbedrohlichen Situation viel Galgenhumor, der auch nicht vor einem Videoblog namens „Tote-Leber-dot-com“ haltmacht, auf dem sie ihre Gedanken und Gefühle äußern. Das dient ebenfalls dazu, den schweren Stoff für den Zuschauer etwas leichter zu machen.

Der von Ufa Fiction für Sat 1 produzierte Film, zu dem Benedikt Röskau das Drehbuch verfasst und bei dem Richard Huber Regie geführt hat, erfüllt nahezu perfekt die Anforderungen an eine spannend und unterhaltsam zugleich erzählte Geschichte, bei der allerdings die dahinterstehende pädagogische Absicht doch etwas zu penetrant hervorlugte. Die eigentlichen Hauptdarsteller sind hier die allesamt gut spielenden jugendlichen Patienten. Ihnen steht die Transplantationschirurgin Dr. Hellweg (Annette Frier) zur Seite, die bei allen drei Transplantationsfällen die medizinische Verantwortung trägt. (Auch das ist wenig realistisch, allein schon deshalb, weil diese medizinische Disziplin auch heute noch eine ausgesprochene Männerdomäne ist.) Die Rolle dieser Ärztin ist eine schwierige, denn sie muss sowohl Misserfolge wie Erfolge ihrer chirurgischen Arbeit ausdrücken und auf zwischenmenschlicher Ebene agieren können, wozu sie wenig mehr Spielraum hat, als ihr Gesichtsmimik und Gespräche etwa im Arztzimmer erlauben.

20.03.2016 – Brigitte Knott-Wolf/MK