Bauerfeind – Die Leseshow. Mit Katrin Bauerfeind (3sat)

Dirigierte Textbausteineplauderei

01.12.2017 • Diese „Leseshow“ stellt keine neue Form der Literaturvermittlung im Fernsehen dar, sondern ist ein neues Unterhaltungsformat der Sorte ‘Spaßkultur’. Es handelt sich um eine von Katrin Bauerfeind moderierte Talkshow-Variante mit zwei Gästen und einem Thema. Es ist dabei so, dass Bauerfeind weniger im Wortsinne moderiert als vielmehr ihre Gäste durch die Sendung dirigiert. Denn sie insistiert eloquent auf dem vorgegebenen Thema und liefert die passenden Stichworte dazu. Des Weiteren gibt sie die Texte vor, die die Gäste vorzulesen haben, wenn sie von ihr dazu aufgefordert werden.

Mit diesem neuen Format präsentiert die 35-jährige Katrin Bauerfeind einmal mehr eine Sendung für das 3sat-Programm. Dort hat sie in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Karriere hinter sich gebracht. Zunächst ist sie bei dem Sender mit dem Format „Bauerfeind“ in Erscheinung getreten (2009 bis 2013), einem sogenannten Popkultur-Magazin. Dann folgte die Sendereihe „Bauerfeind assistiert“ (vgl. FK-Heft Nr. 19/14), für die sie einen Prominenten einen Tag lang begleitet und dabei mit ihm Smalltalk macht. In dieser Tradition steht auch die „Leseshow“, die sie nunmehr gewissermaßen von der ‘Assistentin’ zur ‘Chefin’ befördert, nämlich zur dominanten Gastgeberin.

Diese erste Staffel der „Leseshow“, bei der es im Kern darum geht, ausgewählte Texte vorzulesen, um dann über sie möglichst humorvoll zu plaudern, umfasst vier Folgen (5. und 12. November, 3. und 30. Dezember), die allesamt bereits im Oktober dieses Jahres im Berliner E-Werk vor Publikum aufgezeichnet wurden (Produktion: Endemol Shine Germany). Bauerfeind stellt ihre Gäste, alle Schauspieler und Fernsehprofis, zunächst mittels eines in Schwarzweiß gehaltenen kurzen Einspielfilms vor. Sie porträtiert hier die Eingeladenen aus einer konsequent subjektiven Perspektive heraus, so dass sich diese Einspieler von den bei anderen Talkshows üblichen nicht nur optisch unterscheiden.

Die Gäste folgen der Moderatorin dann beim anschließenden Talk aufs Wort; sie haben, wie erwähnt, noch nicht einmal die von ihnen vorgelesenen Texte selbst ausgesucht, wie das Bauerfeind noch in einem Interview mit der Senderzeitschrift „3sat TV & Kulturmagazin“ behauptet hat, in dem es wörtlich heißt: „Ich lade zu einem Thema […] zwei großartige Kollegen ein, die ihre Lieblingstexte dazu mitbringen.“ Diese „großartigen Kollegen“ kennt das Publikum bereits aus dem Fernsehen und Bauerfeind lenkt das Gespräch immer wieder auf diverse laufende oder bevorstehende Projekte der Eingeladenen, so dass es hier ziemlich unverhohlen auch um Promotion geht.

In einem der unzähligen Interviews, die Katrin Bauerfeind aus Anlass der bevorstehenden Premiere ihres neuen Formats gegeben hat, beschreibt sie dessen Konzept so: „Pro Sendung kommen zwei Gäste und performen Texte zu einem Thema. Dazu gibt’s launige Talks.“ Das Vorlesen erfolgt tatsächlich auf einem professionell hohen Niveau. Es ist so eindrucksvoll, dass man sich wünschen möchte, hier würde noch mehr und länger vorgetragen. Dagegen wirkt das dem Vortrag jeweils folgende Gespräch wie ziemlich belangloses Geplänkel. Dabei wird allerdings nicht nur herumgealbert, sondern von Bauerfeind auch immer wieder der Versuch unternommen, dem Ganzen zumindest ansatzweise etwas mehr an Gedankentiefe zu geben. Es geht in der „Leseshow“ jedenfalls nicht um die Präsentation von Neuerscheinungen des Buchmarkts und nicht um Lesetipps. Vielmehr werden Texte aller Art, darunter sogar überwiegend solche nicht-literarischer Natur, dazu benutzt, das gewählte Thema inhaltlich zu stützen.

Allen Texten ist gemeinsam, dass sie ein komisches Potenzial haben. Man nennt dies heutzu­tage auch „Comedy-Reading“. In der ersten Folge, in der die Schauspieler Bjarne Mädel und Anneke Kim Sarnau zu Gast sind und deren Thema „Beziehungen“ heißt, stammen die beiden ersten vorgelesenen Passagen zum einen von Immanuel Kant, der sich darin über Frauen äußert, und zum anderen von Max Frisch, der seinen Romanhelden aus „Homo faber“ sich über Männer äußern lässt. Dann aber geht es weiter mit Textsorten ganz anderer Art, wie beispielsweise dem Verlesen von Buchtiteln aus einer Sexratgeber-Bestsellerliste. Außerdem wird noch die Balkonszene aus Shakespeares „Romeo und Julia“ von Bjarne Mädel und Katrin Bauerfeind nachgespielt bzw. ‘performt’. Der zweite Gast, Anneke Kim Sarnau, liest dann abwechselnd mit Mädel aus Liebesbriefen vor.

In der zweiten Folge funktioniert das gewählte Thema „Humor“ nicht so gut wie das Thema „Beziehungen“ in der ersten Ausgabe, so dass die Sendung insgesamt nur auf etwas gequälte Art lustig gerät. Die ausgewählten Texte, wie etwa „der lustigste Witz der Welt“, lassen zu wünschen übrig und anscheinend ist es auch überhaupt schwierig, über Humor humorvoll zu sprechen. Als Gäste geladen sind Max Giermann, gelernter Clown, der im Fernsehen für seine Parodien bekannt geworden ist – unter anderem trat er im Satiremagazin „Extra 3“ (ARD/NDR) als Sigmar Gabriel und Donald Trump auf – und die Schauspielerin Katharina Thalbach, die erst im letzten Drittel der Sendung hinzukommt. Thalbach verfügt tatsächlich über ein großes Talent zum Vorlesen, wie sie es trotz eher dürftiger Textvorlagen auch hier einmal mehr beweisen kann; bekanntermaßen ist Katharina Thalbach auch eine exzellente Hörbuchsprecherin.

Die neu ins 3sat-Programm gesetzte „Leseshow“ erinnert an ein altes Format, nämlich an die Reihe „Was liest du?“, die einst Jürgen von der Lippe mit Gästen im Dritten Programm WDR Fernsehen veranstaltete (2003 bis 2010, außerdem noch 2014) und deren Folgen dort immer noch wiederholt werden. Auf YouTube gibt es zudem seit einiger Zeit als neues Format des inzwischen 69-jährigen Künstlers „Lippes Leselust“ zu sehen. Jürgen von der Lippe stellte in seiner WDR-Sendung überwiegend Bücher von eher unbekannten Autoren vor, die aber einen ‘hohen Spaßfaktor’ hatten. Auch das war schon „Comedy-Reading“. Allerdings hatte von der Lippe noch einen literarischen Anspruch, den Katrin Bauerfeind in ihrer „Leseshow“ nicht mehr hat. Ihr geht es nur noch um Textbausteine, die ein komisches Potenzial haben, um sie für eine im besten Fall geistreiche Unterhaltung zu nutzen.

01.12.2017 – Brigitte Knott-Wolf/MK