Bares für Rares – Deutschlands größte Trödelshow. Abendausgabe mit Horst Lichter und Steven Gätjen (ZDF)

Fernsehen mit Patina

02.07.2017 • Auf dem Lerchenberg in Mainz kommen sie aus dem Sektkorkenknallen wahrscheinlich gar nicht mehr heraus. „Bares für Rares“, die ZDF-Trödelshow mit Fernsehkoch Horst Lichter, ist die derzeit erfolgreichste TV-Sendung im werktäglichen Nachmittagsprogramm. Sie kann nicht nur auf Nominierungen beim Grimme-Preis wie dem Deutschen Fernsehpreis in diesem Jahr verweisen. Sie lehrt auch die Nachmittags-Soap „Sturm der Liebe“, die direkte Konkurrenz im Ersten Programm der ARD, das Fürchten. In Zahlen: Jede Folge „Bares für Rares“ (15.05 bis 16.00 Uhr) verfolgen annähernd 3 Mio Zuschauer – was einem Marktanteil von im Schnitt 20 Prozent und mehr entspricht.

Und jetzt auch noch das: Die erste abendfüllende Ausgabe, ausgestrahlt an Fronleichnam um 20.15 Uhr, war mit 6,48 Mio Zuschauern (23,9 Prozent Marktanteil) die im bisherigen Fernsehjahr meistgesehene ZDF-Unterhaltungssendung überhaupt. Selbst die sonst garantiert zuschauerstarke Gangstersuche bei „Aktenzeichen XY“ wurde getoppt. Ein unfassbares Quotenwunder ist also diese Sendung bar jeder Aufregung, die zwar zugegeben nett und solide gemacht, aber stets mit dem Hautgout der dort präsentierten angestaubten Artefakte behaftet ist. Dass „Bares für Rares“ auch am Hauptabend glänzen konnte, ist jedenfalls ein Rätsel und lässt sich mit Steven Gätjen, den das ZDF Lichter erstmals als Komoderator zur Seite gestellt hat, schon gar nicht lösen. Aber von vorn.

Im August 2013 schob das ZDF seinem digitalen Ableger ZDFneo zum Test ein Format der Produktionsfirma Warner Bros. unter, in dem der prominente Schnauzbartträger Horst Lichter Hinz und Kunz die Möglichkeit bietet, lästigen Nippes gegen Bargeld einzutauschen. Zutiefst seriös auftretende Experten für Schmuck, Antiquitäten und sonstigen alten Kram nehmen eine erste Wertschätzung vor. Sie holen Lupe und Säure (für den Gold-Test) hervor und erklären, wann Granat groß in Mode war oder was ein Cabochon-Schliff ist. Aufgabe des leutseligen Lichters ist, die besondere, meist sehr emotionale Geschichte hinter dem Exponat („mein Großvater war Marinesoldat in Tsingtao, als er meiner Großmutter…“) zu erfragen.

Danach geht es ab in einen nüchternen Nebenraum, wo es zwar nicht so aussieht, aber zugeht wie auf dem Bazar. Im Halbrund sitzen die perfekt nach den Regeln des Type-Castings ausgesuchten Händler – das Louis-de-Funès-Double aus Regensburg, der gepiercte Gothic-Fan aus Sachsen, die kühle Blonde aus dem rheinischen Kerpen und so fort. Und dann wird um jeden Euro gefeilscht. Kommt man ins Geschäft, zückt der Käufer sofort das Portemonnaie und blättert die Hunderter auf den Tisch.

Natürlich hoffen Lichters Gäste, und die Zuschauer daheim mit ihnen, eine echte Rarität in der Schatulle oder auf dem Speicher zu haben und dafür den bestmöglichen Preis zu erzielen. Oft genug erfüllt sich diese Erwartung nicht. Die Idee, antike Broschen, Fischteller mit Goldrand oder nachgedunkelte Ölschinken vor einer Fernsehkamera auf ihren Wert schätzen zu lassen, ist indes ebenso wenig selten geschweige denn originär. „Kunst und Krempel“ zum Beispiel, der Fernsehflohmarkt des Bayerischen Rundfunks, pilgert seit mehr als 30 Jahren von Schloss zu Schloss, um in durchlauchtem Ambiente Familienschätze unter die Lupe zu nehmen, auch die des ‘bürgerlichen’ Prekariats. Und auf RTL 2 rückte bereits 600 Mal „Der Trödeltrupp“ aus, um das „Geld“, das „im Keller liegt“, ans Licht zu holen (neuerdings übrigens nicht nur am Vorabend, sondern auch in sechs Jubiliäumsfolgen dienstags zur Primetime).

Warum sich ausgerechnet „Bares für Rares“ in der Nische so herausragend entwickeln konnte, so dass das ZDF alsbald die Sendung ins Hauptprogramm holte? An dieser Frage haben sich bereits diverse Fernsehexperten abgearbeitet. Ob es an der „geschickten Kombination aus menschlichen Schicksalen und den Prinzipien der Castingshow“ („Süddeutsche Zeitung“) liegt oder an der „sozialen Frage des Entrümpelns“ („Die Zeit“)? Oder weil, wie es Horst Lichter im ZDF-PR-Interview formuliert, „die Menschen wieder ein Format haben möchten, das ehrlich ist, das echt ist“? Plausibel auch das: Das Publikum ist der Telenovelas, Kochshows, Reality-Shows und Zoo-Geschichten am Nachmittag überdrüssig.

Beschwipst vom Erfolg und mit dem Gespür, dass der Geschmack offenbar gerade stark in Richtung Fernsehen mit Patina geht, ging das ZDF also mit „Bares für Rares“ das Risiko Primetime ein – was letztlich keines war; von Quiz- und Rateshows am Abend hat man ja auch schon genug. Der Sendezeit von 90 Minuten entsprechend gönnte sich das „Bares-für-Rares“-Ensemble ein bisschen mehr Glanz in der sonst bescheidenen Fernsehhütte. Es ging raus aus dem Industrial Style eines Walzwerks und hinein in ein Schloss im Bergischen Land. Im sonnenlichtgefluteten Hof herrschte Jahrmarktatmosphäre, Schaulustige schauten dem vertrauten Personal über die Schulter. Ein großes „Aha“, als plötzlich Boris Becker herbeihumpelte (die kranke Hüfte?) und seinen Tennisschläger (mit Naturdarm bespannt!) feilbot, wobei es nicht außergewöhnlich ist, dass auch Prominente bei „Bares für Rares“ Lieblingsstücke für einen guten Zweck veräußern wollen.

Ansonsten blieb bei der Abendausgabe der Trödelshow – eine zweite Ausgabe ist für den 13. Juli geplant – dramaturgisch alles beim Alten. Bis auf diese Merkwürdigkeit: Sobald die Expertin oder der Experte ihr Wort gesprochen hatten, verabschiedete sich Gastgeber Lichter geschwind, wohin auch immer, jedenfalls nicht ins Schloss, denn dort empfing Steven Gätjen die Verkaufswilligen. Seine Rolle: Hände schütteln und nach dem Befinden fragen. Überflüssig.

Dass die ganz große Zukunft des nicht mehr ganz so neuen Moderatorenzugangs beim ZDF noch immer in der traurigen Gegenwart feststeckt, ist wahrscheinlich auch auf dem Mainzer Lerchenberg als Problem erkannt. Gätjen und das ZDF experimentieren noch immer miteinander. Ein bisschen „Versteckte Kamera“ hier, ein bisschen Kino-Magazin dort. Seit April moderiert Gätjen außerdem ein Format auf ZDFneo, das voll im Trend liegt: In „Clever abgestaubt“, einer Adaption der BBC-Show „For What It’s Worth“ und Sendeplatz-Nachfolger von „Bares für Rares“, erspielen Kandidaten antike Gegenstände, deren Wert ihnen nicht bekannt ist. Sekttauglich war das bislang nicht.

02.07.2017 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 14/2017

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