Asli Özarslan: Leyla. Eine kurdische Bürgermeisterin in der Türkei. Reihe „Junger Dokumentarfilm“ (SWR Fernsehen)

Bitte mehr solche Filme

03.11.2017 • Wackelige Amateurfilmaufnahmen aus dem Jahr 1993 zeigen Bilder vom Neujahrsfest in Cizre. In dieser mittelgroßen Stadt im Osten der Türkei nahe der syrischen Grenze leben vorwiegend Kurden. Plötzlich fährt ein Panzerwagen der türkischen Militärpolizei vor. Bewaffnete Soldaten zielen auf Zivilisten, treiben die Menschen in die Häuser. Frauen und Männer werden ergriffen und mit brutaler Gewalt in Militärfahrzeuge gezerrt. Schüsse fallen. Während das Bild verwackelt, vermutlich weil der Kameramann um sein Leben rennt, ist die kommentierende Stimme von Leyla Imret zu hören, die diese Szenen als Kind miterlebt hat: „Ein Panzer kam auf mich zu. […] Ich habe auf dem Boden so viele tote Menschen gesehen. Es riecht total nach Blut, überall.“

Mit diesen Szenen, die in ausführlicher Version auch als YouTube-Video verfügbar sind (dort allerdings auf das Jahr 1992 datiert werden), führt einem die Filmregisseurin Asli Özarslan schockierende Bilder von bürgerkriegsähnlichen Zuständen in der Türkei vor Augen. In ihrem einstündigen Dokumentarfilm „Leyla. Eine kurdische Bürgermeisterin in der Türkei“ – der in einer elf Minuten längeren Fassung unter dem Titel „Dil Leyla“ auf Festivals gezeigt wurde – geht es aber nicht nur um das Vorgehen der türkischen Miliz gegen jene Kurden, die sich in der kurdischen Arbeiterpartei PKK organisiert haben. Özarslan porträtiert in ihrem Film insbesondere die heute 28-jährige Leyla Imret, die, nachdem sie als Kind das Massaker von Cizre miterleben musste, zu Verwandten nach Deutschland geschickt wurde. Sie wächst im beschaulichen Bremen auf, wird Friseurin und verdrängt die Horrorbilder ihrer frühen Kindheit. Vorerst.

Als Erwachsene googelt sie aber irgendwann ihren Familiennamen und erfährt, dass ihr Vater ein PKK-Aktivist war, der in einem Gefecht mit türkischen Militärs erschossen wurde. Daraufhin kehrt Leyla 2008 erstmals in ihre kurdische Heimat zurück. Die Tochter des verehrten Märtyrers wird dann 2014 im Alter von 26 Jahren zur Bürgermeisterin von Cizre gewählt und ist damit landesweit die jüngste Person, die ein solches Amt innehat. Der Film begleitet sie mit der Kamera und dokumentiert, mit welchem Elan die Kommunalpolitikerin der prokurdischen Partei HDP ihre Amtsgeschäfte führt (es ist das Jahr 2015), von der Planung eines Parks bis hin zur Lösung hygienischer Probleme bei einem Ortstermin. Menschen auf den Straßen von Cizre verehren die Bürgermeisterin, die kein Kopftuch trägt.

Der Film fängt die Aufbruchstimmung in den Jahren 2014/15 ein, als die Kurdenpolitik des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan noch auf eine Deeskalation hinauszulaufen schien. Das änderte sich, als die prokurdische Partei HDP bei den Wahlen im Juni 2015 in der Türkei als drittstärkste Fraktion in das Parlament einzieht. Das Ziel der Kurden, jenes konservativ-islamische Präsidialsystem zu verhindern, das in der Türkei inzwischen Wirklichkeit wurde, ist den Machthabern offenbar ein Dorn im Auge.

Warum genau aber nach den Wahlen von 2015 die Stimmung kippt und die Kurdenhochburg Cizre zweimal eingekesselt und schließlich in Schutt und Asche gelegt wird, wird im Film nicht wirklich klar. Eingeblendete Schrifttafeln geben einen groben Überblick über die Lage in der 120.000-Einwohner-Stadt – deren Zerstörung von deutschen Medien kaum aufgegriffen wurde. Mit einer Ausnahme: Als der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel („Die Welt“) den damaligen türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu in einer Live-Sendung fragte, was in Cizre geschehen sei, verärgerte er die Machthaber in der Türkei offenbar so sehr, dass er Anfang 2017 unter einem Vorwand verhaftet wurde.

Asli Özarslans Film macht indirekt deutlich, dass die junge Politikerin mit ähnlich fadenscheinigen Mitteln kaltgestellt wurde. Als sich abzeichnet, dass der HDP im Parlament in Ankara Steine in den Weg gelegt werden, obwohl sie die 10-Prozent-Hürde klar übersprungen hat, lässt die verärgerte junge Bürgermeisterin sich in einem Interview unvorsichtigerweise dazu hinreißen, mit einem „Bürgerkrieg“ zu drohen. Ob sie tatsächlich drohte oder nur falsch zitiert wurde, wird auch nicht ganz klar. Für die Machthaber war dieses Interview jedoch Grund genug, sie im September 2015 – also lange vor dem Putschversuch gegen Erdogan im Juli 2016 – ihres Amtes zu entheben. Die Lage wird nun unübersichtlich, es gibt nur noch wenige Aufnahmen der zwischenzeitlich verschollenen Leyla, die einmal zu sehen ist, wie sie im Schlafsack liegt und auf dem Smartphone Bilder ihrer Freunde aus Deutschland ansieht, die sie vermisst. Schließlich mussten die Dreharbeiten ganz abgebrochen werden, das Filmteam wurde genötigt, das Land verlassen. Inzwischen ist Leyla Imret wieder in Deutschland angelangt (Stand: Oktober 2017).

Durch die unterschiedlichen Schauplätze im Film, der zwischen dem idyllisch anmutenden Bremen und dem zerbombten kurdischen Krisengebiet mehrfach wechselt, entsteht eine beunruhigende Atmosphäre. Einerseits erscheint der militärische Konflikt im Osten der Türkei recht fern. Doch durch die charismatische deutsch-türkische Protagonistin, deren Verhalten und Sprechweise sehr vertraut wirken, rückt die Auseinandersetzung andererseits in eine seltsame Nähe. Mit ihrem Film, der zugleich ihre Diplomarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg ist, ergreift Asli Özarslan Partei für Leyla Imret, jedoch ohne agitatorisch zu wirken. Dank dieses Films erhält eine mutige Türkin – die im Gegensatz zu vielen hierzulande lebenden Deutsch-Türken Erdogan wohl nicht als „ihren“ Präsidenten bezeichnen würde – eine Stimme. Bitte mehr solche Filme!

„Leyla. Eine kurdische Bürgermeisterin in der Türkei“ wurde im Dritten Programm SWR Fernsehen im Rahmen der Reihe „Junger Dokumentarfilm“ ausgestrahlt. Deren inzwischen 17. Staffel bestand aus insgesamt vier Produktionen, die am 4., 11., 18. und 25. Oktober 2017 (mittwochs) um 23.30 Uhr gesendet wurden.

03.11.2017 – Manfred Riepe/MK