Ashwin Raman/Thomas Michel: Im Nebel des Krieges – An den Frontlinien zum „Islamischen Staat“. Reihe „Die Story im Ersten“ (ARD/SWR)

Irritierende Momentaufnahmen

Über die aktuellen Konflikte im Nahen Osten wird schon wegen der Flüchtlingsströme nahezu in allen Medien täglich berichtet. Aus den betroffenen Ländern selbst erfährt man hingegen vergleichsweise wenig, da Journalisten ihrer Arbeit dort ohne Gefahr für Leib und Leben kaum noch nachgehen können. Ashwin Raman, deutscher Reporter mit indischen Wurzeln, hat sich in der Vergangenheit um derlei Hemmnisse nicht sonderlich geschert und immer wieder mit – mehrfach preisgekrönten – Berichten aus Krisengebieten wie Somalia, Afghanistan und dem Irak für Aufsehen gesorgt. Für seine neue Reportage „Im Nebel des Krieges“ reiste der Autor im vergangenen Sommer drei Monate lang kreuz und quer durch die Kriegsgebiete in Syrien und im Irak, wo die Terrororganisation wütet, die sich selbst „Islamischer Staat“ (IS) nennt.

Zunächst macht Raman Station auf dem US-Flugzeugträger „Theodore Roosevelt“, der den USA als Stützpunkt für ihre Luftschläge im Kriegsgebiet dient. Zu Details ihrer Einsätze wollen sich die Soldaten erwartungsgemäß nicht äußern. Aber vielleicht können sie das auch nicht. Denn ganz genau, so ein Kommandant, wisse er auch nicht, wer da in den Einsatzgebieten gerade gegen wen kämpfe. Ihre Zielorte bekämen die Piloten stets kurzfristig, meistens sogar erst in der Luft, mitgeteilt. Es folgen – von den US-Militärs zur Verfügung gestellte – Bilder eines Luftangriffs auf die irakische Stadt Ramadi, auf denen zu sehen ist, wie ein Mann vergeblich zu flüchten versucht. „Ein IS-Kämpfer, ein Zivilist?“, fragt Raman im Off. Ein Frage, die er so wenig zu beantworten weiß wie vermutlich der Pilot, der ein Geschoss auf Ramadi abgefeuert hat.

Später ist der Reporter mit schiitischen Milizionären im Irak unterwegs, die gegen den IS kämpfen. „In anderen Zeiten würden die Schiiten auf amerikanischen Terrorlisten landen. Jetzt sind sie Verbündete“, heißt es dazu im Kommentar. Einer der Milizionäre ist auf die USA allerdings nicht gut zu sprechen. „Ihre Luftschläge helfen uns überhaupt nicht“, sagt er. Mehrfach seien sie sogar selbst bombardiert worden. Stimmt das? Wenn ja, läuft da irgendwas schief oder steckt Kalkül dahinter? Die Reportage lässt solche Fragen offen, da eine Überprüfung der Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt vermutlich ohnehin aussichtslos wäre.

Vergleichbare Statements gibt es in dem 45-minütigen Film von Ashwin Raman immer wieder zu hören, der auch gar keine Anstalten macht, sich als allwissender Analytiker dieses komplexen Konflikts zu geben. Insofern ist der Titel der Reportage gut gewählt. Meint die auf Clausewitz zurückgehende Formulierung unter Militärs doch, dass kriegswichtige Informationen aufgrund verschiedener Umstände einen Unsicherheitsfaktor aufweisen. So hinterlässt der Film den Zuschauer eher ratlos, als dass er Licht ins Dunkel der widersprüchlichen Informationen brächte.

Und dann sind da noch irritierende Momente wie das zufällige Zusammentreffen mit dem Hollywood-Schauspieler Michael Enright („Fluch der Karibik“) in einem Hotel. Er sei in den Nahen Osten gekommen, um so viele IS-Kämpfer wie möglich zu töten, sagt der Akteur und untermalt seine Worte mit martialischen Gesten. Eine seltsam gespenstische Szene. Zwischendurch ist Ashwin Raman dann auch in einer bayerischen Kaserne, wo kurdische Peschmerga-Kämpfer an einem Waffensystem der Bundeswehr ausgebildet werden. „Deutschland liefert erstmals Waffen in ein Kriegsgebiet, ohne Kontrolle über deren Einsatz zu haben“, kommentiert Raman die Bilder nüchtern. Ob er das für einen Fehler hält oder in diesem Fall in Ordnung findet, sagt er nicht.

Zwischendurch hat die Reportage, die der Journalist einmal mehr als Ein-Mann-Team gedreht hat, auch immer wieder Momente des Nervenkitzels. So ist er unterwegs mit Milizen beim Häuser­kampf, wo Gewehrsalven zu hören sind, oder an Frontlinien, wo Gespräche schon mal durch Granateneinschläge unterbrochen werden. In der Nähe von Sindschar (Irak) spricht Raman mit einem Peschmerga-Soldaten, der seine Vorfreude auf den nahen Urlaub kundtut. Nur 15 Minuten, nachdem diese Bilder entstanden, sei der Soldat von einem IS-Scharfschützen erschossen worden, erfährt man dann.

Nun könnte man Ashwin Raman angesichts dieser Sequenz ankreiden, er habe hier nur auf die Gefahr hinweisen wollen, in die er sich selbst begeben hat. Der Informationsgehalt der Bilder zum Verständnis dieses Krieges war schließlich gleich Null. Natürlich weiß man, dass es in Kriegen Tote gibt, aber Kriegsberichterstattung hat auch mit der Sichtbarmachung des Leids und also mit Emotionen zu tun. Rätselhaft blieb bei diesen irritierenden Momentaufnahmen lediglich die Rolle von Thomas Michel, der im Abspann des Films (1,67 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,9 Prozent) zugleich als Regisseur und Redakteur aufgeführt wurde.

19.02.2016 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 6/2017

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren