Artem Demenok: Schatten des Krieges (I): Das sowjetische Erbe / Andreas Christoph Schmidt: Schatten des Krieges (II): Das vergessene Verbrechen (ARD/RBB/NDR)

Überlebende deutscher Massaker

Am 22. Juni jährte sich der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion zum 75. Mal. 27 Millionen Opfer forderte der Krieg im angegriffenen Land und dennoch ist das Ausmaß der deutschen Verbrechen, das den Publizisten Joachim Fest 1973 in „Hitler. Eine Biographie“ dazu veranlasste, vom „dritten Weltkrieg“ zu sprechen, in der hiesigen Öffentlichkeit nicht in angemessenem Umfang präsent. „Schatten des Krieges“, der Titel der zweiteiligen ARD-Dokumentation, die aus Anlass des Jahrestages im Rahmen der Reihe „Geschichte im Ersten“ gesendet wurde, spielt darauf an, ebenso der Untertitel des zweiten Teils („Das vergessene Verbrechen“).

Artem Demenok, Regisseur und Autor des ersten Teils, und Andreas Christoph Schmidt, Macher des zweiten Films, bekamen 2007 gemeinsam den Grimme-Preis für die Dokumentation „Deutsche Lebensläufe: Fritz Lang“ (ARD/SWR) – Demenok in seiner Eigenschaft als Autor, Schmidt als Produzent. Als Mitinhaber der Firma Schmidt & Paetzel hat Christoph Schmidt nun auch „Schatten des Krieges“ produziert.

Im ersten Film gibt Artem Demenok einen Überblick zur Gedenkkultur in der Sowjetunion und im heutigen Russland. Er zeigt anhand von Ausschnitten aus Spielfilmen wie „Die unsterbliche Garnison“ (1956), welches Bild vom Krieg vermittelt wurde. Außerdem geht er darauf ein, was die sowjetische Nachkriegspropaganda, natürlich, nicht aufarbeitete: dass die Führung nicht vorbereitet gewesen war auf den deutschen Angriff.

Ein wichtiges filmisches Motiv sind im ersten Teil die Bilder der „Ehrenwachen“, die an verschiedenen Gedenkstätten patrouillieren, wo zur Erinnerung an die Opfer das „ewige Feuer“ brennt, etwa am Pantheon des Großen Vaterländischen Krieges in Wolgograd. In dieser Stadt, dem früheren Stalingrad, starben allein am 23. August 1941, dem ersten Tag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion, 40.000 Menschen.

Wie so oft bei Filmen, die in den vergangenen Jahren über die Zeit des Zweiten Weltkriegs entstanden sind, hat auch in diesem Fall der Regisseur die wohl letzte Chance genutzt, mit überlebenden Zeitzeugen zu sprechen. Zu den Stärken des Films gehört, wie Artem Demenok ihre O-Töne einsetzt. Überlebende deutscher Massaker – etwa eine Zeugin des Massenmordes in der Schlucht von Babi Jar, in der fast 34.000 Juden ermordet wurden – kommen hier teilweise mehrere Minuten am Stück zu Wort. Diese Zeitzeugen sind weit mehr als Stichwortgeber, sie tragen den ersten Teil.

Der zweite Teil, „Das vergessene Verbrechen“, hat zwei Schwerpunkte. Andreas Christoph Schmidt beschreibt hier die grauenvollen Verhältnisse und das Ausmaß der Verbrechen in deutschen Kriegsgefangenenlagern – etwa im Lager Wietzendorf in Niedersachsen, in dem es anfangs nicht einmal Gebäude gab, weshalb die Häftlinge in Erdhöhlen schlafen mussten, oder in Masjukowtschina bei Minsk, wo 80.000 Sowjetbürger zu Tode kamen. Außerdem rückt Schmidt das Bild in den Blick, das die Deutschen sich vom Krieg gegen die Sowjetunion machten. Er zeigt Ausschnitte aus „Wochenschau“-Ausgaben, in denen „gefangene Bolschewisten“ verhöhnt werden, und greift zurück auf Fotos, die deutsche Täter gemacht haben, unter ihnen ein Wachmann im sächsischen Strafgefangenenlager Zeithain.

Mehrfach lässt Schmidt Sprecherin Franziska Arnold solche „Erinnerungsfotos“ protokollarisch-kühl beschreiben. Der Autor gibt dem Zuschauer Zeit, die Bilder der „deutschen Fotoamateure“ bzw. „Hobbyfilmer mit Ambitionen“ auf sich wirken zu lassen. Einige Aufnahmen sind schockierend – darunter eine von einem Toten, dem Mitgefangene, von ihrem Hunger in den Wahnsinn getrieben, die Leber herausgerissen hatten. „Warum macht einer solche Aufnahmen?“, fragt Schmidt. Jedenfalls nicht, wie sein Film „Das vergessene Verbrechen“ deutlich macht, um auf die unerträgliche Umstände in den Lagern aufmerksam zu machen. Sondern um die Gefangenen als Monster darzustellen.

Warum Andreas Christoph Schmidt so ausführlich die privaten Aufnahmen zeigt, wird deutlich, als er sein Fazit zieht. Vom Holocaust, sagt er, unterscheide sich der Mord an den drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen unter anderem dadurch, dass in letzterem Fall die Täter „ihre Verbrechen dokumentiert haben, als wären sie sich keiner Schuld bewusst“.

Die zwei Teile von „Schatten des Krieges“ sind nüchtern in der Machart, und das ist gut so, denn jede Effekthascherei – in der Reihe „Geschichte im Ersten“ ohnehin verpönt – hätte die Eindringlichkeit des Gesagten und Gezeigten gemindert. Ins sehr gute Gesamtbild der Produktion fügt sich auch die mit Sorgfalt ausgewählte Musik ein: im ersten Teil die minimalistischen, dezenten Sounds von Alva Noto und Ryuichi Sakamoto (die auch für den Score des Oscar-prämierten Films „The Revenant“ verantwortlich sind), im zweiten Teil die spirituell angehauchte Komposition „Fratres“ von Arvo Pärt. Bei der ARD-Ausstrahlung hatte der erste Teil 730.000 Zuschauer (Marktanteil: 7,8 Prozent), der zweite 770.000 (6,5 Prozent). Das Dritte Programm RBB Fernsehen wiederholt die beiden Teile von „Schatten des Krieges“ am 28. Juni (Dienstag). Die beiden 45-minütigen Filme werden dann ab 22.45 Uhr hintereinander ausgestrahlt.

24.06.2016 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 6/2017

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren