Arte produziert erste fiktionale Serie zur Flüchtlingsthematik 

Wenn die Verantwortlichen des deutsch-französischen Fernsehsenders Arte die Einschätzung zu hören bekommen, sie machten ein elitäres Programm, reagieren sie leicht pikiert. Auf der Jahrespressekonferenz von Arte am 5. Februar in Hamburg betonte Bernd Mütter, der stellvertretende Programmdirektor, noch einmal, dass dieses Vorurteil nicht mehr zeitgemäß sei. Mütter begründete dies damit, dass im Jahr 2015 in Deutschland 8,7 Mio Menschen Arte mindestens einmal wöchentlich für 15 Minuten eingeschaltet hätten.

Die Marktanteilszahlen von Arte wirken dagegen bescheidener. Im Durchschnitt lag er 2015 in Deutschland bei einem Prozent – wie im Jahr zuvor. Hervorhebenswert fand Mütter unter anderem, dass im vergangenen Jahr der „Summer of Peace“ (vgl. MK-Artikel) die bisher beste Quote unter den popkulturhistorischen Sommerprogrammn-Schwerpunkten des Senders erreichte (im Schnitt 1,65 Prozent). Für die Produktion von Inhalten für Arte hätten den Sendeanstalten der ARD und dem ZDF 2015 insgesamt 90 Mio Euro zur Verfügung gestanden, sagte Peter Latzel, der Geschäftsführer von Arte Deutschland, auf der Pressekonferenz. 2016 würden es 91 Mio sein, ergänzte er.

Der europäische Auftrag

Seinen ersten offiziellen Auftritt als Präsident von Arte (Sendersitz: Straßburg) hatte in Hamburg SWR-Intendant Peter Boudgoust, der seinen zusätzlichen Job zu Beginn dieses Jahres übernahm. Er ging in seiner Rede auf die veränderte gesellschaftspolitische Lage ein: „Das Erstarken europaskeptischer und extremistischer Parteien“ mache „uns als Sender mit europäischem Auftrag nachdenklich“, sagte er. Zumal dieses „Erstarken“ auch Folgen für die Arbeit von Journalisten hat. Ende Januar setzte Arte die Kooperation mit dem polnischen Sender TVP aus, weil die rechtsnationale Regierungspartei PiS mit Hilfe eines neuen Mediengesetzes die öffentlich-rechtlichen Programme in Polen nun de facto kontrolliert (vgl. MK-Meldung). „Pluralismus und redaktionelle Unabhängigkeit“ seien „Grundpfeiler der freien Presse“, sagte Boudgoust zur Begründung der Entscheidung in Sachen TVP.

Die große Arte-Dokumentation zum Thema Rechtsruck heißt „Rechts, zwo, drei – Driftet Europa ab?“; sie ist für April geplant. Hieran sind, wie beim Projekt „Flucht nach Europa“, dessen erster Teil für den Grimme-Preis nominiert wurde und dessen zweiter am 2. Februar im Arte-Programm lief, drei Produktionsfirmen beteiligt: Eco Media, Spiegel TV und Kobalt, normalerweise Konkurrenten, bündeln bei diesen Filmen ihre Kräfte, um ein komplexes Thema so umfassend wie möglich behandeln zu können.

Anlass für historische Schwerpunkte unterschiedlichster Art liefern 2016 unter anderem folgende runde Jahrestage: jeweils im April der 400. Todestag William Shakespeares (der dem Arte-Publikum gleich neun Sendungen beschert) und der 30. Jahrestag der Katastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl sowie im Mai der 70. Jahrestag der Gründung der ostdeutschen Film- und TV-Produktionsfirma Defa. Zu den aktuellen Anlässen für Schwerpunkte gehören die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro; dazu sind vier Dokus geplant.

Vor- und zurückspulen

Das derzeit ambitionierteste Projekt des Senders wird noch länger auf sich warten lassen: die Produktion der ersten fiktionalen Serie zur Flüchtlingsthematik. Arte-Vizepräsidentin Anne Durupty kündigte in Hamburg an, dass ein deutsch-französisches Drehbuchautorenteam daran arbeite. 2017 werde die Serie zu sehen sein, so Durupty. Es handelt sich um das zweite Projekt der Reihe „Tandem“, bei dem der SWR mit Arte France kooperiert. Im Januar 2015 waren die ersten Ergebnisse dieser Zusammenarbeit zu sehen gewesen: ein deutscher und ein französischer Spielfilm über Atomkraft, jeweils gedreht aus der speziellen Perspektive eines der beiden Länder (vgl. MK-Kritik).

Wenn die Serie zum Thema Flüchtlinge fertig ist, dürfte man Arte längst noch auf eine andere Weise zu rezipieren als bisher. Vize-Programmdirektor Mütter kündigte in Hamburg an, es werde für Besitzer von HbbTV-fähigen Geräten künftig ab fünf Uhr morgens möglich sein, im Arte-Tagesprogramm „vor- und zurückzuspulen“. An der Umsetzung arbeite man gerade. Zuschauer könnten sich Teile des Abendprogramms dann schon „zum Frühstück anschauen“, frohlockte Mütter. Dies wird naturgemäß nicht für live produzierte Formate gelten. Bei einigen Sendungen seien auch rechtliche Einschränkungen möglich, so Mütter. Eine weitere technische Neuerung präsentierte er bereits auf der Pressekonferenz: die seit Dezember 2015 verfügbare Mobilgeräte-App „Arte 360°“. Hier kann der Nutzer bei kurzen Filmen aus den Bereichen Kultur, Natur und Wissen („Das Schloss Fontainebleau“, „Micheangelos majestätische Marmorberge“) quasi selbst zum Kameramann werden, indem er einen Finger auf dem Bildschirm verschiebt. Das Angebot besteht derzeit aus 14 Videos.

16.02.2016 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 14/2016

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