Annette Hess/Sven Bohse: Ku’damm 56. 3‑teilige Fernsehfilmreihe (ZDF)

Ein Höhepunkt des Fernsehjahres

Ganz am Ende des ZDF-Dreiteilers „Ku’damm 56“, da entlädt sich alles in einer großen Schlägerei: Die ewige Disziplin, das ständige „Haltung bewahren“, all die Unfreiheit, die lebensfeindlichen Zwänge und Konventionen. Es ist ein Moment der puren Emotion in einer Welt, in der Gefühle als gefährlich gelten, als Störenfriede und unerwünschte Verführer in einer vermeintlichen Ordnung: Westdeutschland im Jahr 1956.

Caterina Schöllack (Claudia Michelsen), deren Mann aus dem Krieg nicht heimkam, ist der Inbegriff dieser Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung: Die Inhaberin der Tanzschule „Galant“ mitten auf dem Berliner Ku’damm hat ihr Kleinunternehmen und ihre drei Töchter gut im Griff. Noch. Denn so langsam bekommt die Fassade Risse. Die eine Tochter, Monika (Sonja Gerhardt), gerade von der Hauswirtschaftsschule geflogen, widersetzt sich zunehmend selbstbewusst den mütterlichen Vorstellungen davon, welche Art von Leben eine Frau zu führen hat. Monika steht damit im Gegensatz zu ihren Schwestern Helga (Maria Ehrich) und Eva (Emilia Schüle), die beide das zentrale Credo von „Muttchen“ (und ihrer Zeit) verinnerlicht haben: Lebensziel der Frau ist es, eine gute Partie zu machen – je vermögender, desto besser.

Derlei primär wirtschaftliche Pläne werden auf eine – aus heutiger Sicht – geradezu grotesk unverblümte und auch schauderhaft gefühlskalte Weise vorangetrieben. Da rät die Frau Mama der als Krankenschwester arbeitenden Tochter Eva, die sich den Psychiater Jürgen Fassbender (Heino Ferch) mit seiner 12-Zimmer-Villa in Dahlem ausgeguckt hat: „Kümmer’ du dich lieber um deinen Professor, solange er noch lauwarm ist!“ Und Monika, die vom verwöhnten Industriellensohn Joachim Frank (Sabin Tambrea) brutal vergewaltigt wurde, wird von der Mutter nicht nur gedrängt, die Einladung anzunehmen, als dieser das völlig verstörte Mädchen anschließend gewissermaßen zur Versöhnung ausführen möchte. Sondern sie rät ihrer Tochter darüber hinaus, sich fürs Date auch verführerisch aufzumachen – denn mit einem Heiratsantrag von Joachim gegenüber Monika wäre schließlich das ganze „Missverständnis“ der Vergewaltigung aufs Trefflichste erledigt, da in die verschwiegenen Bahnen der Ehe gelenkt.

Es ist die Stärke der feinen Figurenzeichnung von Drehbuchautorin Annette Hess und des so facettenreichen und lustvollen Spiels von Claudia Michelsen, dass diese Mutter hier dennoch nicht zum reinen Monster mutiert. Immer wieder scheint auch die existenzielle Notwendigkeit hinter diesem Verhalten hervor: der ja tatsächliche Mangel an Alternativen für junge Frauen in den 1950er Jahren, sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Dass es diese Caterina Schöllack nicht leicht hat dabei, ohne Ehemann an ihrer Seite die Tanzschule und die Familie zu managen, lassen Annette Hess und in der schauspielerischen Umsetzung Claudia Michelsen nur hin und wieder durch das stets auf Gesichtswahrung bedachte Äußere dieser Mutter aufblitzen, ebenso wie durchaus vorhandene Spuren von mütterlicher Liebe.

Ähnlich dezent gestreift wird der (vermeintliche) Widerspruch, dass diese selbst ja auch starke Frau, die bewusst allein bleibt und die wiederholten Heiratsanträge ihres langjährigen Geliebten Fritz Assmann (Uwe Ochsenknecht) ausschlägt, natürlich ebenso ein Opfer ihrer Zeit wie ihrer mangelnden Bildung und Phantasie ist, indem sie ihre Töchter trotz ihrer eigenen Unabhängigkeit vor allem zu braven Ehefrauen zu erziehen versucht. Klar ist nämlich auch, dass derlei weibliche Selbständigkeit eben nur durch die Männerverluste des Zweiten Weltkrieges gesellschaftlich ‘legitimiert’ ist. Ein sehr lebendiges Porträt wird da geschaffen, stellvertretend für so viele Tausende deutsche Frauen, die nach dem Krieg das Heft in die Hand nehmen mussten und dennoch an der Untermauerung der bestehenden Geschlechterrollen arbeiteten.

Es sind unfreie Jahre – die Kehrseite der Medaille aber ist der Rock’n’Roll! Dem Musikimport aus Amerika verfällt die zunächst eher verhuschte Monika zum Entsetzen ihrer Mutter bald ganz und gar. Monika lernt Freddy (Trystan Pütter) kennen, einen KZ-Überlebenden, der ein sympathischer Hallodri, Freigeist und Musiker ist. Und er ist trotz seiner Vergangenheit wohl die gewissermaßen gesündeste, weil freieste der in dem Dreiteiler auftretenden Figuren. Gemeinsam mit Freddy nimmt Monika an vom Ruch des Verbotenen umwehten Tanzwettbewerben teil und sie blüht dadurch deutlich sichtbar auf. Sonja Gerhardt, die man zuletzt in der RTL-Serie „Deutschland 83“ sah, spielt die Verwandlung vom Mauerblümchen zur selbstbewussten jungen Frau mit viel Energie und viel Talent. Und zudem so, dass die Stolpersteine und Schwierigkeiten, die mit einem solchen Bruch mit der Konvention einhergehen, nicht vergessen werden. Ohnehin fällt „Ku’damm 56“ nie der Nostalgie anheim, da sind die enorm bedrückend inszenierte Sexualmoral, die feige Verdrängung der Nazi-Vergangenheit und die allseitigen autoritär-lebensfeindlichen Strukturen davor.

Autorin Annette Hess gibt, nach der viel gelobten DDR-Serie „Weissensee“, auch der dreimal 90 Minuten langen Produktion „Ku’damm 56“ (Produktion: Ufa Fiction) ein höchst tragfähiges Rückgrat, indem sie sich erneut voll und ganz in mehr oder weniger ferne Zeiten und Protagonisten versenkt – liebevoll und zugleich schonungslos präzise. Jede der von ihr geschriebenen Figuren hat ihre eigene Geschichte, dennoch wirkt dieses Sittengemälde der verklemmten deutschen Nachkriegsjahre nicht überladen. Sogar der unsägliche Vergewaltiger Joachim Frank bekommt bei Annette Hess eine zweite Chance, die Möglichkeit zur (positiven) Entwicklung – eine (wohl vor allem für weibliche Zuschauer) schwer zu ertragende, aber mutige Entscheidung.

Der noch relativ junge Regisseur Sven Bohse setzt das ebenso ausgewogene wie lebensnahe Buch in stimmiges Zeitkolorit, feinfühlige Momente der psychologischen Annäherung an seine Figuren und nicht zuletzt in mitreißende Tanzszenen um. Auch die Arbeit von Ausstattung und Kostüm ist beeindruckend. Einzig die digitalen Effekte in den Totalen, gut sichtbar etwa in einem sich ankündigenden abendlichen Gewitter oder in so mancher am Computer erzeugten Straßenszene, zeigen dann doch ein gewisses Gefälle gegenüber internationalen Produktionen – angesichts von so viel geballter Qualität freilich ein vernachlässigbarer Einwand. „Ku’damm 56“ ist ein Höhepunkt dieses Fernsehjahres geworden, der für das ZDF auch ein Publikumserfolg war. Von Folge zu Folge stiegen die Quoten, zum Finale waren es 6,46 Millionen Zuschauer.

(Die Quoten im Einzelnen: Teil 1: 5,63 Mio Zuschauer, Marktanteil: 15,4 Prozent; Teil 2: 5,90 Mio, 17,5 Prozent; Teil 3, der wegen einer „ZDF-spezial“-Sendung zu den Brüsseler Attentaten 15 Minuten später begann als die anderen beiden Folgen: 6,46 Mio, 19,8 Prozent.)

02.04.2016 – Katharina Zeckau/MK