Ada Ushpiz: Hannah Arendt – Die Pflicht zum Ungehorsam (Arte)

Ein neuer Zugang

Leben und Werk von Hannah Arendt (1906 bis 1975) wurden schon häufig gewürdigt. In Margarethe von Trottas Kinofilm aus dem Jahr 2012 verkörperte Barbara Sukowa die bedeutende Denkerin des 20. Jahrhunderts. Und in seinem Porträt „Hannah  Arendt – Denken und Leidenschaft“ (Arte/BR 2006) ließ Autor Jochen Kölsch Zeitgenossen zu Wort kommen, die die deutsch-jüdische Wissenschaftlerin noch persönlich erlebt hatten.

Die Journalistin und Filmemacherin Ada Ushpiz wählt einen neuen Zugang. Ihr 90-minütiger Dokumentarfilm „Hannah Arendt – Die Pflicht zum Ungehorsam“, vom WDR ins Arte-Programm eingebracht, zeichnet zwar auch ein klassisches Porträt, doch dabei schlägt der Film immer wieder überraschende Brücken zu gegenwärtigen Brennpunkten und Krisenherden auf der ganzen Welt. Das hätte prätentiös wirken können. Eine erstaunliche Vielstimmigkeit bewahrt den Film jedoch davor, in einer intellektuellen Trockenübung zu erstarren.

In der nuanciert aufbereiteten Biografie findet Ada Ushpiz den Schlüssel für das Aufkeimen von Hannah Arendts politischer Kernthese. Arendt wurde zwar nicht religiös erzogen, dennoch legten ihre Eltern Wert auf ihre jüdische Identität. Wenn es wieder einmal zu antisemitischer Hetze ihres Lehrers kam, berichtete Hannah davon zu Hause der Mutter, die jedes Mal einen Protestbrief an die Schulleitung schrieb. Diese Beharrlichkeit prägte das Denken der Heranwachsenden ebenso wie die Entfaltung der nationalsozialistischen Ideologie, an der sie sich zeitlebens abarbeitete.

Der Dokumentarfilm versucht die berühmte Kernthese von der „Banalität des Bösen“ neu zu interpretieren. Arendt wurde kritisiert, weil sie Adolf Eichmann als „Hanswurst“ bezeichnete und den Organisator des Holocausts damit scheinbar entschuldigte. Nach der Lesart von Ada Ushpiz legte die Philosophin den Akzent vorwiegend darauf, dass Eichmann keine Empathie für deportierte Juden aufzubringen vermochte, weil er nur in Klischees dachte. Farblose Befehlsempfänger wie er fanden ein geistiges Zuhause in der totalitären Ideologie des Nationalsozialismus. Der „Trick“ solcher Befehlsempfänger sei es, das Mitgefühl, das sie eigentlich mit den Opfern würden empfinden müssen, umzuwandeln in ein Selbstmitleid der Täter, die sich darüber beklagten, dass sie einen Job wie die Deportation erledigen mussten. Was Mitläufern wie Eichmann laut Arendt abgehe, sei jene „Pflicht zum Ungehorsam“, mit der Denken überhaupt erst beginne.

Wie einflussreich dieses „Denken ohne Geländer“ geworden ist, zeichnet Ushpiz auf einer dokumentarischen Reise zu aktuellen politischen Krisenherden rund um den Globus nach. Obwohl die Welt sich inzwischen verändert hat, berufen Philosophen, Soziologen und Demonstranten in Kanada und der Ukraine, in Hongkong und Ägypten sich stets auf die Schriften der Philosophin als Inspirationsquelle. Der Disput zwischen dem palästinensischen Aktivisten Dror Etkes und einem israelischen Siedler, die einander an einer alten Quelle über den Weg laufen, vergegenwärtigt das von Arendt beschriebene Funktionieren von Ideologie. Der Siedler hat die Quelle in Besitz genommen, um die herum seiner Behauptung nach 15 Jahre zuvor nur ungenutztes Brachland lag. Als der Aktivist ihm mit Material auf seinem Laptop dokumentiert, dass die vermeintliche „Heimat“ des Siedlers einst von palästinensischen Bauern bewirtschaftet wurde, ist der Siedler zwar verblüfft – sein Weltbild stellt er aber nicht in Frage, „weil unser Recht auf dieses Land stärker ist“.

In dieser zufällig festgehaltenen Szene brennt die Luft. Der Film dokumentiert, wie Dror Etkes mit seiner gewaltfreien „Pflicht zum Ungehorsam“ dem verhassten Gegner unangenehme Fragen stellt und ihm dabei dennoch verbal die Hand reicht. Die Szene wirkt zwar etwas arrangiert; sie vermittelt jedoch das beklemmend authentische Gefühl, dass eine politische Aktion im Sinne Hannah Arendts immer mit einer unbequemen Form von Grenzüberschreitung beginnt. Mit solchen Szenen holt Ada Ushpiz das Denken der jüdischen Wissenschaftlerin aus dem Elfenbeinturm heraus. Das Interview, das Günter Gaus 1964 mit Hannah Arendt führte und auf das sich auch Ushpiz stützt, gilt zwar inzwischen als kanonisch. Originell ist ihr Film aber dennoch, weil er Arendts Denken entstaubt und in gegenwärtige politische Kontexte einrückt. Das macht die Qualität dieses nuancierten dokumentarischen Essays aus,  der im Rahmen des Arte-Schwerpunkts „Frauenpower – Die stille Revolution“ (5. bis 10. März) ausgestrahlt wurde. Der Film „Hannah Arendt – Die Pflicht zum Ungehorsam“ ist noch bis zum 7. Juni 2016 in der Arte-Mediathek zum Anschauen abrufbar (hier der Link dorthin).

20.03.2016 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 6/2017

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